Matthias zerdrückte den zweiten Sender unter seinem Absatz.
„Jetzt ist er blind.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Nein. Jetzt weiß er nur, dass wir ihn entdeckt haben.“
Nora blickte zu Lena und Max.
Ihre Kinder lebten.
Daniel lebte.
Noch vor wenigen Stunden hätte sie alles dafür gegeben.
Doch jetzt standen sie mitten in einer Lagerhalle, während derselbe Mann, der ihr drei Monate lang ihre Familie genommen hatte, den Schlüssel zu einem System besaß, mit dem Menschen ausgelöscht und neu erfunden werden konnten.
„Die Kinder müssen hier raus“, sagte Nora.
Leo nickte.
Matthias organisierte sofort ein Fahrzeug mit zwei Männern, denen Leo offenbar vollkommen vertraute.
Doch Lena klammerte sich an Nora.
„Du gehst wieder weg.“
Nora kniete sich hin.
„Nur für kurze Zeit.“
„Das hat Papa auch gesagt.“
Der Satz traf Daniel sichtbar.
Nora nahm das Gesicht ihrer Tochter zwischen beide Hände.
„Dann verspreche ich dir etwas anderes. Ich werde dir nie wieder sagen, dass alles in Ordnung ist, wenn ich es nicht weiß.“
Lena sah sie ernst an.
„Kommst du zurück?“
„Ich werde alles tun, um zurückzukommen.“
Lena umarmte sie.
Max stand vor Daniel.
„Kommst du auch?“
Daniel ging in die Knie.
„Ja.“
Max betrachtete ihn lange.
„Du darfst nicht wieder tot sein.“
Daniel schloss die Augen.
Dann zog er seinen Sohn an sich.
„Nie wieder, wenn ich es verhindern kann.“
Wenige Minuten später fuhren Lena und Max davon.
Nora sah dem Wagen nach, bis die Rücklichter verschwanden.
Dann drehte sie sich um.
„Jetzt reden wir.“
Daniel wusste sofort, was sie meinte.
„Nora—“
„Keine Geheimnisse mehr.“
Leo stand mit Emilia einige Meter entfernt.
Nora zeigte auf ihn.
„Seine Frau kannte dich. Du warst bei Emilias Geburt. Du hast meinen Ring manipuliert. Du hast geplant, unseren Tod vorzutäuschen.“
Sie trat näher.
„Was fehlt noch?“
Daniel schwieg.
Dann sagte er:
„Der Unfall war kein Unfall.“
Nora lachte bitter.
„Das habe ich inzwischen verstanden.“
„Nein. Du verstehst nicht.“
Daniel schluckte.
„Ich habe ihn ausgelöst.“
Nora bewegte sich nicht.
„Was?“
„Nicht den Zusammenstoß. Aber den Plan, der dazu führte.“
Er erzählte ihr, dass er am Morgen des Unfalls erkannt hatte, dass Viktor Rehn seinen Fluchtweg kannte.
Daniel hatte deshalb improvisiert.
Ein zweites Fahrzeug sollte ihre Familie aufnehmen.
Ein manipuliertes Auto sollte später verbrannt aufgefunden werden.
„Aber Rehn kam früher“, sagte Daniel.
„Und dann?“
„Ich brachte dich und die Kinder aus dem Wagen. Wir wurden getrennt. Adrian sollte dich wegbringen.“
Nora erinnerte sich nur an Fragmente.
Regen.
Glas.
Eine Sirene.
Dann Krankenhauslicht.
„Weber fing den Rettungstransport ab“, fuhr Daniel fort. „Er nahm Lena und Max. Mich hielt Rehn fest.“
„Und mich?“
„Sie ließen dich zurück.“
„Warum?“
Daniel sah sie an.
„Weil Rehn glaubte, du wüsstest nichts.“
Nora nickte langsam.
„Damit lag er richtig.“
Daniel nahm den Schlag hin.
„Ja.“
„Drei Monate lang.“
„Ja.“
„Du hättest mir vertrauen müssen.“
„Ja.“
Keine Rechtfertigung.
Das machte ihren Zorn nicht kleiner.
Aber zum ersten Mal hatte Nora das Gefühl, dass Daniel begriff, was er ihr genommen hatte.
Leo trat zu ihnen.
„Wir können das später klären. Weber bewegt sich.“
Matthias hielt ihnen den Laptop hin.
Der Ring war erneut aktiv.
Diesmal sendete er vom alten Hauptgebäude von Bergmann Meridian.
„Warum schaltet er ihn wieder ein?“, fragte Nora.
Daniel verstand zuerst.
„Er lädt uns ein.“
Leo nickte.
„Dann gehen wir.“
„Mit Emilia?“, fragte Nora.
Leo blickte auf seine Tochter.
„Ohne sie kann Weber das Archiv nicht öffnen.“
„Aber ohne sie kommen wir vielleicht nicht hinein.“
Leo hasste diese Wahrheit.
Nora streckte die Arme aus.
„Geben Sie sie mir.“
Er zögerte.
