Unterhaltung

„Papa … er hat mir wieder wehgetan“ – zwanzig Minuten später stand ich in der Villa meines Schwiegersohns

Richard zeigte Emma die Nachricht nicht.

Noch nicht.

Doch sie kannte ihren Vater zu gut.

„Was ist passiert?“

Richard sperrte das Display.

„Jemand ist bei meinem Haus.“

Hartmann reagierte sofort.

„Adresse.“

Richard nannte sie.

Hartmann gab über Funk den Auftrag, eine Streife hinzuschicken, aber Richard griff nach seinem Mantel.


„Ich fahre selbst.“

„Nein.“

„In meinem Haus könnten weitere Unterlagen liegen.“

„Genau deshalb fahren Sie nicht.“

Richard sah ihn an.

„Wenn jemand weiß, dass ich Emmas Umschlag geöffnet habe, dann beobachtet diese Person entweder mich oder sie.“

Emma schüttelte den Kopf.

„Der Umschlag lag zwei Jahre bei dir.“

„Ungeöffnet.“

„Ja.“


„Dann musste jemand wissen, was darin stand.“

Hartmann verstand.

„Alexander?“

Emma blickte zu Boden.

„Ich habe ihm nie davon erzählt.“

„Hat er den Umschlag gesehen?“

„Nein.“

Richard glaubte ihr.

Doch damit wurde die Frage nur schlimmer.

Wer hatte gewusst, was Emma ihm vor zwei Jahren übergeben hatte?


Hartmanns Telefon klingelte.

Er hörte schweigend zu.

„Nichts anfassen. Haus sichern. Ich komme.“

Er legte auf.

„Die Streife ist dort.“

„Einbruch?“

„Keine Aufbruchspuren.“

Richard wartete.

Hartmann zögerte.

„Auf Ihrem Küchentisch liegt eine schwarze Mappe.“


Richard spürte einen Druck in der Brust.

„Die war vorher nicht dort.“

„Davon bin ich ausgegangen.“

Emma setzte sich auf die Bettkante.

„Papa, geh nicht.“

Richard drehte sich zu ihr.

Für einen Moment sah er nicht die erwachsene Frau vor sich.

Er sah das kleine Mädchen, das früher bei Gewitter in sein Schlafzimmer gekommen war.

„Ich komme zurück.“

„Das hast du früher auch immer gesagt.“


Der Satz traf ihn unerwartet.

Während seiner Dienstjahre hatte er ihn unzählige Male gesagt.

Vor Übungen.

Vor Auslandseinsätzen.

Vor Wochen, in denen Emma nicht wissen durfte, wo er war.

Damals hatte sie warten müssen.

Heute nicht.

Richard setzte sich neben sie.

„Dann mache ich es diesmal anders.“

Er sah Hartmann an.


„Sie fahren. Ich bleibe hier.“

Hartmann nickte.

Bevor er ging, sagte Richard:

„Schicken Sie mir keine Fotos über private Geräte. Nur über gesicherte Kanäle.“

„Verstanden.“

Hartmann verschwand.

Richard blieb bei Emma.

Zehn Minuten vergingen.

Dann zwanzig.

Die Polizei durchsuchte weiterhin das Krankenhaus nach Hinweisen auf Sophies Entführung. Auf den Aufzeichnungen war die falsche Krankenschwester mehrfach zu sehen, doch ihr Gesicht blieb geschickt von Haaren und einer medizinischen Maske verdeckt.


Emma lag wieder im Bett.

„Papa.“

„Ja?“

„Ich muss dir noch etwas sagen.“

Richard wartete.

„Vor zwei Jahren, als ich dir den Umschlag gab … war ich nicht allein.“

Richard sah sie an.

„Wer war bei dir?“

„Eine Frau.“

Er dachte sofort an das Foto aus dem roten Ordner.


Emma auf dem Parkplatz.

Die unbekannte Frau mit dem Rücken zur Kamera.

„Katharina?“

Emma nickte.

Plötzlich ergab das Datum Sinn.

„Du kanntest sie.“

„Nur kurz.“

Emma erzählte, dass Katharina sie nach einem Wohltätigkeitsempfang angesprochen hatte. Zunächst hatte sie nur gefragt, ob Emma sich sicher fühle.

Emma war misstrauisch gewesen.

Dann hatte Katharina Dinge erwähnt, die sie eigentlich nicht wissen konnte.


Alexanders Kontrolle über Emmas Ausgaben.

Seine Überwachung ihres Handys.

Sogar einen Vorfall, bei dem Emma tagelang eine Verletzung versteckt hatte.

„Woher wusste sie das?“

„Alexander ließ Mitarbeiter Informationen über mich sammeln.“

Richard dachte an die Fotos.

„Und Katharina hatte Zugriff darauf.“

„Ja.“

Katharina hatte Emma geraten, Beweise außerhalb der Villa aufzubewahren.

Deshalb war der Umschlag bei Richard gelandet.


