Richard folgte Hartmann in einen kleinen Besprechungsraum am Ende des Krankenhausflurs.
Auf dem Tisch lag kein roter Ordner.
Nur ein Laptop.
„Wo ist er?“, fragte Richard.
„In der Asservatenstelle. Die Seiten werden einzeln dokumentiert.“
Hartmann schloss die Tür.
„Was ich Ihnen zeigen werde, darf diesen Raum vorerst nicht verlassen.“
Richard setzte sich nicht.
„Zeigen Sie es mir.“
Hartmann öffnete eine Datei.
Auf dem Bildschirm erschien eine Tabelle.
Namen.
Daten.
Geldbeträge.
Daneben Kürzel, die Richard nichts sagten.
Hartmann scrollte weiter.
Einige Namen waren Richard aus Zeitungen bekannt: Unternehmer, Anwälte, ein ehemaliger Stadtrat, zwei leitende Angestellte aus Alexanders Firma.
Dann erschien ein Name, den Richard kannte.
**Katharina Seidel.**
Daneben stand:
**K.S. – 17.05. – Risiko – Übergabe T.B.**
Richard beugte sich vor.
„T.B.“
Hartmann sah ihn an.
„Thomas Berger.“
Richard dachte an den Anruf.
*Katharina Seidel hat mich vor elf Monaten angerufen.*
„Das beweist nichts.“
„Nein.“
Hartmann scrollte weiter.
Dann stoppte er.
Richard spürte, wie sich sein Nacken verspannte.
**E.K. – Beobachtung seit 03/24.**
Darunter befanden sich Verweise auf Fotografien.
Emma König.
Seine Tochter.
„Warum?“
„Das wissen wir noch nicht.“
„Alexander war mit ihr verheiratet. Warum musste er seine eigene Frau heimlich überwachen lassen?“
Hartmann öffnete mehrere Bilder.
Emma beim Einkaufen.
Emma in einem Café.
Emma vor Richards Haus.
Emma auf einem Parkplatz, wo sie offenbar mit einer unbekannten Frau sprach.
Richard deutete auf das letzte Bild.
„Wer ist das?“
Hartmann vergrößerte es.
Die Frau stand mit dem Rücken zur Kamera.
„Wir arbeiten daran.“
Richard betrachtete das Datum.
Fast genau zwei Jahre zuvor.
Wenige Tage bevor Emma ihm den versiegelten Umschlag gegeben hatte.
„Emma muss das sehen.“
„Noch nicht.“
Richard drehte sich zu Hartmann.
„Sie entscheiden nicht, was meine Tochter erfahren darf.“
„Nein. Aber sie liegt mit zwei angebrochenen Rippen im Krankenhaus, und wir wissen nicht, ob das hier echte Dokumentation oder präpariertes Material ist.“
Thomas' Warnung hallte in Richards Kopf.
„Alexander hat den Ordner absichtlich dort gelassen.“
Hartmanns Blick wurde scharf.
„Woher wissen Sie das?“
Richard schwieg.
„Oberst Wagner.“
„Thomas hat mich angerufen.“
Hartmann richtete sich auf.
„Wann?“
„Vor wenigen Minuten.“
„Was hat er gesagt?“
Richard erzählte ihm von Katharinas Anruf, von Thomas' Warnung und von den letzten Worten, bevor die Verbindung abgebrochen war.
Hartmann griff sofort nach seinem Telefon.
„Die Nummer.“
Richard gab sie ihm.
Während Hartmann sie weiterleitete, öffnete sich draußen plötzlich eine Tür.
Dann hörten beide Emmas Stimme.
„Papa?“
Richard trat auf den Flur.
Emma stand vor ihrem Zimmer, eine Hand an den Rippen.
„Du solltest liegen.“
„Sophie ist weg.“
Hartmann kam sofort heraus.
„Was heißt weg?“
„Ihr Bett ist leer.“
Innerhalb von Sekunden veränderte sich die Atmosphäre auf der Station.
Eine Pflegerin wurde gerufen.
Dann die Polizistin, die vor Sophies Zimmer postiert gewesen war.
