Der Schrei von Sophie schnitt durch den Garten.
„Papa!“
Ich rannte hinaus.
René lag neben dem Gewächshaus auf dem Boden. Sophie kniete neben ihm und hielt seine Hand. Für einen schrecklichen Moment dachte ich, wir hätten ihn verloren. Doch dann bewegte er sich.
„Ich bin okay“, presste er hervor. „Nur erschrocken.“
Ich sah mich um. Zwischen den Bäumen war niemand zu erkennen. Der Schuss hatte nicht René getroffen. Er hatte nur die Holzsäule neben ihm zerbrochen.
Mein Vater trat hinter mich.
„Sie wollen uns aus dem Versteck treiben.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Dann treiben wir sie.“
Ich nahm den Umschlag von Elias, die Kassette und den kleinen Schlüssel an mich.
„Wir fahren zum Hafen.“
Mein Vater schüttelte den Kopf.
„Allein.“
„Nein.“
„Viktor, hör mir zu. Wenn Helena dich sehen will, dann muss ich hierbleiben.“
„Warum?“
Er sah mich lange an.
„Weil sie mich für tot hält.“
Ich verstand plötzlich.
Wir hatten nicht nur eine Falle vor uns. Wir hatten eine einzige Chance.
„Markus“, sagte ich. „Du bleibst bei Sophie und René. Ruf niemanden an, außer wenn ich dir ein Zeichen gebe.“
„Welches Zeichen?“
Ich sah zur Villa.
„Drei kurze Lichtsignale.“
Isabella trat zu mir.
„Und ich?“
Ich sah sie an.
Lange.
Zwischen uns lagen Verrat, Lügen, ein geplanter Anschlag und elf Jahre voller Geheimnisse.
Aber auch Lukas.
„Du kommst mit.“
Ihre Augen wurden feucht.
„Warum?“
„Weil du die Einzige bist, die Helena vielleicht zum Reden bringt.“
Eine Stunde später stand ich am alten Hafen.
Allein.
Zumindest sollte es so aussehen.
Der Wind trieb kalte Luft über das Wasser. Das Lagerhaus vor mir war dunkel. Ich hielt die Metallkassette in der Hand.
„Elias!“
Keine Antwort.
Dann ging eine Tür auf.
Eine Frau trat heraus.
Sie war vielleicht sechzig. Graues Haar, schwarzer Mantel, ruhige Augen.
Helena.
Hinter ihr stand Lukas.
Mein Sohn.
Er sah mich und rannte sofort los.
Ich ging auf die Knie und fing ihn auf.
„Papa!“
Ich schloss ihn so fest in die Arme, dass ich für einen Moment alles andere vergaß.
„Bist du verletzt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Hat dir jemand wehgetan?“
„Nein.“
Ich hielt ihn fest.
Dann flüsterte er:
„Papa, die Frau hat gesagt, dass sie dich nicht töten will.“
Ich hob den Blick.
Helena stand noch immer in der Tür.
„Sie wollte nur, dass du endlich zuhörst.“
„Dann rede.“
Helena kam näher.
„Elias lebt.“
Ich sah sie an.
„Wo?“
„Nicht hier.“
Sie deutete auf die Kassette.
„Er hat mich gebeten, dir die Wahrheit zu geben.“
„Welche Wahrheit?“
Helena atmete tief ein.
„Ich bin nicht die Mutter deines Sohnes. Ich bin die Schwester von Elias' Mutter.“
Ich erstarrte.
„Seine Mutter ist gestorben, kurz nach seiner Geburt. Elias wollte, dass Lukas niemals in die Hände dieser Organisation fällt.“
„Und der Datenträger?“
Helena lächelte traurig.
„Es gibt keinen Datenträger.“
Ich verstand nicht.
„Was?“
„Elias hat euch alle glauben lassen, dass die Daten in Lukas versteckt wurden.“
Sie deutete auf die Kassette.
„Die eigentlichen Beweise waren immer auf der Aufnahme.“
Ich öffnete die Kassette.
