Unterhaltung

„Papa … er hat mir wieder wehgetan“ – zwanzig Minuten später stand ich in der Villa meines Schwiegersohns

Das Hämmern hinter der Kellertür verstummte für eine Sekunde.

Dann kam es wieder.

Drei schnelle Schläge.

Eine Pause.

Noch zwei.

Richard kannte dieses Geräusch. Nicht aus einem bestimmten Einsatz, sondern aus all den Jahren, in denen er gelernt hatte, Angst von Panik zu unterscheiden.

Das Kind hinter dieser Tür hatte keine Kraft mehr zu verschwenden.

„Wer ist da unten?“, fragte Hartmann.

Alexander sagte nichts.

Zum ersten Mal, seit Richard ihn auf dem Treppenabsatz gesehen hatte, wirkte er nicht überlegen.


Er wirkte kalkulierend.

Sein Blick wanderte zur Kellertür, dann zu Emma und schließlich zu Hartmanns Waffe.

„Daniel“, sagte er ruhig. „Denk darüber nach, was du gerade tust.“

Hartmanns Gesicht verhärtete sich.

„Hände hinter den Kopf.“

„Du weißt nicht, worauf du dich einlässt.“

„Hände. Hinter. Den. Kopf.“

Zwei weitere Beamte stürmten durch die offene Haustür. Hartmann wies einen von ihnen an, Alexander zu sichern, während Richard zu Emma ging.

Sie zitterte am ganzen Körper.

„Papa.“


„Ich bin hier.“

Richard wollte sie auffangen, doch Emma griff nach seinem Ärmel und deutete erneut nach unten.

„Erst das Kind.“

Diese drei Worte trafen ihn härter als alles, was er seit seinem Eintreffen gesehen hatte.

Selbst jetzt dachte seine Tochter zuerst an jemand anderen.

Hartmann ging zur Kellertür.

„Schlüssel.“

Alexander schwieg.

Der Beamte, der ihm Handschellen angelegt hatte, durchsuchte seine Taschen. Handy. Brieftasche. Autoschlüssel.

Kein Kellerschlüssel.


Hartmann packte den Türgriff.

Abgeschlossen.

„Polizei!“, rief er. „Kannst du mich hören?“

Von der anderen Seite kam eine dünne Stimme.

„Bitte …“

Emma schloss die Augen.

Richard sah, wie ihr Gesicht jede Farbe verlor.

„Sie ist noch da“, flüsterte sie.

Sie.

Richard drehte sich zu seiner Tochter.


„Du wusstest von ihr?“

Emma antwortete nicht sofort.

„Seit heute Morgen.“

Alexander lachte leise.

Es war kein fröhliches Lachen.

„Emma ist verwirrt“, sagte er. „Das habt ihr doch alle gesehen.“

Richard ging einen Schritt auf ihn zu.

Hartmann stellte sich sofort dazwischen.

„Oberst Wagner.“

Nur zwei Worte.


Eine Warnung.

Richard blieb stehen.

Seine Hände waren zu Fäusten geballt, aber seine Stimme blieb kontrolliert.

„Dann öffnen Sie diese Tür.“

Einer der Beamten holte Werkzeug aus dem Einsatzfahrzeug. Sekunden später krachte Metall gegen das Schloss.

Beim zweiten Schlag splitterte der Rahmen.

Beim dritten sprang die Tür auf.

Ein schmaler Gang führte in den Keller.

Das Licht brannte.

Richard hatte einen dunklen, feuchten Raum erwartet.


Stattdessen sah er weiße Wände.

Sauberen Steinboden.

Überwachungskameras.

Und am Ende des Flurs eine weitere Tür.

Hartmann hob die Hand.

„Niemand geht allein.“

Die Beamten gingen zuerst.

Richard blieb bei Emma, doch sie löste sich von ihm.

„Ich muss mit.“

„Du brauchst einen Arzt.“


„Papa, bitte.“

In ihrem Blick lag etwas, das ihn verstummen ließ.

Sie hatte Angst vor dem Keller.

Aber noch größere Angst davor, nicht zu sehen, was dort gefunden wurde.

Gemeinsam gingen sie hinunter.

Hinter der zweiten Tür fanden die Beamten ein Mädchen.

Vielleicht neun Jahre alt.

Sie saß barfuß auf einer Matratze und trug einen viel zu großen grauen Pullover. Neben ihr standen Wasserflaschen, verpackte Lebensmittel und ein kleiner Eimer.

Als die Uniformierten hereinkamen, kroch sie zunächst rückwärts gegen die Wand.

„Nein!“


Hartmann steckte seine Waffe weg und ging in die Hocke.

„Du bist sicher. Wir sind von der Polizei.“

Das Mädchen sah an ihm vorbei.

Direkt zu Emma.

„Du bist zurückgekommen.“

Emma brach beinahe zusammen.

Richard hielt sie fest.

„Natürlich“, flüsterte sie.

Das Mädchen begann zu weinen.

Richard verstand nichts.


Noch nicht.

Aber Emma offensichtlich schon.

„Wie heißt sie?“, fragte er.

Emma schluckte.

„Sophie.“

„Wer ist Sophie?“

Bevor Emma antworten konnte, rief einer der Beamten aus dem Nebenraum:

„Herr Polizeipräsident! Sie sollten das sehen.“

Hartmann verschwand durch eine Tür.