Dann legte er Emilia vorsichtig in Noras Arme.
Das Baby schmiegte sich sofort an sie.
Daniel beobachtete die beiden.
„Du musst nicht mit hinein.“
Nora sah ihren Mann an.
„Doch.“
Diesmal widersprach er nicht.
Das alte Bergmann-Meridian-Gebäude lag am Rand eines Industriegebiets.
Oberirdisch wirkte es verlassen.
Fenster dunkel.
Firmenlogo entfernt.
Doch unter dem Gebäude arbeitete noch immer ein unabhängiges Stromsystem.
Leo führte sie durch einen Seiteneingang.
„Das Rechenzentrum liegt drei Stockwerke unter uns.“
Matthias und vier Sicherheitsleute gingen voraus.
Keine Wachen.
Keine Schüsse.
Das war beunruhigender als Widerstand.
Im dritten Untergeschoss stand eine massive Stahltür offen.
Dahinter befand sich ein Raum voller alter Server.
In der Mitte wartete Weber.
Allein.
Vor ihm lag Noras Ring.
„Pünktlich.“
Leo blieb stehen.
„Wo ist Rehn?“
Weber lächelte.
„Endlich die richtige Frage.“
Eine zweite Tür öffnete sich.
Viktor Rehn trat heraus.
Er war älter als Nora erwartet hatte.
Grauhaarig, elegant gekleidet, vollkommen ruhig.
Leo starrte ihn an.
„Vier Jahre.“
„Du hättest genauer suchen sollen.“
Rehn betrachtete Emilia.
„Isabellas letzte Versicherung.“
Leo machte einen Schritt auf ihn zu.
Matthias hob warnend die Hand.
Rehn lächelte.
„Wenn ich sterbe, werden sämtliche Server gelöscht.“
Daniel trat neben Nora.
„Bluff.“
„Möchtest du das riskieren?“
Rehn zeigte auf eine Konsole.
„Das Archiv enthält nicht nur meine Geschäfte. Es enthält Namen von Richtern, Unternehmern, Beamten, Polizisten. Menschen, die für neue Identitäten bezahlt haben. Menschen, die andere verschwinden ließen.“
Leo verstand.
„Deshalb wurde Isabella getötet.“
Rehn sah ihn an.
„Isabella starb, weil sie glaubte, Wahrheit sei wertvoller als Loyalität.“
Leos Gesicht verhärtete sich.
„Du hast sie getötet.“
„Weber hat eine medizinische Komplikation dokumentiert.“
Nora sah zu Weber.
Der Arzt wich ihrem Blick nicht aus.
Damit war die Wahrheit klar genug.
Leo wollte vorstürmen.
Nora hielt ihn zurück.
„Nicht.“
Rehn deutete auf Emilia.
„Bringt sie zur Konsole.“
„Nein“, sagte Leo.
Rehn seufzte.
„Dann lösche ich das Archiv.“
„Tun Sie es“, sagte Nora.
Alle sahen sie an.
Selbst Rehn.
„Interessant.“
Nora trat einen Schritt vor.
„Wenn Sie es wirklich löschen könnten, hätten Sie es längst getan.“
Rehns Lächeln verschwand.
„Sie brauchen das Archiv selbst.“
Daniel verstand.
„Natürlich.“
Er sah die Server an.
„Das ist seine Versicherung. Ohne die Namen darin verliert Rehn seinen Einfluss.“
Nora blickte auf ihren Ring.
„Und Sie können nicht hinein.“
Weber wurde unruhig.
Rehn hingegen blieb ruhig.
„Noch nicht.“
„Sie haben meinen Ring. Sie haben Zugang zu Emilias DNA, wenn wir sie Ihnen geben.“
Nora hielt das Baby enger.
„Aber Sie haben mich nicht.“
Rehn sah sie lange an.
„Daniel hat dir also alles erzählt.“
„Genug.“
„Dann weißt du auch, was wir brauchen.“
„Meine Antikörper.“
„Eine kleine Blutprobe genügt.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Nora blickte ihn an.
Dann zu Leo.
„Wir geben sie ihm.“
„Nora“, sagte Leo.
Sie hielt seinen Blick.
„Vertrauen Sie mir.“
Rehn ließ ein mobiles Analysegerät bringen.
Nora setzte sich.
Weber nahm ihr eine kleine Blutprobe ab.
Danach wurde Emilias Wange mit einem sterilen Tupfer abgestrichen.
Nora musste sich zwingen, ruhig zu bleiben.
Weber setzte den Ring in die Konsole ein.
Drei Anzeigen erschienen.
SCHLÜSSEL 1: AUTORISIERUNG.
SCHLÜSSEL 2: GENETISCHE SIGNATUR.
SCHLÜSSEL 3: ANTIKÖRPERPROFIL.
Alle drei leuchteten grün.
Rehn lächelte.
„Endlich.“
Das Archiv öffnete sich.
Tausende Datensätze erschienen.
Namen.
Fotos.
Transaktionen.
Videos.
Beweise.
