Nora kannte sogar seinen Namen.
„Dr. Weber.“
Der Mann auf dem Bildschirm lächelte.
Drei Monate zuvor hatte er einen weißen Kittel getragen.
Er hatte neben Noras Krankenhausbett gestanden, die Stimme gedämpft, den Blick voller einstudierter Anteilnahme.
Dr. Markus Weber.
Der Arzt, der ihr erklärt hatte, Daniel sei noch am Unfallort gestorben und für Lena und Max habe es trotz aller Bemühungen keine Rettung gegeben.
Jetzt stand derselbe Mann hinter ihren lebenden Kindern.
Nora spürte, wie sich ihre Finger um den Rand des Tisches krampften.
„Sie haben mich angelogen.“
Weber neigte den Kopf.
„Ich habe dir gesagt, was du damals glauben musstest.“
Leo trat neben sie.
„Wenn du den Kindern etwas antust—“
„Dann was, Bergmann?“
Webers Lächeln verschwand.
„Du hast jahrelang geglaubt, du könntest deine Vergangenheit schließen wie eine Firma. Aber Menschen sind keine Akten.“
Nora sah nur Lena und Max.
Lena hielt die Hand ihres kleinen Bruders.
Sie wirkten müde und verängstigt, aber unverletzt.
„Mama?“
Nora brach beinahe zusammen.
„Lena!“
Ihre Tochter beugte sich zum Bildschirm.
„Mama, bist du das?“
„Ja, mein Schatz. Ich bin hier.“
Noras Stimme zitterte.
„Ich hole euch nach Hause.“
Weber griff nach der Kamera.
„Dann hör gut zu.“
Das Bild zoomte näher auf sein Gesicht.
„Du bringst Emilia. Keine Polizei. Keine Behörden. Und Bergmann hält sich fern.“
Leo lachte kalt.
„Das wird nicht passieren.“
„Dann wirst du nie erfahren, warum deine Tochter für uns wichtiger ist als dein gesamtes Vermögen.“
Leo verstummte.
Nora sah Weber an.
„Wo ist Daniel?“
Zum ersten Mal veränderte sich dessen Gesichtsausdruck.
Nur minimal.
Doch Nora bemerkte es.
„Das ist komplizierter.“
„Lebt er?“
„Deine Kinder leben. Konzentrier dich auf das, was du retten kannst.“
„Lebt mein Mann?“
Weber schwieg.
Dann brach die Verbindung ab.
Nora starrte auf den schwarzen Bildschirm.
„Zurückholen.“
Matthias tippte bereits.
„Ich versuche es.“
„Ortung?“, fragte Leo.
„Das Signal wurde über mehrere Knoten geleitet.“
Adrian trat näher.
„Weber war nie nur Arzt.“
Alle sahen ihn an.
„Er leitete die medizinische Seite der Transfers. Neue Identitäten brauchten neue Akten, Blutwerte, Impfunterlagen, manchmal sogar veränderte biometrische Datensätze.“
Nora drehte sich zu ihm.
„Er hat meine Kinder verschwinden lassen.“
„Ja.“
Das Wort traf sie hart.
„Warum hat er mich leben lassen?“
Adrian sah zu Emilia.
„Vielleicht brauchte er Sie später.“
Nora folgte seinem Blick.
Emilia schlief wieder an ihrer Schulter.
„Wofür?“
Adrian antwortete nicht.
Leo bemerkte es.
„Sie wissen mehr.“
„Ich vermute mehr.“
„Dann reden Sie.“
Adrian setzte sich langsam.
„Isabella fand heraus, dass 17 – 4 – 9 ursprünglich kein kriminelles Netzwerk war.“
Leo runzelte die Stirn.
„Was soll das heißen?“
„Es begann als geheimes Evakuierungsprogramm. Menschen, deren Leben akut bedroht war, wurden unter neuen Identitäten außer Landes gebracht.“
„Und Bergmann Meridian stellte die Transportwege“, sagte Leo.
„Genau.“
Adrian nickte.
„Irgendwann erkannte Viktor Rehn, wie wertvoll ein System ist, das Menschen offiziell verschwinden lassen kann.“
Nora verstand.
„Er begann, es zu verkaufen.“
„Identitäten. Zeugen. Erben. Informanten. Menschen, die jemand loswerden wollte.“
Adrian sah zu Emilia.
„Isabella sammelte Beweise. Daniel half ihr.“
Leo blickte auf das Foto seiner verstorbenen Frau.
„Warum Daniel?“
„Weil Daniel bereits gegen Rehn ermittelte.“
Nora hob langsam den Kopf.
