Richard antwortete Sophie nicht sofort.
Er stand mitten in der kleinen Kapelle und starrte auf das Telefon in seiner Hand.
„Sophie“, sagte er schließlich. „Hat deine Mutter dir gesagt, welche Antwort richtig ist?“
„Nein.“
„Was hat sie gesagt?“
„Dass Sie sich erinnern werden, wenn Sie die richtige Frage hören.“
Richard schloss die Augen.
Adler Sieben.
Zwölf Jahre zuvor.
Eine gesicherte Übergabestelle außerhalb Münchens. Ein unscheinbares Gebäude, das damals für sensible technische Datenträger und Einsatzunterlagen genutzt worden war.
Er erinnerte sich an Regen.
An einen ausgefallenen Generator.
An Thomas, der fluchend mit einer Taschenlampe durch einen dunklen Korridor gegangen war.
An Voss.
Dann nichts.
Nein.
Nicht nichts.
Ein Geräusch.
Glas, das zerbrach.
Richard öffnete die Augen.
„Thomas.“
Thomas stand noch immer vor ihm.
„Was?“
„Du hast gesagt, eine Datensicherung sei verschwunden.“
„Ja.“
„Wann?“
„In dieser Nacht.“
„Warum erinnere ich mich nicht an eine Untersuchung?“
Thomas' Gesicht wurde angespannt.
„Weil Voss am nächsten Morgen sagte, es habe keinen Sicherheitsvorfall gegeben.“
„Und wir haben das akzeptiert?“
„Du warst nicht mehr da.“
Richard erstarrte.
„Was soll das heißen?“
„Voss hat dich kurz nach Mitternacht weggeschickt.“
Langsam kehrte die Erinnerung zurück.
Ein Telefonat.
Emma war damals noch jung gewesen.
Ein angeblicher medizinischer Notfall in der Familie.
Richard hatte den Standort verlassen.
Später hatte sich herausgestellt, dass es nur ein Missverständnis gewesen war.
„Der Anruf.“
Thomas nickte.
„Voss bestand darauf, dass du fährst.“
Richard spürte, wie sich die einzelnen Teile ineinanderschoben.
„Er wollte mich aus dem Gebäude haben.“
„Das glaube ich heute.“
Richard nahm das Telefon wieder hoch.
„Sophie.“
„Ja?“
„Sag deiner Mutter, falls du sie jemals wiedersiehst, dass ich mich erinnere.“
Kurze Stille.
„Das ist nicht die Antwort.“
Richard sah Thomas an.
Dann kam die Erinnerung vollständig zurück.
Bevor er Adler Sieben verlassen hatte, war ihm auf dem Parkplatz ein schwarzer Wagen entgegengekommen.
Er hatte nicht darauf geachtet.
Aber jetzt erinnerte er sich an den Fahrer.
„Markus Voss kam zurück.“
Thomas' Augen weiteten sich.
„Was?“
„Er hatte behauptet, nach Hause zu fahren. Aber als ich losfuhr, kam sein Wagen zurück zum Gebäude.“
Richard sprach wieder ins Telefon.
„Die Wahrheit ist: Voss war in dieser Nacht zweimal bei Adler Sieben.“
Sophie schwieg.
Dann sagte sie:
„Mama hat gesagt, das ist die Antwort.“
Thomas sank auf die Bank.
Richard dagegen empfand keine Erleichterung.
Nur Zorn.
Hartmann übernahm wieder.
„Wir treffen uns am Hauptbahnhof.“
„Nein. Erst bringen Sie Sophie und Nina in Sicherheit.“
„Schon veranlasst.“
Richard sah Thomas an.
„Und Berger kommt mit.“
Eine Stunde später wurde Schließfach 314 unter polizeilicher Sicherung geöffnet.
Der Messingschlüssel drehte sich ohne Widerstand.
Im Fach lag lediglich eine kleine schwarze Box.
Keine Dokumente.
Kein Geld.
Hartmann ließ sie von der Kriminaltechnik untersuchen, bevor Sophie vortrat.
Nina blieb dicht bei ihr.
Richard beobachtete die Frau.
„Warum haben Sie Sophie aus dem Krankenhaus geholt?“
Nina antwortete ruhig.
„Weil ich Markus Voss dort gesehen habe.“
„Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen?“
Sie sah Hartmann an.
„Weil Katharina mir beigebracht hat, niemandem blind zu vertrauen.“
Hartmann nahm die Antwort hin.
Sophie kniete vor der Box.