„Warum hast du mir ihren Namen nie genannt?“

Emma sah ihn lange an.

„Weil sie mich darum gebeten hat.“

„Warum?“

„Sie sagte, wenn Alexander herausfindet, dass wir miteinander gesprochen haben, seien wir beide in Gefahr.“

Richard schloss kurz die Augen.

Zwei Jahre.

Seine Tochter hatte diese Last zwei Jahre allein getragen.

„Was war in dem Umschlag, als du ihn mir gegeben hast?“

Emma runzelte die Stirn.

„Was meinst du?“

„Hast du ihn selbst verschlossen?“

„Ja.“

„War außer den Fotos, Befunden und der Liste noch etwas darin?“

Emma dachte nach.

Dann veränderte sich ihr Gesicht.

„Ein Schlüssel.“

Richard richtete sich auf.

„Da war kein Schlüssel.“

„Doch.“

„Emma, ich habe alles herausgenommen.“

„Ein kleiner Messingschlüssel. Katharina hat ihn mir gegeben. Ich habe ihn zwischen zwei Fotos geklebt.“

Richard ging im Kopf noch einmal durch, was er in seinem Wagen gesehen hatte.

Fotos.

Befunde.

Datumsangaben.

Emmas Satz.

Kein Schlüssel.

„Dann hat jemand den Umschlag geöffnet und wieder versiegelt.“

Emma wurde blass.

Richards Handy klingelte.

Hartmann.

„Ich bin in Ihrem Haus.“

„Was ist in der Mappe?“

„Fotokopien.“

„Wovon?“

„Dienstunterlagen.“

Richard schwieg.

„Ihre.“

„Welche?“

„Alte Einsatzprotokolle. Teilweise geschwärzt.“

Richard stand auf.

„Adler Sieben?“

„Ja.“

Damit war es kein Zufall mehr.

„Noch etwas?“

Hartmann schwieg einen Moment.

„Ein Foto von Ihnen und Thomas Berger.“

Richard erinnerte sich sofort an das Bild.

Es war nach ihrer Rückkehr von einem Einsatz aufgenommen worden. Richard und Thomas standen nebeneinander vor einem Transportfahrzeug.

„Auf der Rückseite steht etwas.“

„Lesen Sie es.“

„‚Einer von euch hat Katharina belogen.‘“

Richard sah durch die Glasscheibe der Krankenzimmertür.

Zwei Polizisten standen draußen.

„Wo ist die Mappe jetzt?“

„Gesichert.“

„Und mein Schrank?“

„Welcher Schrank?“

„Im Flur.“

Hartmann ging offenbar durch das Haus.

Richard hörte Schritte.

Dann Stille.

„Offen.“

Richards Herz schlug schneller.

„Die Metallkassette?“

„Ist da.“

„Dienstpistole?“

Hartmann prüfte es.

„Ja.“

„Truppenausweis?“

„Ja.“

„Sonst etwas?“

Wieder Stille.

„Ein leerer Platz im Schaumstoff.“

Richard hatte nie einen solchen Platz bemerkt.

„Wofür?“

„Sieht aus, als hätte dort etwas Kleines gelegen.“

Richard sah Emma an.

„Der Schlüssel.“

Hartmann verstand sofort.

„Jemand war vor Ihnen an der Kassette.“

„Oder vor Jahren.“

Emma flüsterte:

„Katharina.“

Richard drehte sich zu ihr.

„Was?“

„Sie wusste, dass du diese Kassette hast.“

„Woher?“

„Von mir.“

Richard sagte nichts.

Emma begann schneller zu sprechen.

„Als wir über einen sicheren Ort für die Beweise gesprochen haben, habe ich ihr erzählt, dass du dort wichtige Sachen aufbewahrst.“

„Hast du ihr gesagt, wo die Kassette steht?“

„Nein.“

Richard wollte antworten, als Hartmann plötzlich sagte:

„Moment.“

Im Hintergrund hörte Richard ein leises Piepen.

„Was ist das?“

„In der Mappe.“

Papier raschelte.

Dann fluchte Hartmann.

„Raus aus dem Haus“, sagte Richard sofort.

„Da ist ein Sender.“

„Gehen Sie.“

Hartmann gab seinen Leuten Befehle.

Sekunden später hörte Richard eine Tür zuschlagen.

„Wir sind draußen.“

„Keiner geht wieder hinein, bis die Spezialisten da sind.“

„Verstanden.“

Richard legte auf.

Emma sah ihn an.

„Jemand wollte wissen, wer die Mappe findet.“

„Oder wann.“

Sein Handy vibrierte erneut.

Diesmal kam die Nachricht von einer unbekannten Nummer.

**Der Schlüssel öffnet nicht Adler Sieben.**

Eine zweite Nachricht erschien.

**Er öffnet Schließfach 314. München Hauptbahnhof.**

Richard starrte auf das Display.

Dann kam eine dritte.

