Richard sagte nichts.
Auf der anderen Seite der Leitung hörte er Thomas atmen.
Langsam.
Schwer.
„Erklär es mir.“
„Nicht am Telefon.“
„Dein Name steht auf einer Liste von Menschen, die Alexander geholfen haben, und du erwartest, dass ich mich mit dir treffe?“
„Die Liste bedeutet nicht das, was du denkst.“
Richard lachte einmal kurz.
Ohne jede Wärme.
„Das sagen Männer meistens kurz bevor sie erklären, warum Beweise gegen sie missverstanden wurden.“
„Dann kennst du mich schlechter, als ich dachte.“
„Ich kannte dich dreißig Jahre.“
„Genau deshalb solltest du mir zehn Minuten geben.“
Richard sah Emma an.
Sie beobachtete ihn schweigend.
„Wo?“
„Nicht Adler Sieben. Nicht dein Haus. Nicht der Bahnhof.“
Thomas nannte eine kleine Kapelle auf einem Friedhof südlich von München.
„Vierzig Minuten.“
Dann legte er auf.
Richard rief Hartmann zurück.
„Thomas will sich treffen.“
„Wo?“
Richard sagte es ihm.
„Sie bleiben im Krankenhaus.“
„Nein.“
„Das war keine Empfehlung.“
„Dann verschwenden Sie keine Zeit mit Diskussionen.“
Hartmann schwieg.
Schließlich sagte er:
„Sie fahren nicht allein.“
Richard sah Emma an.
„Damit kann ich leben.“
Eine Stunde später stand Richard vor der kleinen Friedhofskapelle.
Hartmann hatte zwei zivile Teams außerhalb des Geländes positioniert. Keine Uniformen. Keine sichtbaren Fahrzeuge.
Richard ging allein hinein.
Thomas Berger wartete in der letzten Bankreihe.
Er war älter geworden.
Das Haar fast vollständig grau.
Unter seinem rechten Auge lag ein frischer Bluterguss.
Seine Unterlippe war aufgeplatzt.
„Wer hat dich gefunden?“, fragte Richard.
Thomas stand auf.
„Zwei Männer. Ich konnte entkommen.“
„Von Alexander?“
„Vermutlich.“
„Vermutlich reicht mir nicht.“
Richard blieb mehrere Meter entfernt.
„Warum steht dein Name auf Katharinas Liste?“
Thomas griff langsam in seine Jacke.
Richard spannte sich an.
Thomas zog lediglich einen Umschlag heraus und legte ihn auf die Bank.
„Weil ich für Alexander gearbeitet habe.“
Richard starrte ihn an.
„Was?“
„Nicht so, wie du denkst.“
„Dann sag endlich, wie.“
Thomas setzte sich.
„Nach meinem Ausscheiden aus der Bundeswehr habe ich Sicherheitsberatung gemacht. Vor drei Jahren beauftragte mich Königs Firma.“
Richard wusste davon nichts.
„Womit?“
„Interne Sicherheitsprüfungen. Schutz sensibler Entwicklungsprojekte. Hintergrundüberprüfungen.“
„Und Überwachung?“
Thomas schwieg.
Das war Antwort genug.
Richard ging einen Schritt näher.
„Emma?“
„Nein.“
„Lüg mich nicht an.“
„Ich habe deine Tochter nie überwacht.“
„Wer dann?“
„Nina Falk leitete einen internen Kreis, von dem ich erst später erfahren habe.“
Der Name ließ Richard aufhorchen.
„Nina hat Sophie.“
Thomas' Kopf fuhr hoch.
„Bist du sicher?“
Richard zeigte ihm das Foto.
Thomas betrachtete es.
Seine Miene veränderte sich.
Nicht Angst.
Erkennen.
„Das ist nicht der Ort, an dem Sophie festgehalten wird.“
„Woher willst du das wissen?“
Thomas vergrößerte den Hintergrund.
Hinter Sophie war nur ein Teil einer grauen Wand und ein Fenster zu sehen.
„Siehst du die Markierung?“
Auf dem Fensterrahmen klebte ein kleiner gelber Prüfaufkleber.
Thomas kannte ihn.
„Das Gebäude gehört zu einem alten Rechenzentrum von Königs Firma bei Unterhaching.“
Richard griff nach seinem Handy.
„Hartmann.“
„Warte.“
„Ein Kind wurde entführt.“
„Genau deshalb.“
Thomas sah ihn ernst an.
„Wenn Nina Sophie wirklich schaden wollte, hätte sie kein Foto geschickt.“
„Du verteidigst sie?“
„Nein. Ich sage, dass wir ihre Rolle noch nicht verstehen.“
Richard dachte an die falsche Krankenschwester.
