„Drei Wochen?“
Noras Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Adrian Falk nickte.
„Daniel wusste drei Wochen vor dem Unfall, dass Ihre Familie beobachtet wurde.“
Nora stand mitten in der Kabine, Emilia an ihre Brust gedrückt, während draußen die Lichter der verlassenen Landebahn unter ihnen verschwanden.
„Dann wusste er, dass unsere Kinder in Gefahr waren?“
Adrian antwortete nicht sofort.
Dieser kurze Moment des Zögerns genügte.
„Und er hat mir nichts gesagt.“
„Er wollte Sie schützen.“
Nora lachte auf.
Es war kein fröhliches Lachen.
„Meine Kinder sind tot.“
Stille.
„Sagen Sie mir nie wieder, er hätte mich geschützt.“
Adrian senkte den Blick.
Leo trat zwischen die beiden.
„Wir brauchen zuerst einen sicheren Ort.“
Nora fuhr zu ihm herum.
„Nein.“
„Nora—“
„Seit ich dieses Flugzeug betreten habe, sagt mir jeder, ich müsse warten. Bis wir gelandet sind. Bis wir sicher sind. Bis jemand irgendetwas überprüft hat.“
Sie zeigte auf den USB-Stick in Leos Hand.
„Jetzt will ich Antworten.“
Leo betrachtete sie einige Sekunden.
Dann reichte er Matthias den Stick.
„Isolierter Rechner.“
Matthias holte einen Laptop aus einem gesicherten Fach. Er deaktivierte sämtliche drahtlosen Verbindungen und steckte den Datenträger ein.
Auf dem Bildschirm erschien nur ein Ordner.
WAGNER.
Nora setzte sich langsam.
Matthias öffnete ihn.
Darin lagen Fotos, Dokumente, Videos und mehrere Audiodateien.
Ganz oben befand sich eine Datei mit Datum.
Drei Wochen vor dem Unfall.
Nora erkannte Daniels Stimme bereits nach dem ersten Wort.
„Falls du das siehst, Nora, ist etwas schiefgegangen.“
Ihre Hand flog vor den Mund.
Drei Monate hatte sie geglaubt, diese Stimme nie wieder zu hören.
Emilia bewegte sich in ihren Armen.
Auf dem Bildschirm erschien Daniel.
Er saß in einem dunklen Raum. Müde. Unrasiert.
Aber lebendig.
„Ich kann dir nicht alles erklären. Noch nicht. Ich habe etwas entdeckt, das viel größer ist, als ich dachte.“
Daniel blickte kurz zur Seite.
„Jemand benutzt alte Transportwege von Bergmann Meridian.“
Leo erstarrte.
Nora sah zu ihm.
Doch Daniels Stimme zwang ihre Aufmerksamkeit zurück zum Bildschirm.
„Die Kennzeichnung lautet 17 – 4 – 9.“
Nora schloss die Augen.
Also hatte Leo die Wahrheit gesagt.
„Es geht nicht nur um Geld“, fuhr Daniel fort. „Sie transportieren Menschen, Identitäten und Informationen. Sie lassen Personen verschwinden und geben anderen neue Leben.“
Das Video flackerte.
„Ich habe versucht herauszufinden, wer dahintersteht. Danach begannen sie, Nora und die Kinder zu beobachten.“
Noras Atem stockte.
„Ich habe einen Plan vorbereitet. Wenn alles funktioniert, werden sie glauben, dass sie gewonnen haben.“
Das Bild fror ein.
Dann endete die Aufnahme.
„Nein.“
Nora beugte sich vor.
„Das kann nicht alles sein.“
Matthias überprüfte die Datei.
„Mehr gibt es nicht.“
Nora drehte sich zu Adrian.
„Was meinte er mit Plan?“
Adrian sah sie an.
„Daniel wollte Ihren Tod vortäuschen.“
Nora erstarrte.
„Meinen?“
„Den der ganzen Familie.“
Leo trat näher.
„Aber Nora lebt unter ihrem eigenen Namen.“
„Weil der Plan scheiterte.“
Nora spürte Übelkeit.
„Was ist mit meinen Kindern?“
Adrian schwieg.
„Antworten Sie mir.“
„Ich kenne nicht die ganze Wahrheit.“
„Sie waren Daniels Kontaktmann!“
„Ja.“
„Dann sagen Sie mir, was Sie wissen!“
Adrian atmete tief ein.
„Am Tag des Unfalls sollte Ihre Familie das Fahrzeug wechseln. Daniel hatte einen zweiten Wagen organisiert. Danach sollten Sie verschwinden.“
Nora erinnerte sich.
An diesen Morgen.
Daniel hatte ungewöhnlich nervös gewirkt.
Er hatte zweimal gefragt, wann sie losfahren würden.
Dann hatte er plötzlich darauf bestanden, selbst zu fahren.
„Aber wir haben nie das Auto gewechselt.“
„Weil jemand den Treffpunkt kannte.“
Adrian deutete auf den Laptop.