„Ich war keine zwei Minuten weg“, sagte sie. „Eine Schwester sagte, Sophie müsse zur Untersuchung.“
„Welche Schwester?“
„Blonde Haare. Mitte dreißig.“
Die Stationsleitung wurde blass.
„Wir haben niemanden geschickt.“
Hartmann griff zum Funkgerät.
„Alle Ausgänge schließen. Tiefgarage, Haupteingang, Lieferzugang. Niemand verlässt das Gebäude.“
Richard sah Emma an.
Sie war kreidebleich.
„Sie haben sie geholt.“
„Noch wissen wir das nicht.“
„Doch.“
Emma zeigte auf ihr gesprungenes Handy.
Eine neue Nachricht war eingegangen.
Kein Absender.
Nur ein Foto.
Sophie saß auf einem Rücksitz.
Neben ihr war ein Stück einer schwarzen Jacke zu sehen.
Darunter stand:
**Der rote Ordner war eine Warnung. Hört auf zu suchen.**
Hartmann nahm das Telefon nicht an sich.
„Nicht berühren. Wir sichern es direkt.“
Richard starrte auf das Bild.
„Wann kam es?“
„Vor einer Minute.“
Hartmann funkte die Information weiter.
Keine drei Minuten später meldete sich ein Beamter aus der Tiefgarage.
Eine Überwachungskamera hatte eine Frau mit einem Kind aufgezeichnet.
Sie waren in einen grauen Wagen gestiegen.
Das Kennzeichen war nicht lesbar.
„Fahndung raus“, befahl Hartmann.
Emma griff nach Richards Arm.
„Papa, Sophie hatte Angst vor Alexander.“
„Ich weiß.“
„Aber als die Polizistin vorhin Katharinas Namen gesagt hat, hat Sophie etwas zu mir gesagt.“
Richard sah sie an.
„Was?“
Emma schloss kurz die Augen, als versuche sie, sich exakt zu erinnern.
„Sie sagte: ‚Mama hat gesagt, wenn etwas passiert, soll ich nach dem Mann mit der Narbe suchen.‘“
Hartmann erstarrte.
Richard bemerkte es sofort.
„Was?“
Hartmann hob langsam eine Hand an seine linke Schläfe.
Dort verlief, halb vom Haar verdeckt, eine schmale alte Narbe.
Emma starrte ihn an.
„Sie meinte Sie?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wie hat Katharina Sie gekannt?“, fragte Richard.
Hartmann antwortete diesmal sofort.
„Sie hat mich drei Wochen vor ihrem Verschwinden getroffen.“
Der Flur wurde still.
„Sie haben gesagt, Sie hätten erst später von dem gelöschten Hinweis erfahren.“
„Das stimmt.“
„Dann warum trafen Sie sie?“
Hartmann sah Richard fest an.
„Weil sie nicht zur Polizei kam.“
„Sondern?“
„Zu mir privat.“
Katharina hatte Hartmann erzählt, dass sie bei internen Prüfungen auf Zahlungen gestoßen war, die keinen geschäftlichen Zweck erkennen ließen.
Sie hatte Angst gehabt, offizielle Kanäle zu benutzen.
Und sie hatte ihm einen USB-Stick versprochen.
„Hat sie ihn Ihnen gegeben?“
„Nein. Zum zweiten Treffen kam sie nie.“
Richard dachte nach.
„Und Thomas?“
„Seinen Namen hat sie nicht erwähnt.“
Ein Beamter kam den Flur entlanggelaufen.
„Herr Polizeipräsident.“
Hartmann wandte sich um.
„Wir haben den Wagen.“
„Wo?“
„Zwei Straßen weiter.“
Emma hielt den Atem an.
„Und Sophie?“
Der Beamte schüttelte den Kopf.
„Nicht im Fahrzeug.“
„Die Frau?“
„Auch nicht.“
„Fingerabdrücke?“
„Kriminaltechnik ist unterwegs.“
Der Beamte zögerte.
„Aber auf dem Beifahrersitz lag etwas.“
Er reichte Hartmann eine transparente Beweismitteltüte.
Darin befand sich ein kleines Mobiltelefon.
