Richard starrte auf das Standbild, bis die Konturen des Gesichts vor seinen Augen zu verschwimmen schienen.
„Nein.“
Hartmann sagte nichts.
Richard nahm ihm das Handy aus der Hand und vergrößerte das Bild.
Die Aufnahme war körnig. Die Person trug eine dunkle Jacke und eine Schirmmütze, doch das Gesicht war für einen Augenblick direkt zur Kamera gedreht.
Richard hätte es überall erkannt.
„Thomas Berger.“
Emma hob ruckartig den Kopf.
„Onkel Thomas?“
Richard nickte langsam.
Thomas war kein Verwandter im eigentlichen Sinne. Er war Richards engster Freund aus Bundeswehrzeiten gewesen, sein ehemaliger Stellvertreter und seit Emmas Kindheit für sie einfach „Onkel Thomas“.
Vor vier Jahren war er nach Österreich gezogen.
Zumindest hatte Richard das geglaubt.
„Wann haben Sie das bekommen?“, fragte Richard.
„Vor sechs Minuten“, antwortete Hartmann. „Die Kriminaltechnik hat die Aufzeichnungen des äußeren Kamerasystems gesichert.“
„Was hat Thomas hier gemacht?“
„Das versuche ich herauszufinden.“
Emma sah zwischen ihnen hin und her.
„Er hat mir die Nachricht nicht geschickt.“
„Woher weißt du das?“, fragte Richard.
„Weil er meine Nummer nicht hat.“
Richard wollte widersprechen.
Dann erinnerte er sich.
Emma hatte ihre Nummer vor knapp drei Jahren gewechselt, nachdem Alexander behauptet hatte, jemand belästige sie. Danach hatte sie sich immer weiter von alten Freunden und Bekannten zurückgezogen.
Thomas hatte sie seit Jahren nicht gesehen.
Hartmann nahm sein Handy zurück.
„Wir haben das Kennzeichen überprüft. Der Wagen wurde gestern in Salzburg gemietet.“
„Wo ist er jetzt?“
„Unbekannt.“
Richard blickte zur Villa.
„Dann finden Sie ihn.“
Hartmanns Miene blieb ernst.
„Das werden wir.“
Ein Sanitäter trat zu ihnen und bestand darauf, Emma ins Krankenhaus zu bringen. Der Verdacht auf Rippenfrakturen musste abgeklärt werden.
Richard wollte mitfahren.
Doch Emma hielt seine Hand fest.
„Papa, hör mir erst zu.“
Er setzte sich wieder.
„Als ich Sophie gefunden habe, hat sie etwas gesagt.“
Emma sah zu dem anderen Rettungswagen, in dem das Mädchen untersucht wurde.
„Sie sagte: ‚Du bist die Frau von den Fotos.‘“
Richard runzelte die Stirn.
„Welche Fotos?“
„Das weiß ich nicht.“
Hartmann hörte jetzt ebenfalls aufmerksam zu.
„Hat sie noch etwas gesagt?“
Emma nickte.
„Sie fragte mich, ob ich auch im roten Ordner stehe.“
Hartmanns Gesicht wurde augenblicklich hart.
„Welcher rote Ordner?“
„Alexander kam, bevor sie es erklären konnte.“
Hartmann drehte sich um und rief einen Ermittler zu sich.
„Der Keller wird erneut durchsucht. Suchen Sie nach einem roten Ordner. Jede Schublade, jede Verkleidung, jeden Hohlraum.“
Der Mann nickte und verschwand.
Richard beobachtete Hartmann.
„Jetzt erzählen Sie mir, was Sie wissen.“
Hartmann schwieg einen Moment.
„Nicht genug.“
„Das ist keine Antwort.“
„Mehr kann ich im Moment nicht beweisen.“
Richard trat näher.
„Meine Tochter wurde verletzt. Ein Kind wurde in einem Keller eingeschlossen. Mein ehemaliger Stellvertreter taucht drei Minuten vor einer anonymen Nachricht an einem Seitentor auf. Sie haben Alexander persönlich festgenommen, obwohl Emma überzeugt war, dass Sie ihn schützen.“
Er sah Hartmann direkt an.
„Also versuchen Sie es noch einmal.“
Hartmann atmete langsam aus.
„Vor achtzehn Monaten bekam meine Dienststelle einen anonymen Hinweis über Alexander.“
„Weswegen?“
„Finanzielle Unregelmäßigkeiten. Einschüchterung. Mögliche Manipulation von Beweismitteln.“
„Und?“
„Der Hinweis verschwand aus dem System.“
Richard schwieg.
„Jemand mit ausreichenden Zugriffsrechten hatte ihn gelöscht“, fuhr Hartmann fort. „Als ich davon erfuhr, ließ ich Alexander glauben, dass ich auf seiner Seite stehe.“
Emma sah ihn fassungslos an.
„Deshalb waren Sie bei seinen Veranstaltungen.“
„Ja.“
„Deshalb haben Sie mit ihm gegessen?“
„Ja.“
Ihre Stimme wurde bitter.
„Ich dachte, Sie wären sein Freund.“
„Das sollte er auch denken.“
Richard erinnerte sich an Emmas Satz im Umschlag.
Sie hatte nicht gelogen.
Sie hatte nur gesehen, was Hartmann Alexander sehen lassen wollte.
„Warum haben Sie Emma nicht gewarnt?“
Hartmann blickte zu ihr.
„Weil wir nicht wussten, wem wir innerhalb der Ermittlungen vertrauen konnten.“
Richard mochte die Antwort nicht.
Aber er verstand sie.
In diesem Moment kam die Polizistin aus dem zweiten Rettungswagen.