„Öffnen Sie die Datei mit dem Namen BRÜCKE.“
Matthias klickte darauf.
Ein Überwachungsvideo erschien.
Eine Straße.
Eine Tankstelle.
Zeitstempel: 08:42 Uhr.
Nora erkannte ihren Wagen.
Daniel stieg aus.
Dann erschien ein zweiter Mann.
Nora beugte sich näher zum Bildschirm.
Der Fremde gab Daniel etwas.
Einen Schlüssel.
„Das war der Fahrer des Ersatzwagens“, erklärte Adrian.
Im nächsten Moment blickte Daniel plötzlich direkt zur Überwachungskamera.
Dann drehte er sich um.
Ein schwarzes Fahrzeug war auf den Parkplatz gefahren.
Daniel rannte zurück zum Familienwagen.
Das Video endete.
„Wer saß in dem schwarzen Auto?“, fragte Leo.
Adrian antwortete:
„Einer Ihrer Männer.“
Leos Gesicht wurde hart.
„Name.“
„Viktor Rehn.“
Matthias fluchte.
Nora sah zwischen ihnen hin und her.
„Wer ist Viktor Rehn?“
Leo antwortete diesmal sofort.
„Der Mann, der früher meine gesamte europäische Sicherheitsstruktur geleitet hat.“
„Früher?“
„Er verschwand vor vier Jahren.“
Adrian lächelte bitter.
„Am selben Tag, an dem ich offiziell starb.“
Die Zusammenhänge begannen eine Form anzunehmen, die Nora noch mehr erschreckte als das Chaos zuvor.
„Also haben Sie beide für Leo gearbeitet?“
„Nicht direkt“, sagte Adrian. „Ich war Arzt für mehrere Transporte.“
„Menschenhandel?“
Adrians Gesicht verzog sich.
„Anfangs glaubte ich, wir würden gefährdete Zeugen außer Landes bringen. Menschen, die verschwinden mussten, um zu überleben.“
„Und später?“
„Später begriff ich, dass nicht jeder freiwillig verschwand.“
Leo sah ihn scharf an.
„Warum haben Sie mir nie etwas gesagt?“
Adrian lachte leise.
„Weil Ihre Unterschrift auf den Freigaben stand.“
Die Kabine wurde still.
Nora sah Leo an.
„Ihre Unterschrift?“
„Gefälscht.“
„Natürlich.“
Leo reagierte nicht auf ihren Sarkasmus.
„Wenn ich diese Transporte genehmigt hätte, hätte ich Bergmann Meridian nicht geschlossen.“
Adrian betrachtete ihn lange.
„Daniel glaubte Ihnen.“
Diese Worte überraschten Leo sichtbar.
„Warum?“
„Weil er herausgefunden hatte, wer Ihre Unterschriften kopierte.“
Matthias öffnete eine weitere Datei.
Diesmal erschien eine Liste.
Dutzende Namen.
Neben jedem Namen standen Daten, Nummern und neue Identitäten.
Nora überflog sie.
Dann blieb ihr Blick an einer Zeile hängen.
Sie hörte auf zu atmen.
„Zurück.“
Matthias scrollte hoch.
Nora zeigte auf den Bildschirm.
Zwei Einträge.
Keine vollständigen Namen.
Nur Initialen.
L.W.
Alter: sechs Jahre.
M.W.
Alter: vier Jahre.
Nora stand so schnell auf, dass Leo nach Emilia griff, damit sie ihr nicht aus den Armen rutschte.
„Das sind meine Kinder.“
Adrian schloss die Augen.
„Nora—“
„Lena Wagner. Sechs Jahre.“
Ihre Stimme brach.
„Max Wagner. Vier.“
Sie zeigte auf die Daten.
„Das Geburtsdatum stimmt.“
Niemand sprach.
Neben beiden Namen stand derselbe Vermerk.
TRANSFER ABGESCHLOSSEN.
Nora konnte plötzlich nicht mehr stehen.
Leo fing sie am Arm auf.
„Nein.“
Sie riss sich los.
„Was bedeutet das?“
Adrian sah aus, als würde ihn die Antwort selbst quälen.
„In diesem System bedeutete es, dass eine Person erfolgreich unter eine neue Identität gebracht wurde.“
Nora starrte ihn an.
„Meine Kinder wurden beerdigt.“
„Haben Sie sie gesehen?“
Die Frage traf sie wie ein Schlag.
Nora erinnerte sich an das Krankenhaus.
An Medikamente.
An Stimmen.
An einen Polizeibeamten.
An Daniel, von dem man ihr gesagt hatte, er sei noch am Unfallort gestorben.
An die Kinder, deren Verletzungen angeblich zu schwer gewesen seien.
An drei geschlossene Särge.
Sie hatte keinen von ihnen gesehen.
„Nein.“
Ihre Knie gaben nach.
Leo setzte Emilia vorsichtig in den Babysitz und kniete sich vor Nora.
„Sehen Sie mich an.“
Doch Nora konnte nicht.
Drei Monate Trauer.