Ein altes Modell.
Auf der Rückseite klebte ein weißer Aufkleber.
Darauf stand mit schwarzem Filzstift:
**R.W.**
Richards Initialen.
„Das gehört mir nicht.“
Hartmann betrachtete das Gerät.
„Vielleicht sollte es Ihnen gehören.“
Das Telefon klingelte.
Alle drei sahen darauf.
Unbekannte Nummer.
Hartmann ließ einen Techniker kommen, der das Gespräch über Lautsprecher annahm und die Aufzeichnung aktivierte.
Zuerst hörten sie nur Atem.
Dann Sophies Stimme.
„Herr Wagner?“
Richard trat näher.
„Sophie. Ich bin hier.“
„Ich soll Ihnen etwas sagen.“
„Bist du verletzt?“
„Nein.“
„Wo bist du?“
Eine Frauenstimme sagte im Hintergrund etwas, das niemand verstand.
Sophie begann schneller zu sprechen.
„Mama hat gesagt, Sie würden wissen, was ‚Adler sieben‘ bedeutet.“
Richard erstarrte.
Hartmann sah ihn an.
„Was bedeutet das?“
Richard antwortete nicht.
Er konnte nicht.
*Adler Sieben* war kein Ort.
Es war eine Bezeichnung aus seiner Dienstzeit.
Eine Bezeichnung, die außerhalb eines sehr kleinen Kreises niemand kennen durfte.
Und Thomas Berger gehörte zu diesem Kreis.
„Sophie“, sagte Richard. „Ist der Mann mit der Narbe bei dir?“
„Nein.“
„Ist Thomas bei dir?“
Lange Stille.
Dann sagte Sophie:
„Ich kenne keinen Thomas.“
Im Hintergrund schlug eine Tür zu.
Die Verbindung brach ab.
Hartmann wandte sich Richard zu.
„Jetzt erzählen Sie mir alles über Adler Sieben.“
Richard sah durch das Fenster am Ende des Flurs hinaus auf München.
Jahrelang hatte er geglaubt, dieser Teil seines Lebens sei abgeschlossen.
„Es war der Name einer gesicherten Übergabestelle, die meine Einheit vor vielen Jahren genutzt hat.“
„Wo?“
„Außerhalb der Stadt.“
„Existiert sie noch?“
Richard nickte langsam.
„Das Gebäude schon.“
Hartmann griff nach seinem Mantel.
„Dann fahren wir.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Richard blickte auf das alte Telefon in der Beweismitteltüte.
„Weil genau das von uns erwartet wird.“
Hartmann blieb stehen.
Richard zeigte auf die Initialen.
„Jemand hat dieses Telefon für mich hinterlassen. Jemand kennt eine alte militärische Bezeichnung. Jemand wusste, dass Sophie sie mir nennen würde.“
Emma verstand zuerst.
„Eine Falle.“
„Vielleicht.“
Richard sah Hartmann an.
„Oder ein Test.“
Sein eigenes Handy vibrierte.
Eine Nachricht.
Diesmal von Thomas' Nummer.
Richard öffnete sie.
Nur ein Satz.
**Wenn Sophie „Adler sieben“ gesagt hat, fahrt auf keinen Fall dorthin.**
Hartmann las über seine Schulter.
Dann kam eine zweite Nachricht.
**Katharina hat den echten Beweis dort versteckt. Und jemand will, dass Richard ihn findet, bevor ich es tue.**
Richard hob den Blick.
„Thomas lebt.“
Hartmann nickte.
„Oder jemand hat sein Telefon.“
Noch bevor Richard antworten konnte, erschien eine dritte Nachricht.
Diesmal war es ein Foto.
Es zeigte die Eingangstür von Richards eigenem Haus.
Aufgenommen vor wenigen Sekunden.
Darunter standen sechs Worte:
**Du hast den Umschlag geöffnet. Wir wissen es.**
Richard spürte, wie sich alles in ihm zusammenzog.
Denn der versiegelte Umschlag war nie bei der Polizei gewesen.
Und außer ihm und Emma hätte niemand wissen dürfen, dass er ihn heute geöffnet hatte.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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