„Herr Polizeipräsident? Sophie möchte etwas sagen.“
Hartmann ging sofort hinüber.
Richard und Emma folgten.
Sophie saß auf der Liege und hielt einen Becher Wasser mit beiden Händen.
„Du musst nichts erzählen, wenn du nicht möchtest“, sagte die Polizistin.
Das Mädchen blickte Emma an.
„Er hat gesagt, niemand würde nach mir suchen.“
Emma setzte sich vorsichtig neben sie.
„Wer? Alexander?“
Sophie nickte.
„Wie lange warst du dort unten?“
„Ich weiß nicht.“
„Weißt du, wo deine Mutter ist?“
Sophie presste die Lippen zusammen.
Dann flüsterte sie:
„Mama hat für ihn gearbeitet.“
Richard bemerkte, wie Hartmann reagierte.
Nur eine winzige Veränderung.
Aber sie war da.
„Wie heißt deine Mutter?“, fragte er.
„Katharina Seidel.“
Hartmann wurde blass.
Richard sah ihn an.
„Sie kennen den Namen.“
Hartmann antwortete nicht sofort.
Dann zog er Richard einige Schritte vom Rettungswagen weg.
„Katharina Seidel war Finanzcontrollerin bei Königs Firma.“
„War?“
„Sie verschwand vor elf Monaten.“
Richard spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Wurde nach ihr gesucht?“
„Ja. Sie galt offiziell als freiwillig verschwunden. Ihr Wagen wurde am Münchner Flughafen gefunden. Ihr Konto zeigte eine Buchung nach Zürich.“
„Und Sie glauben das nicht.“
„Nicht mehr.“
Ein Ermittler kam aus der Villa gelaufen.
In seinen behandschuhten Händen hielt er einen roten Aktenordner in einer transparenten Beweismitteltüte.
„Gefunden.“
Sophie sah ihn und begann sofort zu zittern.
Emma legte einen Arm um sie.
Hartmann nahm den Ordner nicht an.
„Wo?“
„Hinter einer losen Wandplatte im Keller.“
Der Ermittler senkte die Stimme.
„Da sind Fotos drin.“
„Von wem?“
„Mehreren Personen.“
Richard sah Emma an.
„Ist sie dabei?“
Der Ermittler zögerte.
„Ja.“
Hartmann ließ den Ordner sofort versiegeln und zur Auswertung bringen.
Doch bevor der Ermittler ging, bemerkte Richard etwas zwischen den Klarsichthüllen.
Eine Fotografie.
Darauf war Emma vor einem Supermarkt zu sehen.
Offenbar heimlich aufgenommen.
Auf der Rückseite stand ein Datum.
Vor fast drei Jahren.
Richard spürte eine Kälte in sich aufsteigen.
Alexander hatte seine Tochter nicht nur kontrolliert.
Jemand hatte sie systematisch beobachtet.
„Papa?“
Richard drehte sich zu Emma.
„Wir fahren jetzt ins Krankenhaus.“
Diesmal widersprach sie nicht.
Eine Stunde später saß Richard neben ihrem Bett, während Ärzte bestätigten, dass zwei Rippen angebrochen waren. Ihr Auge war schwer geprellt, doch es bestand keine akute Lebensgefahr.
Sophie war auf derselben Station untergebracht und wurde vom Jugendamt betreut.
Richard blieb im Flur, als sein Handy klingelte.
Unbekannte Nummer.
Er nahm ab.
„Wagner.“
Am anderen Ende herrschte einige Sekunden Stille.
Dann hörte er eine Männerstimme.
„Richard.“
Er erkannte sie sofort.
„Thomas.“
„Du musst mir zuhören.“
Richard stand auf.
„Wo bist du?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
„Du warst heute an der Villa.“
Stille.
Damit hatte Richard seine Antwort.
„Hast du Emma die Nachricht geschickt?“
„Nein.“
„Warum warst du dort?“
Thomas atmete hörbar aus.
„Weil Katharina Seidel mich vor elf Monaten angerufen hat.“
Richard erstarrte.
„Am Tag, bevor sie verschwand.“
„Was wollte sie?“
„Schutz.“
„Vor Alexander?“
Thomas schwieg.
„Thomas.“
„Nicht nur vor Alexander.“
Richards Griff um das Telefon wurde fester.
„Vor wem noch?“
„Genau deshalb bin ich zurückgekommen.“
Im Hintergrund hörte Richard plötzlich ein Geräusch.
Eine Autotür.
Dann Thomas' hastigen Atem.
„Verdammt.“
„Was ist los?“
„Sie haben mich gefunden.“
„Wer?“
Keine Antwort.
Stattdessen sagte Thomas nur:
„Richard, hör mir genau zu. Vertraue niemandem, der behauptet, der rote Ordner sei das wichtigste Beweismittel.“
Die Verbindung knackte.
„Warum?“
Thomas' nächste Worte kamen nur noch als Flüstern.
„Weil Alexander den Ordner absichtlich dort gelassen hat.“
Dann brach die Verbindung ab.
Richard versuchte sofort zurückzurufen.
Die Nummer war nicht mehr erreichbar.
Hinter ihm öffnete sich Emmas Krankenzimmertür.
Hartmann stand im Flur.
„Wir haben den roten Ordner ausgewertet.“
Richard steckte langsam das Handy ein.
„Und?“
Hartmann hielt seinem Blick stand.
„Wir haben etwas gefunden, das Sie sehen müssen.“
Richard dachte an Thomas' Warnung.
Und zum ersten Mal seit Beginn dieses Albtraums wusste er nicht mehr, ob das Finden eines Beweismittels bedeutete, der Wahrheit näher zu kommen.
Oder genau dorthin geführt zu werden, wo Alexander König sie haben wollte.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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