„Mein Mann war Unternehmensberater.“
Adrian sah sie traurig an.
„Das war seine Tarnung.“
Wieder verschob sich Noras Bild von ihrem bisherigen Leben.
„Wer war er wirklich?“
„Er arbeitete als Ermittler für eine internationale Einheit, die Rehns Netzwerk infiltrieren sollte.“
Nora schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Doch gleichzeitig erinnerte sie sich an Daniels Reisen.
An Anrufe, die er draußen angenommen hatte.
An seine Angewohnheit, in Restaurants immer so zu sitzen, dass er die Tür sehen konnte.
Dinge, die sie für Eigenheiten gehalten hatte.
„Warum hat er mir nie etwas erzählt?“
„Weil Rehn Menschen über ihre Familien kontrollierte.“
Nora blickte auf den schwarzen Bildschirm.
Jetzt wusste sie, was dieses Geheimnis gekostet hatte.
„Und Emilia?“
Adrian schwieg erneut.
Leo schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Was ist mit meiner Tochter?“
Emilia zuckte zusammen.
Nora wiegte sie sofort.
Leo senkte die Stimme.
„Entschuldigung.“
Adrian sah ihn an.
„Isabella hinterließ nicht nur eine Liste.“
„Was noch?“
„Einen Zugangsschlüssel.“
Matthias runzelte die Stirn.
„Digital?“
„Teilweise.“
Adrian zeigte auf Emilia.
„Die letzte Komponente ist biologisch.“
Nora wurde kalt.
„Sie meinen DNA.“
Adrian nickte.
Leo stand vollkommen reglos.
„Isabella hat etwas an die genetischen Daten meiner Tochter gekoppelt?“
„Sie wusste, dass Rehn jede Datei stehlen konnte. Also ließ sie das vollständige Archiv so verschlüsseln, dass ein Teil nur mit Emilias genetischer Signatur geöffnet werden kann.“
Nora verstand plötzlich Webers Forderung.
„Deshalb wollen sie Emilia lebend.“
„Ja.“
Leo blickte zu seiner Tochter.
„Dann werden sie sie niemals bekommen.“
Nora drehte sich zu ihm.
„Meine Kinder sind dort.“
„Und Emilia ist hier.“
„Ich weiß.“
„Dann wissen Sie auch, dass ich sie nicht eintauschen werde.“
„Ich habe nicht gesagt, dass Sie das sollen.“
Leo musterte sie.
In Noras Augen lag keine Verzweiflung mehr.
Nicht nur.
Dort war jetzt etwas anderes.
Entschlossenheit.
„Weber glaubt, dass ich so verzweifelt bin, dass ich Emilia zu ihm bringe.“
„Sind Sie es?“
Nora blickte auf das Baby.
Dann auf das eingefrorene Bild ihrer Kinder.
„Ich würde für Lena und Max sterben.“
Sie hob den Blick.
„Aber ich werde kein anderes Kind opfern, um meine eigenen zurückzubekommen.“
Leo sagte nichts.
Etwas in seinem Gesicht veränderte sich.
Respekt.
Vielleicht auch etwas Tieferes.
Matthias unterbrach sie.
„Ich habe etwas.“
Alle drehten sich um.
„Das Livevideo war gut verschleiert, aber Weber hat einen Fehler gemacht.“
„Welchen?“
„Der Ton.“
Matthias spielte einen Abschnitt ab.
Im Hintergrund war ein tiefes metallisches Dröhnen zu hören.
Dann eine Durchsage.
Kaum verständlich.
Adrian beugte sich vor.
„Noch einmal.“
Matthias verstärkte den Ton.
Eine Frauenstimme.
„...Sektor C... Verladung...“
Leo sah Adrian an.
„Hafen.“
Adrian nickte.
„Aber welcher?“
Matthias analysierte die Frequenz.
„Die Durchsage läuft über ein altes internes System. Ich kann versuchen, die Kennung abzugleichen.“
Nora wartete.
Sekunden wurden zu einer Ewigkeit.
Dann erschien ein Name.
Hafenanlage Nordkai 17.
Leo wurde still.
„Ich kenne diesen Ort.“
„Bergmann Meridian?“, fragte Nora.
„Eines unserer früheren Lagerhäuser.“
Adrian stand auf.
„Dann müssen wir schnell sein. Sobald Weber merkt, dass wir ihn lokalisiert haben, verlegt er die Kinder.“
Leo wandte sich an Matthias.
„Wie weit?“
„Vom nächsten möglichen Landeplatz etwa vierzig Minuten.“
Nora sah Leo an.