Rehn griff nach einer externen Festplatte.
Doch plötzlich wechselte der Bildschirm.
ISABELLA BERGMANN – LETZTES PROTOKOLL.
Leo erstarrte.
Ein Video startete automatisch.
Isabella erschien.
Blass.
Emilia als Neugeborene in ihren Armen.
„Wenn dieses Video abgespielt wird, wurden alle drei Schlüssel zusammengeführt.“
Sie blickte direkt in die Kamera.
„Das bedeutet, dass entweder Leo die Wahrheit gefunden hat... oder Viktor Rehn.“
Rehns Gesicht wurde hart.
Isabella fuhr fort:
„Deshalb habe ich gelogen.“
Nora sah Daniel an.
Auch er wirkte überrascht.
„Das Archiv wird durch die drei Schlüssel nicht freigegeben.“
Auf der Konsole begann ein Countdown.
00:59.
„Sie autorisieren seine Übertragung.“
Rehn sprang zur Tastatur.
„Stoppen!“
Weber tippte hektisch.
Keine Reaktion.
Isabella sprach weiter.
„Sobald die Authentifizierung abgeschlossen ist, wird das vollständige Archiv gleichzeitig an mehrere Ermittlungsbehörden übertragen.“
Rehn fuhr zu Daniel herum.
„Du wusstest davon!“
„Nein.“
„Lügner!“
00:41.
Rehn zog eine Waffe.
Matthias und seine Männer zielten sofort.
„Waffe runter!“
Rehn richtete sie nicht auf Daniel.
Er zielte auf Emilia.
Leo stellte sich augenblicklich vor Nora.
„Tu das nicht.“
„Stoppt die Übertragung!“
„Das können wir nicht“, sagte Weber panisch.
00:29.
Nora wich langsam zurück.
Rehn folgte ihr mit der Waffe.
Daniel bewegte sich seitlich.
„Viktor.“
Rehn sah zu ihm.
Genau darauf hatte Daniel gewartet.
Er stürzte sich auf ihn.
Ein Schuss krachte.
Nora schrie.
Daniel und Rehn fielen zu Boden.
Matthias war sofort bei ihnen.
Leo zog Nora und Emilia hinter eine Serverreihe.
„Daniel!“
Nora wollte zurück.
Leo hielt sie fest.
„Warten Sie!“
00:12.
Matthias trat Rehns Waffe weg.
Daniel lag daneben.
Blut breitete sich an seiner Schulter aus.
„Daniel!“
Nora rannte zu ihm.
Sie kniete sich neben ihren Mann.
„Sieh mich an.“
Daniel öffnete die Augen.
„Nur Schulter.“
Sie presste ihre Hand auf die Wunde.
Hinter ihnen erreichte der Countdown null.
ÜBERTRAGUNG ABGESCHLOSSEN.
Rehn sah auf den Bildschirm.
Zum ersten Mal wirkte der Mann wirklich besiegt.
Dann ertönten weit oben Sirenen.
Viele.
Matthias legte Rehn Handschellen an.
Weber versuchte zur Tür zu laufen.
Leo stellte sich ihm in den Weg.
„Wo wollen Sie hin, Doktor?“
Weber blieb stehen.
Minuten später drangen bewaffnete Ermittler in das Rechenzentrum ein.
Rehn und Weber wurden abgeführt.
Daniel wurde medizinisch versorgt.
Nora hielt Emilia.
Leo stand vor dem Bildschirm, auf dem Isabellas Video angehalten war.
Er berührte ihr Gesicht auf dem Monitor.
„Sie hat mich nie aufgegeben.“
Nora trat neben ihn.
„Nein.“
Leo sah Emilia an.
„Sie hat dafür gesorgt, dass ich irgendwann die Wahrheit finden konnte.“
Nora wollte antworten.
Doch Matthias kam auf sie zu.
Sein Gesicht war merkwürdig angespannt.
„Wir haben das Archiv durchsucht.“
Nora sah sofort zu Daniel.
„Was ist?“
Matthias hielt ihr ein Tablet hin.
„Es gibt einen Datensatz über den Unfall.“
Nora nahm es.
Dort standen die Namen ihrer Familie.
Daniel.
Lena.
Max.
Nora.
Daneben verschiedene Statusangaben.
Doch unter Noras Namen stand etwas, das sie nicht verstand.
PRIORITÄT ALPHA – NICHT ELIMINIEREN.
„Warum durfte ich nicht sterben?“
Matthias scrollte weiter.
Ein Dokument öffnete sich.
Auftraggeber.
Nora erwartete Rehns Namen.
Doch dort stand jemand anderes.
Ein Name, den sie kannte.
Sehr gut sogar.
Ihre eigene Mutter.
Helene Wagner.
Nora starrte auf den Bildschirm.
„Das ist unmöglich.“
Daniel richtete sich trotz seiner verletzten Schulter auf.
Als er den Namen sah, veränderte sich sein Gesicht.
Und Nora wusste sofort:
Daniel kannte auch dieses Geheimnis.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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