Nora drückte Emilia instinktiv fester an sich.
Lena und Max klammerten sich an ihre Beine.
Daniel stand nur wenige Meter entfernt, doch zwischen ihnen bewegten sich bewaffnete Männer aus den Schatten.
Drei Monate hatte Nora davon geträumt, ihren Mann noch einmal zu sehen.
In ihren Träumen war sie immer auf ihn zugelaufen.
Jetzt konnte sie es nicht.
Zu viele Fragen standen zwischen ihnen.
„Du lebst.“
Daniels Gesicht verzog sich.
„Nora, ich kann—“
„Später“, unterbrach Weber.
Er streckte die Hand aus.
„Gib mir Emilia.“
Nora wich zurück.
„Nein.“
Webers Blick wurde kalt.
„Deine Kinder sind bei dir. Unser Teil der Abmachung ist erfüllt.“
„Es gab keine Abmachung.“
„Du bist trotzdem gekommen.“
Nora blickte kurz zu Daniel.
Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
Nicht tun.
Weber bemerkte es.
„Daniel hat schon einmal versucht, den Helden zu spielen.“
Er zeigte auf die Narbe an Daniels Schläfe.
„Das Ergebnis siehst du.“
Nora spürte Wut in sich aufsteigen.
„Was wollen Sie von Emilia?“
„Nur einen Schlüssel.“
„Sie ist ein Baby.“
„Und genau deshalb hat Isabella sie gewählt.“
Weber trat näher.
„Niemand kann ein Passwort verhören, wenn das Passwort in den Zellen eines Kindes steckt.“
Daniel bewegte sich langsam seitwärts.
Einer der Bewaffneten hob sofort seine Waffe.
„Stehen bleiben.“
Daniel gehorchte.
Dann sah er Nora an.
„Hör mir zu. Isabella hat eine zweite Sicherung eingebaut.“
Weber fuhr herum.
„Halt den Mund.“
„Deshalb konntet ihr das Archiv bisher nicht öffnen.“
Leo hörte jedes Wort über den Sender unter Noras Kragen.
Das wusste sie.
Sie musste nur Zeit gewinnen.
„Welche zweite Sicherung?“, fragte sie.
Daniel sah auf Emilia.
„DNA allein reicht nicht.“
Webers Gesicht bestätigte es.
„Was fehlt?“, fragte Nora.
Daniel antwortete:
„Eine Person, die Isabella autorisiert hat.“
Nora verstand noch nicht.
Weber schon.
„Genug.“
Er griff nach Emilia.
Nora wich zurück.
Lena stellte sich plötzlich vor ihre Mutter.
„Lass meine Mama in Ruhe!“
Nora zog ihre Tochter sofort zurück.
„Lena, hinter mich.“
Weber lächelte nicht mehr.
„Du machst das unnötig kompliziert.“
Nora sah ihm direkt in die Augen.
„Dann erklären Sie mir, warum ich hier bin.“
Stille.
„Sie hätten Emilia entführen können. Sie wussten, wo Leos Flugzeug landen sollte. Sie hatten Leute an beiden Flughäfen.“
Weber schwieg.
Nora begriff.
„Sie brauchen nicht nur Emilia.“
Daniel schloss kurz die Augen.
Nora sah ihn an.
„Sie brauchen mich.“
Weber klatschte langsam zweimal in die Hände.
„Endlich.“
Noras Magen zog sich zusammen.
„Warum?“
„Weil Isabella niemandem vollständig vertraute. Nicht Leo. Nicht Daniel. Nicht einmal sich selbst.“
Weber deutete auf Nora.
„Sie brauchte jemanden außerhalb des Systems.“
Nora schüttelte den Kopf.
„Ich kannte sie nicht.“
„Aber sie kannte dich.“
Daniel sah zu Boden.
Nora bemerkte es.
„Daniel.“
Er hob den Kopf.
„Was hast du getan?“
„Ich habe Isabella von dir erzählt.“
„Warum?“
„Weil sie jemanden brauchte, dessen Identität Rehn nicht mit Bergmann Meridian verbinden konnte.“
Nora blickte zwischen Daniel und Weber hin und her.
Dann erinnerte sie sich an das Foto aus dem Krankenhaus.
Den Umschlag mit ihrem Namen.
„Der Umschlag.“
Daniel nickte.
„Isabella hat darin einen Teil des Zugangs hinterlegt.“
„Wo ist er?“
Daniel sah sie an.
„Bei dir.“
Nora starrte ihn fassungslos an.
„Ich habe nie einen Umschlag bekommen.“
„Nicht direkt.“
Dann blickte Daniel auf ihren Hals.
Nora hob automatisch die Hand.
Unter ihrer Bluse trug sie eine dünne Kette.
Daran hing ihr Ehering.
Seit dem Unfall hatte sie ihn dort getragen.
Daniel sah auf den Ring.