„Sie hat ein Kind aus einem Krankenhaus entführt.“
„Oder herausgeholt.“
Richard wurde still.
Thomas fuhr fort.
„Katharina vertraute Nina.“
„Emma sagte, Alexander habe sie wegen Vertrauensbruchs entlassen.“
„Ja. Weil Nina Informationen nach außen gegeben hatte.“
„An wen?“
„Katharina.“
Plötzlich verschob sich das Bild.
„Warum sperrte Alexander Sophie dann im Keller ein?“
„Das weiß ich nicht.“
Thomas öffnete den Umschlag.
Darin lag ein Ausdruck einer E-Mail.
Absender: Katharina Seidel.
Datum: elf Monate zuvor.
Empfänger: Thomas Berger.
Richard las.
Katharina schrieb, sie habe eine Sicherung angelegt. Falls sie verschwinde, dürfe niemand vorschnell davon ausgehen, dass alle Namen auf ihrer Liste Täter seien.
Einige seien Beteiligte.
Andere Informanten.
Wieder andere Menschen, die Alexander überwachen ließ.
„Deshalb steht dein Name darauf.“
Thomas nickte.
„Aber ich weiß nicht, in welcher Kategorie.“
Richard sah ihn an.
„Das ist nicht besonders beruhigend.“
„Soll es auch nicht sein.“
Zum ersten Mal klang Thomas nicht defensiv.
„Ich habe Dinge für Königs Firma getan, auf die ich nicht stolz bin. Ich habe zu spät verstanden, wofür meine Arbeit benutzt wurde.“
„Und Katharina?“
„Sie wollte Beweise sammeln.“
„Warum kam sie zu dir?“
„Weil ich Zugang hatte.“
„Hast du ihr geholfen?“
„Ja.“
„Und dann verschwand sie.“
Thomas blickte zur Kirchenwand.
„Deshalb bin ich gegangen.“
„Nach Österreich.“
„Ja.“
„Du bist geflohen.“
„Ja.“
Das einfache Eingeständnis überraschte Richard mehr als jede Rechtfertigung.
„Ich hatte Angst.“
Richard schwieg.
Thomas sah ihn wieder an.
„Aber Katharina hatte Sophie.“
„Was meinst du?“
„Sie konnte nicht einfach verschwinden und ihre Tochter zurücklassen.“
„Vielleicht hatte sie keine Wahl.“
„Oder sie ist nicht freiwillig verschwunden.“
Richard dachte an den Keller.
An das Mädchen auf der Matratze.
„Schließfach 314.“
Thomas nickte.
„Dort liegt die Sicherung.“
„Dann öffnen wir es.“
„Nicht ohne Sophie.“
„Warum?“
„Weil Katharina eine letzte Sperre eingebaut hat.“
„Welche?“
Thomas zeigte auf den Messingschlüssel in Richards Hand.
„Der Schlüssel öffnet nur die äußere Tür des Fachs. Im Inneren befindet sich eine verschlüsselte Speichereinheit.“
„Passwort?“
„Das kannte nur Katharina.“
„Dann ist sie wertlos.“
„Nein.“
Thomas sah auf Sophies Foto.
„Katharina sagte mir einmal: Falls ihr etwas passiert, würde Sophie wissen, wie man die Sicherung öffnet.“
Richard spürte, wie ihm kalt wurde.
Das erklärte, warum Alexander das Mädchen nicht einfach hatte verschwinden lassen.
Er brauchte sie.
„Dann müssen wir Sophie zuerst finden.“
Richard wählte Hartmann.
Diesmal hielt Thomas ihn nicht auf.
Zwölf Minuten später bewegten sich zivile Einsatzfahrzeuge in Richtung Unterhaching.
Richard und Thomas blieben zurück.
„Wenn du gelogen hast“, sagte Richard, „finden sie dort nichts.“
„Dann darfst du mich danach hassen.“
„Darum geht es nicht.“
Richard trat näher.
„Meine Tochter wurde jahrelang misshandelt. Sophie wurde eingesperrt. Katharina ist verschwunden. Wenn du irgendwann die Möglichkeit hattest, das zu stoppen, und geschwiegen hast, dann wirst du damit leben müssen.“
Thomas senkte den Blick.
„Das tue ich bereits.“
Hartmann meldete sich nach siebenundzwanzig Minuten.
„Wir sind am Gebäude.“
Richard schaltete den Lautsprecher ein.
„Wärmebild zeigt drei Personen im Erdgeschoss.“
„Sophie?“
„Nicht identifiziert.“
Dann hörte Richard Befehle.
Eine Tür krachte.
Rufe.
Schritte.
Sekunden wurden zu Minuten.
