Unterhaltung

Ich stillte das ausgehungerte Baby eines Mafiabosses in 10.000 Metern Höhe – dann fand ich das Foto meines verstorbenen Mannes unter seiner Decke

„Nicht aufsetzen!“, befahl Leo.

Der Pilot antwortete sofort über die Sprechanlage.

„Wir haben kaum noch Spielraum. Der Treibstoff reicht nicht für einen weiteren großen Umweg.“

Nora hielt Emilia so fest an sich, dass sie ihren kleinen Herzschlag durch den Stoff spüren konnte.

Unter ihnen kamen die schwarzen Fahrzeuge der Landebahn immer näher.

„Woher wussten sie davon?“, fragte Nora.

Leo antwortete nicht sofort.

Sein Blick wanderte durch die Kabine.

Zu den Passagieren.

Zur Besatzung.


Zu seinen eigenen Männern.

Dann sagte er leise:

„Weil wir das Leck mit an Bord haben.“

Die Worte ließen die Atmosphäre augenblicklich kippen.

Der Sicherheitschef, Matthias Kern, trat vor.

„Ich nehme alle Telefone an mich.“

Niemand protestierte.

Das ältere Ehepaar wirkte verängstigt. Der Geschäftsmann wurde blass. Die Flugbegleiterin legte ihr Mobiltelefon auf den Tisch.

Nora griff ebenfalls in ihre Tasche.

„Meins war seit dem Start im Flugmodus.“


„Trotzdem“, sagte Matthias.

Sie gab es ihm.

Leo beobachtete jeden Einzelnen.

„Niemand verlässt seinen Platz.“

Nora sah ihn an.

„Und dann? Wir können nicht ewig in der Luft bleiben.“

„Müssen wir nicht.“

Leo wandte sich an Matthias.

„Rothafen.“

Matthias verstand sofort.


„Die Landebahn ist seit Jahren außer Betrieb.“

„Deshalb wird dort niemand auf uns warten.“

Wenige Minuten später änderte der Jet erneut den Kurs.

Nora hatte keine Ahnung, wohin sie flogen.

Sie wusste nur, dass sie mit einem Baby im Arm in einem Flugzeug saß, das offenbar von Menschen verfolgt wurde, die bereits Tage zuvor ihren Namen auf eine Passagierliste gesetzt hatten.

Und in ihrer Hand hielt sie eine Nachricht, die behauptete, ihr verstorbener Mann sei nicht dort gestorben, wo Nora ihn verloren zu haben glaubte.

Sie blickte auf die sechs Wörter.

„Nora, Daniel ist nicht dort gestorben.“

Nicht: Daniel lebt.

Diese Erkenntnis traf sie plötzlich.


Die Nachricht sagte nicht, dass er am Leben war.

Nur, dass er nicht dort gestorben war.

„Leo.“

Er setzte sich ihr gegenüber.

„Was?“

„Sie haben die Nachricht gelesen.“

„Ja.“

„Dann sagen Sie mir, was Sie denken.“

Leo schwieg einen Moment.

„Ich denke, jemand möchte, dass Sie anfangen, Fragen zu stellen.“


„Das tue ich bereits.“

„Genau.“

Nora sah ihn an.

„Und vielleicht ist genau das beabsichtigt.“

Sie blickte wieder auf Emilia.

Das Baby war eingeschlafen, erschöpft von allem, was geschehen war.

„Dann bin ich Köder.“

„Möglicherweise.“

„Und Ihre Tochter?“

Leos Kiefer spannte sich an.


„Das werde ich herausfinden.“

„Sie wussten etwas über diese Zahlen.“

„Ja.“

„Dann fangen Sie dort an.“

Leo lehnte sich zurück.

„17 – 4 – 9 war keine gewöhnliche Kennzeichnung.“

„Das hatten wir bereits.“

„Es gehörte zu einer internen Transportfreigabe meiner früheren Firma Bergmann Meridian.“

Nora wartete.

„Was wurde transportiert?“


„Offiziell medizinische Geräte, Elektronik, hochwertige Fracht.“

„Und inoffiziell?“

Leo sah sie lange an.

„Dinge, über die Menschen keine Fragen stellen wollten.“

Nora spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Waffen?“

„Manchmal.“

Sie schluckte.