„Ich habe deinen Ring austauschen lassen.“
Nora konnte kaum glauben, was sie hörte.
„Was?“
„Kurz vor dem Unfall.“
Sie zog den Ring hervor.
Von außen sah er genauso aus wie immer.
„Im Inneren befindet sich ein Mikrochip.“
Weber streckte die Hand aus.
„Und jetzt gib ihn mir.“
Nora umschloss den Ring mit der Faust.
„Nein.“
Weber gab einem seiner Männer ein Zeichen.
Der Mann packte Daniel und drückte ihn auf die Knie.
Lena schrie.
„Papa!“
Max begann zu weinen.
Nora spürte, wie Emilia ebenfalls unruhig wurde.
„Aufhören!“
Weber sah sie ruhig an.
„Ring und Kind.“
Nora blickte zu Daniel.
Er schüttelte den Kopf.
„Tu es nicht.“
„Dann verletzt er dich.“
Daniel lächelte traurig.
„Das hat er schon versucht.“
Dann sah er zu Lena und Max.
„Bring unsere Kinder hier raus.“
Weber verlor die Geduld.
„Jetzt.“
Nora zog die Kette über den Kopf.
Sie hielt den Ring zwischen zwei Fingern.
Webers Augen folgten jeder Bewegung.
„Lassen Sie Daniel los.“
„Erst der Ring.“
„Nein.“
Für einige Sekunden bewegte sich niemand.
Dann ließ Nora den Ring fallen.
Er schlug auf dem Beton auf.
Weber blickte automatisch nach unten.
Nora schrie:
„Leo!“
Im selben Augenblick explodierte eine Seitentür nach innen.
Matthias und seine Männer stürmten die Halle.
Leo war direkt hinter ihnen.
Chaos brach aus.
Nora warf sich über die Kinder.
Schüsse hallten durch die Halle.
Daniel rammte dem Mann neben sich die Schulter in die Knie und zog ihn zu Boden.
Leo erreichte Nora.
„Raus!“
„Daniel!“
„Matthias holt ihn!“
Leo nahm Max auf den Arm, während Nora Emilia hielt und Lena an der Hand zog.
Sie rannten zwischen Metallcontainern hindurch.
Hinter ihnen brüllte Weber Befehle.
Dann ertönte Daniels Stimme.
„Nora!“
Sie drehte sich um.
Daniel kam ihnen entgegen.
Lebendig.
Frei.
Für einen Augenblick stand die Zeit still.
Dann war er bei ihnen.
Lena sprang ihm in die Arme.
Max streckte beide Hände nach seinem Vater aus.
Daniel sank auf die Knie und umarmte seine Kinder.
Nora stand daneben.
Sie wollte ihn ebenfalls berühren.
Doch etwas hielt sie zurück.
Daniel bemerkte es.
Seine Freude verschwand ein wenig.
„Ich weiß.“
„Drei Monate“, flüsterte Nora.
„Ich weiß.“
„Du hast mich drei Monate glauben lassen, dass ihr tot seid.“
„Ich konnte dich nicht erreichen.“
„Später!“, rief Leo.
Matthias kam angerannt.
„Weber ist weg.“
Leo fuhr herum.
„Wie?“
„Tunnel unter dem Lagerhaus.“
Nora sah auf den Boden.
Der Ring.
„Mein Ring.“
Daniel wurde blass.
Sie rannten zurück zu der Stelle.
Nichts.
Der Ring war verschwunden.
„Weber hat ihn“, sagte Nora.
Daniel schüttelte den Kopf.
„Dann hat er die Hälfte.“
Leo sah zu Emilia.
„Und die andere Hälfte ist meine Tochter.“
„Nein“, sagte Daniel.
Alle blickten ihn an.
„Emilia ist nur die zweite von drei Komponenten.“
Nora erstarrte.
„Drei?“
Daniel nickte.
„Isabella war vorsichtiger, als Weber glaubt.“
Leo trat näher.
„Was ist die dritte?“
Daniel sah Nora an.
„Du.“
„Das haben wir bereits verstanden.“
„Nein.“
Daniel deutete auf Emilia.
„Nicht deine Identität.“
Er schluckte.
„Deine Milch.“
Nora starrte ihn an.
„Was?“
„Isabella wusste, dass Emilia nach ihrer Geburt möglicherweise in Gefahr sein würde. Sie ließ eine biologische Sperre entwickeln, die nur aktiviert werden kann, wenn Emilias DNA mit einem bestimmten mütterlichen Antikörperprofil kombiniert wird.“
Nora schüttelte den Kopf.
„Aber warum meines?“
„Weil du damals mit Lena und später mit Max dieselbe seltene Antikörperkombination hattest. Ich hatte dir von den Untersuchungen erzählt.“
Nora erinnerte sich dunkel an Bluttests nach Max’ Geburt.
Daniel fuhr fort:
„Isabella ließ dein Profil anonym in die Sicherung aufnehmen.“
Leo sah Nora an.