„Wir gehen hin.“
„Wir?“
„Das sind meine Kinder.“
„Genau deshalb sollten Sie nicht—“
„Beenden Sie diesen Satz nicht.“
Leo schwieg.
Dann nickte er.
„Sie bleiben bei mir.“
„Solange Emilia ebenfalls bei mir bleibt.“
Er sah sie überrascht an.
„Weber erwartet, dass ich sie habe.“
Nora strich Emilia über den Rücken.
„Wenn wir ihn täuschen wollen, muss er glauben, dass sein Plan funktioniert.“
Adrian schüttelte den Kopf.
„Zu gefährlich.“
„Für meine Kinder war es drei Monate lang gefährlich.“
Niemand widersprach.
Vierzig Minuten später rollten zwei unauffällige Fahrzeuge ohne Licht auf das verlassene Hafengelände zu.
Nora saß hinten.
Neben ihr befand sich Emilia in einem gesicherten Kindersitz.
Leo saß auf der anderen Seite.
Matthias und seine Männer folgten in einem zweiten Wagen.
Adrian blieb beim Flugzeug.
Das Lagerhaus am Nordkai wirkte verlassen.
Keine Beleuchtung.
Keine sichtbaren Wachen.
Zu einfach.
„Das gefällt mir nicht“, murmelte Leo.
Nora sah auf ihr Handy.
Eine neue Nachricht.
Unbekannte Nummer.
KOMM ALLEIN. MIT EMILIA.
Darunter ein Foto.
Lena und Max vor einer roten Metalltür.
Nora zeigte es Leo.
„Wir benutzen das.“
„Nein.“
„Sie haben gesagt, Sie würden mich beschützen.“
„Das tue ich.“
„Dann vertrauen Sie mir.“
Leo sah sie lange an.
Schließlich nahm er einen winzigen Sender aus seiner Jacke und befestigte ihn unter Noras Kragen.
„Ein Wort von Ihnen und wir kommen rein.“
Nora nahm Emilia aus dem Sitz.
Leo hielt ihre Hand kurz fest.
„Nora.“
Sie sah ihn an.
„Mein Versprechen im Flugzeug galt nicht nur für die Männer, die uns verfolgen.“
„Was soll das heißen?“
„Es bedeutet, dass ich Sie auch davon abhalten werde, sich selbst zu opfern.“
Nora löste ihre Hand.
„Dann sorgen Sie dafür, dass es nicht nötig wird.“
Sie ging allein zum Lagerhaus.
Die rote Tür öffnete sich.
Dahinter stand Weber.
„Sehr gut.“
Sein Blick fiel auf Emilia.
Nora zwang sich weiterzugehen.
„Wo sind meine Kinder?“
„Drinnen.“
„Ich will sie sehen.“
Weber trat zur Seite.
Nora betrat die Halle.
Die Tür schloss sich hinter ihr.
Dann hörte sie eine Stimme.
„Mama!“
Lena.
Nora drehte sich um.
Ihre Kinder rannten auf sie zu.
Sie fiel auf die Knie.
Mit einem Arm zog sie Lena und Max an sich, während sie Emilia mit dem anderen hielt.
Drei Kinder.
Drei warme, lebendige Körper.
Nora weinte so heftig, dass sie kaum sprechen konnte.
„Mama hat euch.“
Max klammerte sich an sie.
„Papa hat gesagt, du kommst.“
Nora erstarrte.
„Was?“
Sie hielt seinen kleinen Kopf zwischen ihren Händen.
„Max, wann hat Papa das gesagt?“
Der Junge zeigte hinter sie.
„Gerade eben.“
Nora drehte sich langsam um.
Am anderen Ende der Halle öffnete sich eine Metalltür.
Ein Mann trat heraus.
Dünner als früher.
Ein Bart bedeckte sein Gesicht.
Eine Narbe verlief über seine Schläfe.
Aber Nora hätte ihn unter tausend Menschen erkannt.
Daniel.
Lebendig.
Nora konnte sich nicht bewegen.
Auch Daniel blieb stehen.
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Nora.“
Dann ertönte Webers Stimme hinter ihr.
„Jetzt sind endlich alle Teile wieder zusammen.“
Daniel sah nicht Nora an.
Sein Blick fiel auf Emilia.
Und sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Nein.“
Er machte einen Schritt zurück.
„Nora, gib ihm das Baby nicht.“
Weber lächelte.
„Zu spät.“
Über ihnen verriegelten sich mit einem metallischen Krachen sämtliche Türen.
Und aus den Schatten der Lagerhalle traten bewaffnete Männer.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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