„Deshalb die Gerüchte über Sie.“

„Einige davon.“


„Und Daniel?“

Leo blickte auf das Foto.

„Ich erinnere mich nicht an ihn.“

Nora wollte widersprechen, doch er hob die Hand.

„Das bedeutet nicht, dass er nichts mit Bergmann Meridian zu tun hatte. Ich habe vor fünf Jahren begonnen, das Unternehmen vollständig aufzulösen. Zu viele Leute verdienten an Geschäften, die ich nicht mehr kontrollieren konnte.“

„Sie erwarten, dass ich glaube, Sie seien plötzlich moralisch geworden?“

Ein bitteres Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Nein. Ich erwarte überhaupt nichts von Ihnen.“

Dann wurde er wieder ernst.

„Aber 17 – 4 – 9 war eine Freigabe, die nur für besonders sensible Transporte verwendet wurde.“


„Was bedeutet die Siebzehn?“

„Route.“

„Vier?“

„Sicherheitsstufe.“

„Und neun?“

Leo sah sie direkt an.

„Personentransport.“

Nora erstarrte.

„Menschen?“

„Ja.“


Ihr Blick fiel auf Daniels Foto.

„Daniel wurde transportiert.“

„Das wissen wir nicht.“

„Aber es ist möglich.“

„Ja.“

Das Flugzeug begann zu sinken.

Durch das Fenster sah Nora keine Stadt.

Nur Dunkelheit.

Dann erschienen zwischen Feldern schwache Lichter.

Eine schmale alte Landebahn.

Der Jet setzte hart auf.

Nora schützte Emilias Kopf, während die Maschine über den unebenen Asphalt raste.

Erst als sie vollständig zum Stillstand gekommen waren, atmete sie wieder aus.

Draußen warteten keine Fahrzeuge.

Keine Männer.

Keine Lichter außer den alten Begrenzungsmarkierungen.

Matthias öffnete die Tür.

Kalte Nachtluft strömte herein.

„Zwei Fahrzeuge sind unterwegs. Unsere eigenen. Zwölf Minuten.“

Leo nickte.

„Kabine durchsuchen. Niemand geht allein raus.“

Nora stand auf.

„Ich brauche meine Tasche.“

„Matthias bringt sie.“

„Ich kann selbst gehen.“

Leo sah sie an.

„Nora.“

„Was?“

„Jemand hat Sie gezielt hierhergebracht. Bis wir wissen, warum, bleiben Sie in meiner Nähe.“

Sie wollte widersprechen.

Dann bemerkte sie etwas draußen.

Am Rand der verlassenen Landebahn stand ein Mann.

Allein.

Vielleicht hundert Meter entfernt.

Nora kniff die Augen zusammen.

„Leo.“

Er drehte sich um.

Der Mann hob langsam beide Hände.

Matthias zog sofort seine Waffe.

Zwei weitere Sicherheitsleute gingen in Position.

„Nicht schießen!“, rief Nora.

Etwas an der Gestalt kam ihr bekannt vor.

Nicht das Gesicht.

Die Haltung.

Der leicht nach vorn geneigte Kopf.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

„Daniel?“

Sie machte einen Schritt zur Tür.

Leo packte ihren Arm.

„Nein.“

„Lassen Sie mich los.“

„Sie gehen dort nicht hinaus.“

Der Mann begann auf den Jet zuzugehen.

Nora konnte jetzt erkennen, dass er älter war als Daniel.

Breitere Schultern.

Graues Haar.

Nicht ihr Mann.

Hoffnung verwandelte sich innerhalb einer Sekunde in einen Schmerz, der beinahe körperlich war.

Der Fremde blieb ungefähr dreißig Meter entfernt stehen.

„Nora Wagner!“

Woher kannte er ihren Namen?

Matthias rief zurück:

„Auf die Knie! Hände sichtbar!“

Der Mann gehorchte.

Dann sagte er etwas, das Nora den Atem raubte.

„Daniel hat gesagt, Sie würden Emilia erkennen.“

Nora blickte auf das schlafende Baby in ihren Armen.

Leo wurde vollkommen still.

„Was soll das bedeuten?“, rief Nora.