Richard half Emma, sich auf einen Stuhl zu setzen, während eine Polizistin Sophie eine Decke um die Schultern legte.


Wenige Augenblicke später kam Hartmann zurück.

Sein Gesicht hatte sich verändert.

„Wir brauchen Kriminaltechnik“, sagte er. „Und das Jugendamt. Sofort.“

„Was haben Sie gefunden?“, fragte Richard.

Hartmann sah kurz zu Sophie.

Dann schüttelte er den Kopf.

„Nicht vor dem Kind.“

Oben waren inzwischen weitere Einsatzkräfte eingetroffen.

Sanitäter untersuchten Emma und Sophie getrennt. Alexander wurde in den Eingangsbereich gebracht.

Als er Sophie unter einer Decke die Treppe hinaufkommen sah, verschwand jede Farbe aus seinem Gesicht.

Nur für einen Moment.

Dann kehrte seine Maske zurück.

„Das ist absurd“, sagte er. „Das Mädchen ist die Tochter einer Mitarbeiterin. Ich habe ihr geholfen.“

Sophie blieb stehen.

Ihre kleinen Finger klammerten sich um die Decke.

„Lügner.“

Das Wort war kaum hörbar.

Aber jeder im Raum hörte es.

Alexander starrte sie an.

Und Sophie wich sofort zurück.

Richard stellte sich zwischen die beiden.

„Sehen Sie sie nicht an.“

Alexander lächelte wieder.

Doch diesmal erreichte das Lächeln seine Augen nicht.

„Sie haben keine Ahnung, Richard.“

Hartmann ließ ihn abführen.

Als Alexander die Haustür erreichte, drehte er sich noch einmal um.

„Frag deine Tochter, warum sie heute Morgen überhaupt in den Keller gegangen ist.“

Emma erstarrte.

Richard sah es.

Hartmann ebenfalls.

Dann fiel die Tür hinter Alexander ins Schloss.

Die Villa wurde zum Tatort erklärt.

Während die Kriminaltechniker Räume versiegelten, saß Richard neben Emma im Rettungswagen. Ein Sanitäter hatte ihr Auge gekühlt und ihre Rippen stabilisiert.

„Emma.“

Sie blickte auf ihre Hände.

„Was wollte Alexander damit sagen?“

Lange antwortete sie nicht.

Schließlich zog sie ihr Handy aus der Tasche.

Das Display war gesprungen.

„Heute Morgen bekam ich eine Nachricht.“

„Von wem?“

„Ich weiß es nicht.“

Sie öffnete einen Screenshot.

Nur zwei Zeilen waren darauf zu sehen.

**Wenn du wissen willst, warum Alexander dich niemals gehen lassen wird, öffne um 11:30 Uhr die Kellertür.**

**Der Code ist 1706.**

Richard las die Nachricht zweimal.

„Und du bist hinuntergegangen.“

Emma nickte.

„Ich dachte, ich würde Beweise finden.“

Ihre Stimme begann wieder zu zittern.

„Stattdessen fand ich Sophie.“

Sie hatte das Mädchen kaum erreicht, als Alexander hinter ihr aufgetaucht war.

Er hatte gefragt, wer ihr den Code gegeben hatte.

Emma hatte sich geweigert zu antworten.

Dann hatte er sie nach oben gezerrt.

„Deshalb hast du mich angerufen.“

„Ja.“

Richard dachte an den Satz im Umschlag.

*Alexander hat den Polizeipräsidenten auf seiner Seite.*

Er sah zu Hartmann, der wenige Meter entfernt mit den Ermittlern sprach.

Etwas passte nicht.

„Emma“, sagte Richard langsam. „Du hast vor zwei Jahren geschrieben, Hartmann stehe auf Alexanders Seite.“

Sie sah ihn an.

„Das dachte ich.“

„Und heute richtet Hartmann eine Waffe auf ihn.“

Emma schwieg.

Richard spürte dasselbe Gefühl, das ihn früher in Einsätzen gewarnt hatte, wenn ein scheinbar klares Lagebild plötzlich nicht mehr stimmte.

Dann kam Hartmann auf sie zu.

„Oberst Wagner.“

Richard stand auf.

„Wir müssen reden.“

Hartmann blickte zu Emma und anschließend zu den Beamten rund um die Villa.

„Nicht hier.“

„Warum?“

Hartmann senkte die Stimme.

„Weil Alexander recht hatte.“

Richard sagte nichts.

„Er ist nicht der Einzige.“

Richard sah zu Emma.

Doch Hartmann fuhr fort.

„Und wenn derjenige, der Ihrer Tochter heute Morgen den Kellercode geschickt hat, wirklich die Person ist, die ich vermute …“

Er hielt inne.

„… dann wusste jemand bereits vor Ihrem Notruf, dass Sophie dort unten war.“

Richards Blick wurde kalt.

„Wer?“

Hartmann zog sein Handy heraus.

Darauf war das Standbild einer Überwachungskamera zu sehen.

Zeitstempel: 11:27 Uhr.

Drei Minuten bevor Emma den Keller öffnen sollte.

Eine Person stand am Seitentor der Villa.

Richard betrachtete das Bild.

Dann stockte ihm der Atem.

Er kannte dieses Gesicht.

Sehr gut.

„Das ist unmöglich“, flüsterte er.

Hartmann sah ihn ernst an.

„Offenbar nicht.“

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 4, um weiterzulesen.**

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