Auf ihrer Oberseite befand sich ein Zahlenfeld.
„Mama hat gesagt, ich darf den Code nur eingeben, wenn Oberst Wagner die Frage beantwortet.“
Sie tippte acht Ziffern ein.
Ein leises Klicken.
Die Box sprang auf.
Darin lagen zwei verschlüsselte Speichermedien und ein kleiner Audiorekorder.
Hartmann ließ alles dokumentieren.
„Wir hören nichts an, bevor es gesichert wurde.“
Richard nickte.
Diesmal wollte er keine Abkürzungen.
Drei Stunden später saßen sie in einem gesicherten Besprechungsraum des Polizeipräsidiums.
Emma war auf eigenen Wunsch aus dem Krankenhaus dorthin gebracht worden, medizinisch versorgt und begleitet.
Sophie saß neben Nina in einem anderen geschützten Raum.
Thomas war ebenfalls da.
Hartmann startete die erste gesicherte Audiodatei.
Katharinas Stimme erklang.
„Wenn diese Aufnahme abgespielt wird, bin ich entweder verschwunden oder ich kann nicht mehr selbst aussagen.“
Emma griff nach Richards Hand.
Katharina beschrieb, wie sie bei internen Prüfungen von Alexanders Unternehmen auf Zahlungen an externe Berater gestoßen war.
Einer dieser Namen war Markus Voss.
Dann hatte sie ältere Unternehmensunterlagen gefunden.
Dokumente, die zeigten, dass Voss Alexander Jahre zuvor Zugang zu technischen Informationen verschafft hatte, die aus einem geschützten militärischen Entwicklungsumfeld stammten.
Thomas schloss die Augen.
„Adler Sieben.“
Die Aufnahme lief weiter.
Katharina erklärte, dass Alexander später begonnen hatte, Menschen zu überwachen, die diese Verbindung aufdecken konnten.
Darunter Richard.
Und später Emma.
Nicht weil Emma etwas wusste.
Sondern weil sie Richards Tochter war.
Richard spürte, wie Emma seine Hand losließ.
„Er hat mich deshalb kennengelernt?“
Niemand antwortete.
Katharinas Stimme tat es.
„Ich kann nicht beweisen, dass Alexander König seine spätere Ehe mit Emma Wagner von Anfang an geplant hat. Ich kann jedoch belegen, dass seine Mitarbeiter Richard Wagner bereits Monate vor Alexanders erster Begegnung mit Emma beobachteten.“
Richard sah Emma an.
Tränen standen in ihren Augen.
„Sechs Jahre.“
„Emma—“
„Sechs Jahre habe ich geglaubt, ich hätte nur einen falschen Mann geheiratet.“
Richard setzte sich näher.
„Was Alexander getan hat, sagt nichts darüber aus, wer du bist.“
Hartmann stoppte die Aufnahme.
„Wir bleiben bei dem, was wir beweisen können.“
Er hatte recht.
Die nächste Datei enthielt Zahlungslisten, interne Nachrichten und Kopien von Zugriffsprotokollen.
Voss' Name tauchte immer wieder auf.
Aber auch Thomas'.
Thomas zeigte selbst auf die Einträge.
„Das sind meine Beratungszahlungen.“
„Und diese?“, fragte Hartmann.
Thomas sah genauer hin.
Drei Überweisungen waren wesentlich höher.
„Die habe ich nie erhalten.“
Hartmann notierte es.
„Dann prüfen wir das.“
Keine vorschnellen Urteile.
Keine bequemen Erklärungen.
Nur Beweise.
Schließlich öffnete der Techniker die letzte Datei.
Ein Video.
Katharina saß vor einer Kamera.
Hinter ihr dieselbe graue Wand wie auf Sophies Entführungsfoto.
„Falls Sophie das hier sieht“, sagte sie, „mein Schatz, du hast nichts falsch gemacht.“
Sophie war nicht im Raum.
Richard war dankbar dafür.
Katharina erklärte, dass sie vor ihrem Verschwinden einen Plan vorbereitet hatte.
Nina sollte Sophie schützen, falls Alexander erkannte, was Katharina gesammelt hatte.
Doch Katharina hatte Sophie damals bei einer vertrauten Betreuungsperson untergebracht.
„Wie kam sie dann in Alexanders Keller?“, fragte Emma.
Nina wurde blass.
„Das wusste ich nicht.“
Hartmann stoppte das Video.