Drei Monate, in denen sie jeden Morgen aufgewacht war und für einige Sekunden vergessen hatte, dass ihre Familie tot war.
Drei Monate, in denen sie sich gewünscht hatte, selbst nicht mehr aufwachen zu müssen.
Und jetzt standen zwei Namen auf einem Bildschirm.
„Sie könnten leben.“
Niemand wagte, ihr Hoffnung zu versprechen.
Schließlich sagte Adrian:
„Die Datei beweist nur, dass jemand sie als erfolgreich transferiert registriert hat.“
Nora hob den Kopf.
„Dann finden wir heraus, wohin.“
Matthias begann sofort, die Datensätze zu durchsuchen.
Leo stellte sich neben ihn.
„Jeder Transfer braucht ein Ziel.“
„Normalerweise ja.“
„Also suchen Sie es.“
Nach einigen Sekunden erschien ein verschlüsselter Verweis.
17-4-9 / E-03.
Leo wurde blass.
„Was?“, fragte Nora.
„E steht für Emilia.“
Nora sah zum Baby.
„Woher wissen Sie das?“
Leo antwortete nicht.
Adrian tat es.
„Weil Emilia selbst Teil des Systems war.“
Leo packte ihn am Kragen.
„Passen Sie auf, was Sie sagen.“
„Sie wollen die Wahrheit? Dann lassen Sie mich sprechen.“
Nora trat dazwischen.
„Leo.“
Langsam ließ er Adrian los.
Adrian richtete seine Jacke.
„Emilias Mutter starb bei der Geburt. Das stimmt.“
Leo nickte.
„Isabella.“
„Aber sie starb nicht an medizinischen Komplikationen.“
Leos Gesicht wurde leer.
„Was sagen Sie da?“
„Isabella wollte mit Beweisen zur Polizei.“
Leo starrte ihn an.
„Beweise wofür?“
„Für 17 – 4 – 9.“
Emilia begann leise zu wimmern.
Nora nahm sie wieder hoch.
Adrian blickte auf das Kind.
„Isabella entdeckte das Netzwerk Monate vor Daniel.“
„Warum wusste ich davon nichts?“, fragte Leo.
„Weil sie Ihnen nicht mehr vertraute.“
Diese Worte trafen Leo sichtbar.
„Wer hat sie getötet?“
Adrian sah zum Laptop.
„Öffnen Sie E-03.“
Matthias klickte auf die Datei.
Ein Foto erschien.
Eine Frau hielt die neugeborene Emilia im Arm.
Nora erkannte Isabella sofort, obwohl sie sie nie zuvor gesehen hatte.
Doch nicht Isabella ließ Nora erstarren.
Hinter dem Krankenhausbett stand ein Mann.
Daniel.
Nora machte einen Schritt auf den Bildschirm zu.
„Das kann nicht sein.“
Das Foto war weniger als ein Jahr alt.
Daniel hatte ihr damals erzählt, er sei auf einer dreitägigen Geschäftsreise gewesen.
„Warum war mein Mann bei der Geburt Ihrer Tochter?“
Leo antwortete nicht.
Er konnte es offensichtlich selbst nicht erklären.
Matthias vergrößerte das Bild.
Daniel hielt etwas in der Hand.
Einen Umschlag.
Darauf stand Noras Name.
Adrian flüsterte:
„Weil Isabella ihm etwas anvertraut hat.“
„Was?“
„Eine Liste.“
Nora sah ihn an.
„Welche Liste?“
Adrian öffnete den Mund.
Doch plötzlich ertönte ein Signal vom Laptop.
Matthias erstarrte.
„Das darf nicht sein.“
„Was?“, fragte Leo.
„Der Rechner ist offline.“
Auf dem Bildschirm erschien eine neue Datei.
Sie war vorher nicht dort gewesen.
Ein Video.
LIVE.
Nora spürte, wie ihr Herz raste.
Matthias wollte den Laptop schließen.
„Warten Sie“, sagte Nora.
Das Bild öffnete sich.
Ein kahler Raum erschien.
Dann zwei kleine Kinder.
Ein Mädchen.
Ein Junge.
Nora gab einen erstickten Laut von sich.
„Lena.“
Das Mädchen hob den Kopf.
„Max.“
Nora berührte den Bildschirm.
Ihre Kinder.
Lebendig.
Hinter ihnen trat eine Gestalt ins Bild.
Ein Mann.
Sein Gesicht blieb im Schatten.
Dann ertönte eine Stimme.
„Wenn du deine Kinder wiedersehen willst, Nora, bring Emilia zu mir.“
Leo trat vor den Bildschirm.
„Wer bist du?“
Der Mann lachte leise.
„Du stellst noch immer die falsche Frage, Leo.“
Dann trat er ins Licht.
Nora hörte auf zu atmen.
Denn sie kannte dieses Gesicht.
Nicht Daniel.
Aber einen Mann, der drei Monate zuvor im Krankenhaus neben ihrem Bett gestanden und ihr persönlich gesagt hatte, dass ihr Mann und ihre Kinder den Unfall nicht überlebt hätten.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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