Ein Foto.

Sophie.

Sie saß auf einem Stuhl und hielt eine Zeitung des heutigen Tages vor sich.

Sie lebte.

Neben ihr stand die blonde Frau aus dem Krankenhaus.

Diesmal trug sie keine Maske.

Emma stieß einen leisen Laut aus.

„Ich kenne sie.“

Richard drehte sich zu ihr.

„Wer ist das?“

Emma nahm ihm das Handy aus der Hand und vergrößerte das Gesicht.

„Sie hat früher für Alexander gearbeitet.“

„Name?“

Emma schüttelte den Kopf.

„Ich kannte nur ihren Vornamen.“

„Welchen?“

„Nina.“

Richard rief Hartmann sofort zurück.

Der Name reichte.

Weniger als zehn Minuten später kam die Antwort.

Nina Falk.

Ehemalige Sicherheitsbeauftragte bei Alexanders Unternehmen.

Vor neun Monaten gekündigt.

Offiziell wegen „Vertrauensbruchs“.

Hartmann ließ nach ihr fahnden.

Dann fragte er:

„Und das Schließfach?“

Richard erzählte ihm von der Nachricht.

„Wir sichern den Hauptbahnhof.“

„Warten Sie.“

„Warum?“

Richard dachte an den fehlenden Schlüssel.

„Wir haben ihn nicht.“

Emma sah plötzlich auf.

„Vielleicht doch.“

Sie griff nach ihrer Handtasche, die ein Beamter aus der Villa ins Krankenhaus gebracht hatte.

Aus einem Seitenfach holte sie ihre Brieftasche.

Darin steckte ein altes Foto von ihr und Richard.

Emma löste vorsichtig die transparente Schutzfolie auf der Rückseite.

Etwas Kleines fiel auf die Bettdecke.

Ein Messingschlüssel.

Richard starrte ihn an.

„Ich dachte, du hättest ihn in den Umschlag gelegt.“

„Das dachte ich auch.“

Emma drehte den Schlüssel um.

Auf einer Seite war eine winzige Zahl eingraviert.

**314.**

Auf der anderen Seite standen zwei Buchstaben.

**K.S.**

Katharina Seidel.

Richard griff nicht danach.

„Warum ist er hier?“

Emma sah genauso erschrocken aus wie er.

„Ich weiß es nicht.“

Dann erinnerte sie sich.

„Katharina hat das Foto damals in der Hand gehabt.“

Richard verstand.

Katharina hatte Emma glauben lassen, der Schlüssel sei im Umschlag.

In Wahrheit hatte sie ihn hinter dem Foto versteckt.

Zwei getrennte Sicherungen.

Beweise bei Richard.

Schlüssel bei Emma.

Wenn einer von ihnen unter Druck geriet, hatte niemand alles.

Hartmann sagte am Telefon:

„Ich schicke ein Team.“

Richard betrachtete den Schlüssel.

Dann Sophies Foto.

„Nein.“

„Richard—“

„Wer immer diese Nachrichten schickt, weiß von Schließfach 314. Wenn plötzlich ein Polizeiteam dort auftaucht, verlieren wir vielleicht die einzige Spur zu Sophie.“

„Sie gehen dort nicht allein hin.“

„Das habe ich auch nicht vor.“

Richard sah Emma an.

Sie wusste bereits, was er dachte.

„Thomas.“

Richard nickte.

Wenn Thomas die Wahrheit sagte, hatte Katharina ihn um Schutz gebeten.

Wenn er log, musste Richard endlich herausfinden, warum.

Er wählte Thomas' Nummer.

Diesmal nahm jemand ab.

Kein Wort.

Nur Atem.

„Thomas“, sagte Richard. „Ich habe den Schlüssel.“

Stille.

Dann kam die Antwort.

„Dann hat Katharina dir doch vertraut.“

„Wo bist du?“

„Das spielt keine Rolle.“

„Sophie wurde entführt.“

Am anderen Ende wurde es vollkommen still.

Als Thomas wieder sprach, war jede Ruhe aus seiner Stimme verschwunden.

„Von wem?“

„Nina Falk.“

Thomas fluchte.

„Richard, hör zu. Öffne Schließfach 314 nicht.“

„Warum?“

„Weil Katharina dort nicht nur Beweise versteckt hat.“

„Was dann?“

Thomas atmete schwer.

„Etwas, das Alexander seit elf Monaten sucht.“

„Was?“

„Eine Liste.“

„Von wem?“

„Von allen, die ihm geholfen haben.“

Richard dachte an Emmas Worte im Treppenhaus.

*Er ist nicht der Einzige.*

„Dann müssen wir sie finden.“

„Nein“, sagte Thomas.

„Warum nicht?“

Thomas schwieg so lange, dass Richard glaubte, die Verbindung sei abgebrochen.

Dann sagte sein alter Freund:

„Weil mein Name auf dieser Liste steht.“

**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**

No comments yet