Unterhaltung

Ich stillte das ausgehungerte Baby eines Mafiabosses in 10.000 Metern Höhe – dann fand ich das Foto meines verstorbenen Mannes unter seiner Decke

Nora spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.

Für einen Moment hörte sie weder das tiefe Dröhnen der Triebwerke noch die hektischen Stimmen der Sicherheitsleute.

Sie sah nur das Foto.

Emilia bewegte sich leicht in ihren Armen, doch Nora wagte kaum zu atmen.

„Woher haben Sie das?“

Leo folgte ihrem Blick.

Als er das Bild unter der verrutschten Decke entdeckte, erstarrte auch er.

„Das gehört nicht dorthin.“

„Das ist mein Mann.“

Leos Augen schnellten zu ihr.


Nora löste das Foto mit zitternden Fingern von der Decke. Es war kein altes Familienbild. Es zeigte ihren Mann allein, aufgenommen von der Seite, als hätte jemand ihn aus einiger Entfernung beobachtet.

Ihr Herz begann schmerzhaft zu schlagen.

„Daniel“, flüsterte sie.

Drei Monate lang hatte Nora versucht zu lernen, seinen Namen auszusprechen, ohne daran zu zerbrechen.

Jetzt hielt sie sein Gesicht in der Hand, während sie das Kind eines fremden Mannes im Arm trug.

„Wer hat diese Decke vorbereitet?“, fragte Leo.

Seine Stimme war ruhig geworden.

Zu ruhig.

Einer der Sicherheitsleute trat näher.

„Sie kam direkt aus Emilias Tasche, Chef.“


„Wer hatte Zugang dazu?“

Der Mann zögerte.

„Das Hauspersonal. Die Kinderfrau. Fahrer. Sicherheitsdienst.“

Leo sah ihn an.

„Also praktisch jeder, dem ich dafür bezahle, dass genau so etwas niemals passiert.“

Niemand antwortete.

Nora blickte wieder auf das Foto.

Auf der Rückseite befand sich etwas.

Drei handgeschriebene Zahlen.

„Leo.“


Er kam näher.

Nora zeigte sie ihm.

17 – 4 – 9.

Leos Gesicht veränderte sich.

Nur für einen Sekundenbruchteil.

Aber Nora bemerkte es.

„Sie wissen, was das bedeutet.“

„Nein.“

„Lügen Sie mich nicht an.“

„Ich lüge Sie nicht an.“


„Dann warum sehen Sie aus, als hätten Sie gerade einen Geist gesehen?“

Leo schwieg.

Das reichte ihr als Antwort.

Nora stand auf und legte Emilia vorsichtig in seine Arme.

„Ich will aus diesem Flugzeug.“

„Wir sind noch in der Luft.“

„Dann landen Sie.“

„Genau das versuchen wir.“

Nora trat einen Schritt zurück.

Plötzlich erschien ihr jedes Detail der vergangenen Stunde in einem anderen Licht.


Das weinende Baby.

Leo.

Die fremden Fahrzeuge am Flughafen.

Und jetzt Daniel.

„Sie wussten, wer ich bin.“

„Nein.“

„Sie haben mich in dieses Flugzeug gebracht.“

„Sie haben diesen Flug selbst gebucht.“

„Einen Platz in Ihrem Privatjet?“

Leo sah sie scharf an.


Nora verstummte.

Natürlich.

Das war der Teil, über den sie seit dem Einsteigen nicht nachgedacht hatte.

Ihr ursprünglicher Linienflug war am Morgen gestrichen worden. Eine Mitarbeiterin des Flughafens hatte mehreren gestrandeten Passagieren erklärt, ein privater Charteranbieter habe kurzfristig Plätze auf einem Überführungsflug freigegeben.

Nora hatte bezahlt.

Sie hatte eine Bordkarte bekommen.

Und sie hatte geglaubt, einfach Glück gehabt zu haben.

Jetzt fühlte sich nichts mehr nach Glück an.

„Wie viele Passagiere sind außer mir hier?“

Leo blickte durch die Kabine.


Vier.

