Der Name meines Sohnes stand auf dem Display, und trotzdem fühlte es sich an, als würde ich ihn zum ersten Mal lesen.
Lukas Morell.
Mein Sohn.
Ich hatte ihn in meinen Armen gehalten, als er geboren wurde. Ich hatte seine ersten Schritte gesehen, seine ersten Worte gehört und die kleine Narbe an seinem linken Knie geküsst, nachdem er als Vierjähriger vom Fahrrad gefallen war. Ich wusste, wie er morgens seinen Kakao trank und dass er einschlief, wenn jemand ihm Geschichten vorlas.
Und nun sollte all das auf einer Lüge beruhen?
„Das ist unmöglich“, sagte ich.
Isabella sagte nichts.
Ich sah sie an.
„Sieh mich an.“
Langsam hob sie den Kopf.
„Ist Lukas mein Sohn?“
Ihre Lippen zitterten.
„Viktor …“
„Ja oder nein?“
Mein Vater trat zwischen uns.
„Das ist nicht die wichtigste Frage.“
Ich fuhr zu ihm herum.
„Für mich schon.“
„Wenn du jetzt erfährst, wer sein biologischer Vater ist, setzt du ihn noch größerer Gefahr aus.“
„Er ist bereits in Gefahr!“
Meine Stimme hallte durch das Gewächshaus.
Sophie stand einige Meter entfernt bei René und sah uns erschrocken an. Sofort senkte ich meine Stimme.
„Wer ist sein Vater?“
Isabella schloss die Augen.
„Elias.“
Es war, als würde die Zeit stehen bleiben.
Ich hörte nichts mehr.
Keinen Wind.
Keine Vögel.
Nicht einmal meinen eigenen Atem.
Nur diesen Namen.
Elias.
Mein Bruder.
„Du lügst.“
„Nein.“
„Du hast mir gesagt, du hättest mich geliebt.“
„Das habe ich.“
„Und trotzdem hast du mit meinem Bruder—“
„Es war nicht so, wie du denkst!“
Ich wich zurück.
Isabella weinte jetzt.
„Elias und ich hatten vor deiner Hochzeit einmal eine Beziehung. Kurz. Niemand wusste davon.“
Ich lachte bitter.
„Und Lukas?“
„Ich wusste selbst nicht, dass er Elias' Sohn war.“
Mein Vater sagte leise: „Wir wussten es.“
Ich sah ihn an.
„Ihr alle.“
Er nickte.
„Elias wusste es kurz nach der Geburt.“
„Und ich?“
„Du solltest es nie erfahren.“
Ich spürte, wie Wut und Schmerz in mir miteinander kämpften.
„Warum?“
Mein Vater sah auf die Kassette.
„Weil Lukas nicht nur Elias' Sohn ist. Er trägt etwas in sich, das diese Organisation seit elf Jahren sucht.“
„Den Datenträger.“
„Ja.“
Ich sah Isabella an.
„Und du hast heute Morgen versucht, mich umzubringen, damit sie Lukas bekommen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe versucht, dich aus dem Spiel zu nehmen, bevor sie dich zwingen konnten, ihn zu ihnen zu bringen.“
„Du hast einen Sprengsatz in meinen Wagen setzen lassen.“
„Ich wusste nicht, dass er wirklich ausgelöst werden würde.“
Ich starrte sie an.
„Was sollte das heißen?“
„Der Plan war, dass du die Explosion überlebst.“
„Eine Explosion überleben?“
„Die Ladung war ursprünglich so eingestellt, dass der Wagen liegen bleibt. Kein tödlicher Anschlag.“
Markus trat plötzlich näher.
„Das stimmt.“
Ich sah ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Weil ich die ursprüngliche Konstruktion gesehen habe.“
„Und warum wurde sie verändert?“
Markus schwieg.
Mein Vater antwortete.
„Weil jemand innerhalb unserer Gruppe den Plan geändert hat.“
Ich verstand.
Der Mann neben der Limousine war nicht der eigentliche Drahtzieher.
Er war nur ein Teil davon.
„Wer?“
Markus sah mich direkt an.
„Jemand, der wusste, dass du Sophie vertrauen würdest.“
Mein Blick fiel auf das Mädchen.
Sophie.
Sie stand still neben ihrem Vater.
Plötzlich erinnerte ich mich an ihre Worte.
Mein Papa sagt immer: Schau zuerst auf die Hände eines Menschen und erst danach in seine Augen.
René.
Ich ging langsam zu ihm.
„Was hat Elias dir damals gegeben?“
René antwortete nicht.
„Die Kassette hast du aufbewahrt. Den Schlüssel hattest du ebenfalls. Was noch?“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Einen Brief.“
„Wo ist er?“
Er zeigte auf die Metallkassette.
Ich öffnete sie erneut.
Unter dem Samt lag tatsächlich ein gefalteter Umschlag.
Mein Name stand darauf.
Mit Elias' Handschrift.
Meine Finger zitterten, als ich ihn öffnete.
Nur wenige Zeilen.
Viktor, wenn du diesen Brief liest, bist du endlich an dem Punkt angekommen, an dem ich dir die Wahrheit sagen kann. Lukas ist mein Sohn. Aber das ist nicht die Wahrheit, vor der ich dich schützen wollte. Die Frau auf dem Foto ist nicht seine Mutter. Sie ist die Frau, die ihn damals aus dem Krankenhaus holen sollte. Und wenn du wissen willst, wer sie geschickt hat, frag unseren Vater nach dem Namen „Helena“.
Ich las den letzten Satz zweimal.
Dann sah ich meinen Vater an.
„Wer ist Helena?“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Das kann nicht sein.“
„Wer ist Helena?“
Er antwortete nicht.
Isabella sah ihn an und flüsterte:
„Du hast gesagt, sie sei tot.“
Mein Vater schloss die Augen.
„Das dachte ich.“
In diesem Augenblick klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Eine Frauenstimme sagte nur:
„Viktor Morell, wenn Sie Ihren Sohn lebend wiedersehen wollen, bringen Sie die Kassette zum Hafen.“
Ich sagte nichts.
„Und kommen Sie nicht mit Ihrem Vater.“
Die Verbindung endete.
Ich sah langsam zu meinem Vater.
Er hatte alles gehört.
Dann sagte er einen einzigen Satz:
„Fahr zum Hafen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Warum?“
Er sah auf den Brief.
„Weil Helena nicht hinter Lukas her ist.“
Er schluckte.
„Sie ist hinter dir her.“
Und in diesem Moment hörten wir draußen einen Schuss.
Sophie schrie.
René fiel zu Boden.







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