Darunter befand sich ein kleiner Speicherstick.
„Warum diese ganze Geschichte?“
Helena sah mich direkt an.
„Weil Elias wusste, dass nur ein Verrat groß genug sein würde, damit du deinen eigenen Leuten misstraust.“
Hinter mir erschien Isabella.
Ich fuhr herum.
„Du solltest nicht hier sein.“
„Ich wollte nicht, dass du allein kommst.“
Helena sah sie an.
„Du hast deinen Teil erfüllt.“
Isabella senkte den Blick.
„Ich weiß.“
Da verstand ich endlich.
Die Explosion.
Die falsche Limousine.
Der Kuss.
Die Nachricht.
Der angebliche Verrat.
Nicht alles war von Anfang an geplant gewesen. Aber Isabella hatte mich nicht töten wollen. Sie hatte versucht, mich aus dem Netz zu ziehen, während Elias und Helena die Männer identifizierten, die längst in meiner eigenen Organisation saßen.
Mein Handy vibrierte.
Drei kurze Lichtsignale erschienen weit entfernt an einem Fenster des Lagerhauses.
Markus.
Die Männer waren gefunden worden.
Ich sah Helena an.
„Und Elias?“
Sie schwieg.
Dann zeigte sie auf eine Tür hinter sich.
„Er wollte, dass du ihn zuerst hasst.“
Die Tür öffnete sich.
Ein Mann trat heraus.
Älter. Magerer. Mit einer Narbe über der linken Augenbraue.
Aber ich kannte seine Augen.
Elias.
Ich ging auf ihn zu.
Keiner von uns sagte etwas.
Dann schlug ich ihm ins Gesicht.
Nicht hart.
Nur einmal.
Er nahm es hin.
„Das“, sagte ich mit brüchiger Stimme, „war für elf Jahre.“
Elias nickte.
„Verdient.“
Ich umarmte ihn danach trotzdem.
Zum ersten Mal seit elf Jahren.
Später, als die Polizei die Männer aus meiner Organisation abführte und die Beweise gegen die gesamte Gruppe gesichert waren, stand ich mit Lukas am Wasser.
„Bist du noch mein Papa?“, fragte er plötzlich.
Ich sah ihn an.
Ich ging in die Hocke.
„Ich war dein Papa, bevor ich wusste, was Blut bedeutet. Und ich werde es sein, solange du mich brauchst.“
Lukas lächelte.
Hinter uns standen Isabella, Elias und mein Vater.
Mein Vater kam langsam auf mich zu.
„Viktor.“
Ich sah ihn an.
„Was?“
„Es tut mir leid.“
Elf Jahre lang hatte ich mir vorgestellt, wie ich diesen Satz hören würde.
Ich hatte gedacht, er würde sich wie Genugtuung anfühlen.
Tat er nicht.
Ich nickte nur.
„Dann leb lange genug, um es wiedergutzumachen.“
Er senkte den Kopf.
Am nächsten Morgen verließ ich die Villa.
Nicht fluchtartig.
Nicht als gejagter Mann.
Ich nahm Lukas an die Hand und ging durch das Gartentor, an den hohen Eiben vorbei, hinter denen Sophie mich gerettet hatte.
Sie saß wieder auf der kleinen Mauer.
Als sie mich sah, sprang sie auf.
„Sind Sie zurückgekommen?“
Ich lächelte.
„Ja.“
Sie sah Lukas an.
„Ist das Ihr Sohn?“
Ich blickte zu dem Jungen neben mir.
„Ja.“
Sophie nickte zufrieden.
„Dann hat es funktioniert.“
Ich blieb stehen.
„Was hat funktioniert?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Papa sagt immer, man muss manchmal nur genau hinsehen.“
Ich sah zu den Eiben.
Dann zu meinem Sohn.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich nicht das Gefühl, etwas kontrollieren zu müssen.
Ich musste nur noch eines tun.
Da sein.
Und diesmal würde ich nicht wieder verschwinden.







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