Ein älteres Ehepaar.

Ein Geschäftsmann.

Und Nora.

Leo wandte sich an seinen Sicherheitschef.

„Überprüfen Sie jeden Namen. Sofort.“

Der Mann ging.

Nora spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte.

„Daniel ist tot.“

Leo sah sie an.


„Das haben Sie bereits gesagt.“

„Nein. Sie verstehen nicht.“

Ihre Stimme brach.

„Mein Mann und meine beiden Kinder starben vor drei Monaten bei einem Autounfall.“

Zum ersten Mal seit dem Fund des Fotos verschwand die Härte aus Leos Gesicht.

„Ihre Kinder auch?“

Nora nickte.

Sie wollte nicht darüber sprechen.

Nicht hier.

Nicht mit ihm.


Nicht während ihr Körper noch immer die Milch produzierte, die für ein Kind bestimmt gewesen war, das sie nie wieder halten würde.

Leo blickte auf Emilia.

Etwas in seinem Gesicht wurde schwer.

„Es tut mir leid.“

Nora lachte bitter auf.

„Sparen Sie sich das.“

Dann hielt sie ihm das Foto entgegen.

„Erklären Sie mir stattdessen, warum das Bild meines toten Mannes unter der Decke Ihrer Tochter steckt.“

Leo nahm es nicht.

„Ich kann es nicht erklären.“


„Aber die Zahlen können Sie erklären.“

Wieder dieses Schweigen.

Nora trat näher.

„17 – 4 – 9.“

Emilia regte sich in seinen Armen.

Leo wiegte sie instinktiv.

Dieser Kontrast machte Nora beinahe wahnsinnig.

Ein Mann, der offenbar ganze Sicherheitsapparate kontrollierte, stand vor ihr und beruhigte ein Baby, während er ihr gleichzeitig etwas verschwieg, das mit ihrem verstorbenen Mann zu tun hatte.

„Diese Zahlen“, sagte Leo schließlich, „gehörten zu einem internen Kennzeichnungssystem.“

Nora wartete.

„Welchem System?“

„Einem Unternehmen, das ich vor Jahren geschlossen habe.“

„Was für ein Unternehmen?“

„Logistik.“

Sie starrte ihn an.

„Sie erwarten wirklich, dass ich das glaube?“

„Nein.“

Seine Ehrlichkeit brachte sie aus dem Konzept.

Leo sah auf das Foto.

„Aber mehr werde ich Ihnen sagen, sobald wir sicher gelandet sind.“

„Und wenn ich nicht mit Ihnen komme?“

„Dann werde ich Ihnen trotzdem alles sagen, was ich herausfinden kann.“

Das überraschte sie noch mehr.

„Sie halten mich also nicht fest?“

„Nein.“

„Vor einer Minute haben Sie gesagt, ich komme mit Ihnen.“

„Vor einer Minute wusste ich nicht, dass jemand ein Foto Ihres Mannes bei meiner Tochter versteckt hat.“

Leo hob den Blick.

„Das verändert die Lage.“

In diesem Moment kehrte der Sicherheitschef zurück.

Sein Gesicht war angespannt.

„Chef.“

Leo musste nur seinen Tonfall hören.

„Was?“

„Die Buchung.“

Der Mann hielt ihm das Handy hin.

„Frau Wagners Platz wurde nicht heute Morgen freigegeben.“

Nora spürte Kälte über ihren Rücken laufen.

„Was bedeutet das?“

Der Sicherheitschef sah sie an.

„Ihr Name wurde vor sechs Tagen auf die Passagierliste gesetzt.“

Nora starrte ihn an.

„Das ist unmöglich.“

Vor sechs Tagen hatte ihr Linienflug noch planmäßig stattfinden sollen.

Sie hatte diesen Jet nicht einmal gekannt.

„Wer hat mich eingetragen?“

„Wir prüfen es.“

Leo sah zur Cockpittür.

„Wie lange bis zur Landung?“

„Achtzehn Minuten.“

„Neuer Flughafen?“

„Gesichert.“

Nora blickte wieder auf Daniels Foto.