Dann Emilia.
„Deshalb hat Emilia keine Nahrung akzeptiert?“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Das kann niemand geplant haben. Dass Nora heute noch stillen konnte und Emilia sie akzeptierte, war Zufall.“
Nora dachte an ihren Körper, der sich geweigert hatte, den Verlust ihrer Kinder zu vergessen.
An den Schmerz, den sie dafür gehasst hatte.
Und daran, dass genau dieser Schmerz heute möglicherweise Emilia geschützt hatte.
Leo wurde plötzlich still.
„Wenn Weber den Ring hat, wird er Nora brauchen.“
„Ja“, sagte Daniel.
„Und Emilia.“
„Ja.“
Matthias kam zu ihnen.
„Wir müssen weg. Polizei und Rettungskräfte sind unterwegs.“
Leo sah Daniel an.
„Nein.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Was?“
„Weber hat drei Monate lang Ihre Familie kontrolliert. Er hat meine Frau in den Tod getrieben und meine Tochter gejagt.“
Leo blickte zum offenen Tunnel.
„Wenn wir jetzt einfach verschwinden, tut er es wieder.“
Nora verstand sofort.
„Sie wollen ihm geben, was er will.“
Daniel sah sie scharf an.
„Nein.“
„Nicht wirklich.“
Nora sah zu ihren Kindern.
Dann zu Emilia.
„Wir lassen ihn glauben, dass er gewonnen hat.“
Daniel trat näher.
„Nora, du bist gerade erst hier angekommen. Du hast keine Ahnung, wie gefährlich—“
Sie drehte sich zu ihm.
„Du entscheidest nicht mehr, was ich wissen darf.“
Daniel verstummte.
„Du hast mich einmal schützen wollen, indem du mir die Wahrheit genommen hast.“
Ihre Stimme zitterte, doch sie wich seinem Blick nicht aus.
„Das passiert nie wieder.“
Daniel senkte langsam den Kopf.
„Du hast recht.“
Es waren die ersten Worte von ihm, die Nora seit seinem Wiederauftauchen wirklich erreichten.
Leo sah Matthias an.
„Kann Weber den Ring orten?“
Daniel antwortete.
„Der Chip darin sendet nur, wenn er aktiviert wird.“
„Dann wird er versuchen, das Archiv zu öffnen.“
„Ja.“
Matthias’ Laptop piepte.
Alle drehten sich um.
„Zu spät.“
Auf dem Bildschirm erschien ein Signal.
17 – 4 – 9.
AKTIVIERUNG GESTARTET.
Darunter liefen Koordinaten.
Leo erkannte sie.
„Bergmann Meridian.“
„Das Unternehmen ist geschlossen“, sagte Nora.
Leo schüttelte langsam den Kopf.
„Die Büros ja.“
Sein Gesicht wurde hart.
„Aber unter dem alten Hauptgebäude liegt das ursprüngliche Rechenzentrum.“
Daniel trat an den Bildschirm.
„Genau dort befindet sich das Archiv.“
Nora blickte auf die Koordinaten.
Weber war unterwegs.
Und diesmal liefen sie ihm nicht hinterher.
Sie wussten, wohin er ging.
Leo nahm Emilia vorsichtig aus Noras Armen.
„Bringen wir die Kinder zuerst in Sicherheit.“
Daniel nickte.
Nora sah ihn an.
„Und danach?“
Daniel betrachtete seine Frau.
Zum ersten Mal standen keine Geheimnisse in seinem Blick.
„Danach beenden wir gemeinsam, was ich niemals allein hätte anfangen dürfen.“
Doch bevor jemand antworten konnte, änderte sich die Anzeige auf Matthias’ Bildschirm.
Ein zweites Signal erschien.
Nicht vom Ring.
Von Emilias Tracker.
Nora erstarrte.
„Den haben wir zerstört.“
Matthias wurde blass.
„Den in der Decke, ja.“
Leo sah sofort zu seiner Tochter.
Matthias näherte sich Emilia mit einem Scanner.
Ein Signal.
Direkt aus dem Stoff ihres kleinen Stramplers.
Jemand hatte einen zweiten Sender versteckt.
Leo hob Emilia hoch.
Matthias öffnete vorsichtig den Saum.
Doch darin befand sich kein gewöhnlicher Tracker.
Es war ein winziger Sender mit Mikrofon.
Und die Kontrollleuchte blinkte.
Aktiv.
Daniel sah zur Hallendecke.
„Weber hat alles gehört.“
Nora blickte auf die Koordinaten des Rechenzentrums.
Dann änderte sich die Anzeige erneut.
AKTIVIERUNG ABGEBROCHEN.
Das Signal des Rings verschwand.
Leo fluchte leise.
Weber wusste jetzt, dass sie seinen Standort kannten.
Und er wusste, dass sie kommen würden.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 8, um weiterzulesen.**







No comments yet