Der Mann sah zu ihr.

„Sehen Sie hinter ihr linkes Ohr.“

Nora zögerte.

Dann strich sie vorsichtig Emilias feines Haar zur Seite.

Dort befand sich ein winziges halbmondförmiges Muttermal.

Nora spürte, wie ihre Knie weich wurden.

Sie kannte dieses Zeichen.

Daniel hatte dasselbe Muttermal gehabt.

An genau derselben Stelle.

„Nein.“

Sie sah Leo an.

„Nein.“

Leo wirkte ebenso erschüttert.

„Emilia ist meine Tochter.“

Der Mann auf dem Rollfeld schüttelte den Kopf.

„Niemand sagt, dass sie das nicht ist.“

Nora sah wieder zu ihm.

„Dann erklären Sie es!“

„Nicht hier.“

In der Ferne tauchten Scheinwerfer auf.

Matthias berührte sein Ohrstück.

„Unsere Fahrzeuge kommen.“

Doch der Fremde reagierte sofort.

„Nein!“

Er sprang auf.

„Das sind nicht Ihre Leute!“

Leo drehte sich zu Matthias.

„Bestätigen.“

Matthias sprach hektisch in sein Funkgerät.

Keine Antwort.

Die Scheinwerfer kamen näher.

Vier Fahrzeuge.

Nicht zwei.

„Tür zu!“, befahl Leo.

Der Fremde rannte zum Flugzeug.

Einer der Sicherheitsleute richtete seine Waffe auf ihn.

„Stehen bleiben!“

„Warten Sie!“, schrie Nora.

Der Mann griff in seine Jacke.

Matthias zielte.

Doch statt einer Waffe zog der Fremde einen kleinen metallenen Gegenstand hervor und warf ihn über den Asphalt.

Er rutschte bis vor Leos Füße.

Ein USB-Stick.

„Daniel hat mir gesagt, ich soll ihn Nora geben!“

Leo hob ihn auf.

„Wer sind Sie?“

Der Mann blickte zu den näher kommenden Fahrzeugen.

„Dr. Adrian Falk.“

Nora kannte den Namen nicht.

Doch Leo offenbar schon.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Das ist unmöglich.“

„Was?“, fragte Nora.

Leo starrte den Fremden an.

„Adrian Falk starb vor vier Jahren.“

Der Mann lächelte freudlos.

„Offenbar sterben in Ihrer Welt ziemlich viele Menschen, ohne tatsächlich tot zu sein.“

Dann fiel der erste Schuss.

Die Kugel schlug in den Asphalt neben der Flugzeugtreppe.

Leo zog Nora zurück.

Matthias und seine Männer erwiderten das Feuer, während Adrian Falk hinter einem alten Betonblock Deckung suchte.

Emilia begann zu schreien.

„Ins Flugzeug!“, rief Leo.

Nora rannte hinein.

Sekunden später schloss sich die Tür.

Der Pilot startete die Triebwerke erneut.

„Wir haben nicht genug Treibstoff!“, kam seine Stimme.

Leo sah durch das Fenster auf die Fahrzeuge, die sich über die Landebahn verteilten.

„Wir müssen nicht weit.“

Nora drückte Emilia an sich.

„Und Falk?“

Leo blickte hinaus.

Matthias und zwei Männer hatten ihn erreicht und zogen ihn unter Deckung zum Jet.

Sekunden später waren alle an Bord.

Die Maschine setzte sich in Bewegung.

Während draußen weitere Schüsse über den Asphalt peitschten, hielt Leo den USB-Stick in seiner Hand.

„Was ist darauf?“, fragte Nora Adrian.

Der grauhaarige Mann rang nach Atem.

Dann sah er zuerst Emilia und anschließend Nora an.

„Die Wahrheit über den Unfall.“

Nora erstarrte.

„Welchen Unfall?“

Adrian sah ihr direkt in die Augen.

„Den, bei dem Sie angeblich Ihren Mann und Ihre Kinder verloren haben.“

Nora spürte, wie sich die Welt unter ihr verschob.

Adrian zeigte auf den USB-Stick.

„Daniel wusste drei Wochen vorher, dass jemand Ihre Familie töten wollte.“

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**

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