„Wer war die Betreuungsperson?“
Nina antwortete:
„Eine ehemalige Kollegin von Katharina.“
„Name?“
„Julia Brenner.“
Hartmann gab den Namen sofort weiter.
Wenige Minuten später kam die Antwort.
Julia Brenner war vor sechs Tagen bei einem angeblichen Verkehrsunfall schwer verletzt worden und lag seitdem im künstlichen Koma.
Sophie war am selben Tag verschwunden.
Alexander hatte sie offenbar gefunden.
Emma schloss die Augen.
Damit war wenigstens diese Frage beantwortet.
Doch Katharinas Video war noch nicht vorbei.
Hartmann startete es erneut.
„Markus Voss ist gefährlich“, sagte Katharina. „Aber falls meine Informationen stimmen, arbeitet er nicht mehr nur mit Alexander zusammen. Er versucht inzwischen, die gesamte Beweiskette zu kontrollieren.“
Richard dachte an die manipulierten Erinnerungen, die alten Unterlagen in seinem Haus, die Nachricht über Adler Sieben.
„Wo ist Voss jetzt?“, fragte er.
Hartmann rief die Fahndungsleitung an.
Die Antwort kam sofort.
Voss war nicht zu Hause.
Sein Mobiltelefon war ausgeschaltet.
Sein Fahrzeug ebenfalls verschwunden.
Dann klingelte Emmas Handy.
Alle sahen sie an.
Diesmal erschien kein unbekannter Absender.
**Alexander König.**
Emma wurde kreidebleich.
„Er ist festgenommen.“
Hartmann nahm sein eigenes Telefon.
„Er befindet sich im Gewahrsam.“
Die Nachricht öffnete sich automatisch in der Vorschau.
**Emma, wenn du Sophie wirklich retten willst, frag deinen Vater, was Voss in seiner alten Metallkassette gesucht hat.**
Richard erstarrte.
Hartmann rief sofort die zuständige Dienststelle an.
Dann veränderte sich sein Gesicht.
„Alexander ist nicht mehr dort.“
„Was?“
„Während einer medizinischen Untersuchung kam es zu einem Sicherheitsvorfall.“
„Ist er geflohen?“
Hartmann hörte weiter zu.
„Ja.“
Richard stand auf.
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Ein Beamter kam herein.
„Herr Polizeipräsident, wir haben eine Ortung.“
„Von wem?“
„Nina Falk hat uns vorhin die Seriennummer eines alten Notfalltrackers gegeben, den Katharina Sophie vor Jahren in den Saum ihrer Jacke nähen ließ.“
Nina sprang auf.
„Sie trägt die Jacke heute.“
„Wo ist sie?“
Der Beamte legte ein Tablet auf den Tisch.
Ein Punkt blinkte auf einer Karte.
Nicht beim Hauptbahnhof.
Nicht bei der Villa.
Nicht bei Richards Haus.
Richard erkannte die Gegend sofort.
Adler Sieben.
Hartmann sah ihn an.
„Sophie war eben noch im Schutzraum.“
Alle drehten sich zur Tür.
Der Beamte wurde bleich.
Hartmann griff zum Funkgerät.
Sekunden später kam die Bestätigung.
Der Raum war leer.
Nina rannte hinaus.
Auf Sophies Stuhl lag nur ein zusammengefaltetes Blatt Papier.
Darauf stand in kindlicher Handschrift:
**Ich muss Mama holen. Der Mann hat gesagt, sie wartet dort auf mich.**
Richard las den Satz zweimal.
„Welcher Mann?“
Dann sah er auf die Rückseite.
Dort befand sich eine zweite Nachricht.
Nicht von Sophie.
Mit schwarzem Filzstift geschrieben.
**Richard. Diesmal kommst du zu Ende, was vor zwölf Jahren begonnen hat. Allein.**
Thomas trat neben ihn.
„Voss.“
Richard blickte auf den blinkenden Punkt bei Adler Sieben.
Dann auf Emma.
Zwölf Jahre zuvor hatte Markus Voss ihn mit einer Lüge von dort weggeschickt.
Heute wollte er ihn mit einem Kind dorthin zurückholen.
Doch Richard war nicht mehr der Mann, den Voss damals hatte manipulieren können.
„Hartmann“, sagte er ruhig.
„Ja?“
„Wir fahren zu Adler Sieben.“
Hartmann nickte.
„Mit allem, was wir haben.“
Richard nahm seinen Mantel.
„Und diesmal geht niemand allein.“
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 9, um weiterzulesen.**







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