Sechs Tage.

Jemand hatte gewusst, dass sie heute hier sein würde, bevor sie selbst es wusste.

Das Foto war also keine Warnung, die zufällig Emilia erreicht hatte.

Es war für Nora bestimmt.

Plötzlich begann Emilia zu weinen.

Nicht so schwach wie zuvor.

Diesmal war es ein erschrockener Laut.

Leo versuchte sie zu beruhigen, doch das Baby wandte den Kopf und suchte.

Nach Nora.

Nora schloss die Augen.

Alles in ihr sagte ihr, Abstand zu halten.

Von Leo.

Von Emilia.

Von diesem Flugzeug.

Von allem, was sie wieder fühlen ließ.

Doch Emilia weinte weiter.

Nora streckte schließlich die Arme aus.

Leo übergab ihr das Kind ohne ein Wort.

Fast augenblicklich wurde Emilia ruhiger.

Nora drückte sie an ihre Brust.

Und dann bemerkte sie etwas.

Unter der Stelle, an der das Foto befestigt gewesen war, fühlte sich der Saum der Decke ungewöhnlich hart an.

„Warten Sie.“

Leo beugte sich vor.

Nora tastete über den Stoff.

Dort war etwas eingenäht.

Der Sicherheitschef zog ein kleines Messer, doch Leo hielt ihn zurück.

„Langsam.“

Nora öffnete vorsichtig einige Stiche.

Ein winziger schwarzer Gegenstand fiel auf ihre Handfläche.

Nicht größer als ein Fingernagel.

Der Sicherheitschef fluchte leise.

„Tracker.“

Leo nahm Emilia sofort die Decke ab.

„Wie lange sendet er schon?“

Der Mann untersuchte das Gerät.

Dann sah er Leo an.

„Wahrscheinlich seit wir gestartet sind.“

Die Bedeutung traf Nora sofort.

Die fremden Fahrzeuge am ursprünglichen Flughafen waren möglicherweise nur der Anfang.

Wer auch immer sie verfolgte, wusste weiterhin, wo sie waren.

Leo gab einen einzigen Befehl.

„Zerstören.“

Der Sicherheitschef verschwand mit dem Gerät.

Doch Nora betrachtete die geöffneten Nähte.

Da war noch etwas.

Ein dünner Streifen Papier.

Sie zog ihn heraus.

Leo wollte danach greifen.

„Nein.“

Nora entfaltete ihn selbst.

Darauf standen nur sechs Wörter.

Ihre Hände begannen zu zittern.

Leo las über ihre Schulter.

Und diesmal sah Nora echte Fassungslosigkeit in seinen Augen.

Die Nachricht lautete:

„Nora, Daniel ist nicht dort gestorben.“

Nora konnte nicht mehr atmen.

„Was bedeutet das?“

Leo antwortete nicht.

Sie drehte sich zu ihm um.

„Was bedeutet das, Leo?“

Bevor er sprechen konnte, ertönte die Stimme des Piloten aus den Lautsprechern.

„Festhalten. Wir haben ein Problem.“

Der Jet neigte sich abrupt zur Seite.

Emilia schrie auf.

Nora presste sie schützend an sich.

Leo griff nach der Rückenlehne und sah aus dem Fenster.

Weit unter ihnen erschienen die Lichter einer Landebahn.

Doch auf der Zufahrtsstraße bewegten sich bereits mehrere schwarze Fahrzeuge auf das Rollfeld zu.

Leo sah Nora an.

„Sie wussten auch von unserem Ausweichflughafen.“

Nora umklammerte Daniels Foto.

Zum ersten Mal seit drei Monaten erlaubte sie sich einen Gedanken, vor dem sie mehr Angst hatte als vor jedem bewaffneten Mann, der dort unten auf sie wartete.

Vielleicht hatte sie ihren Mann nie wirklich verloren.

Und wenn Daniel noch lebte, musste Nora herausfinden, warum jemand so viel Mühe darauf verwendete, sie glauben zu lassen, dass er tot war.

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 4, um weiterzulesen.**

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