Schließlich meldete sich Hartmann wieder.
„Wir haben Sophie.“
Richard schloss die Augen.
„Ist sie verletzt?“
„Nein.“
Thomas atmete hörbar aus.
„Und Nina?“, fragte Richard.
„Hier.“
„Festgenommen?“
Hartmann schwieg.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil Sophie sagt, Nina habe sie aus dem Krankenhaus geholt, nachdem sie einen Mann vor ihrem Zimmer gesehen hatte.“
Richard öffnete die Augen.
„Welchen Mann?“
„Sophie kannte seinen Namen nicht.“
„Beschreibung?“
Hartmann antwortete:
„Etwa sechzig. Grauhaarig. Dunkler Mantel.“
Richard sah Thomas an.
„Das beschreibt halb München.“
„Es gibt mehr.“
Hartmanns Stimme wurde leiser.
„Der Mann hatte einen alten Bundeswehr-Ring.“
Richard spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte.
Solche Ringe waren nicht offiziell, aber in seinem damaligen Kreis hatten einige Männer sie nach einem gemeinsamen Auslandseinsatz anfertigen lassen.
„Adler Sieben“, sagte Thomas.
Richard nickte.
„Wer hatte einen?“
Thomas zählte die Namen in Gedanken durch.
Dann wurde sein Gesicht bleich.
„Richard.“
„Sag es.“
„Nicht nur wir beide.“
„Wer noch?“
Thomas sah ihn an.
„Markus Voss.“
Richard kannte den Namen natürlich.
Generalmajor a. D. Markus Voss.
Ihr damaliger Vorgesetzter.
Und der Mann, der Richard nach Emmas Geburt versprochen hatte, im Notfall immer auf seine Familie aufzupassen.
„Wo ist Voss heute?“, fragte Richard.
Thomas antwortete nicht.
Hartmann tat es.
„Das wollten wir ebenfalls wissen.“
Richard hörte Tastaturgeräusche.
„Markus Voss sitzt seit fünf Jahren im Aufsichtsrat von Königs Cybersecurity-Unternehmen.“
Die Kapelle schien plötzlich kleiner zu werden.
Richard erinnerte sich an die alten Dienstunterlagen in seinem Haus.
An Adler Sieben.
An das Foto von ihm und Thomas.
*Einer von euch hat Katharina belogen.*
Vielleicht hatte die Botschaft sie absichtlich aufeinander gehetzt.
„Wir bringen Sophie an einen gesicherten Ort“, sagte Hartmann. „Nina kommt mit.“
„Ich komme ebenfalls.“
Richard legte auf.
Thomas blieb sitzen.
„Du weißt etwas über Voss.“
Thomas sah ihn lange an.
Dann nickte er.
„Vor zwölf Jahren gab es bei Adler Sieben einen Zwischenfall.“
„Welchen Zwischenfall?“
„Eine Datensicherung verschwand.“
Richard runzelte die Stirn.
„Davon habe ich nie gehört.“
„Weil Voss die Untersuchung stoppen ließ.“
„Was war auf der Sicherung?“
„Ich wusste es damals nicht.“
Thomas stand auf.
„Heute glaube ich, dass ich es weiß.“
„Was?“
„Die ersten Bausteine der Technologie, auf der Alexander später seine Firma aufgebaut hat.“
Richard sagte kein Wort.
Wenn das stimmte, reichte die Geschichte weit vor Emmas Ehe zurück.
Vielleicht hatte Alexander Emma nicht zufällig kennengelernt.
Vielleicht war Richards Familie schon lange vorher Teil seines Plans gewesen.
Sein Handy klingelte erneut.
Hartmann.
„Wir haben Sophie gefragt, ob sie Schließfach 314 kennt.“
„Und?“
„Sie kennt es.“
Richard wartete.
„Sie sagt, ihre Mutter habe ihr beigebracht, was sie tun müsse, wenn jemand eines Tages den Messingschlüssel bringt.“
„Was muss sie tun?“
Hartmann schwieg kurz.
„Sie muss eine Zahlenfolge eingeben.“
„Welche?“
„Die will sie nur Ihnen persönlich sagen.“
Richard sah Thomas an.
„Warum mir?“
Hartmann stellte Sophie auf Lautsprecher.
Ihre kleine Stimme erklang.
„Weil Mama gesagt hat, ich soll Oberst Wagner eine Frage stellen.“
Richard schluckte.
„Welche Frage, Sophie?“
„Sie hat gesagt, wenn Sie die richtige Antwort geben, darf ich Ihnen den Code sagen.“
„Frag mich.“
Sophie holte hörbar Luft.
„Was geschah wirklich in der Nacht bei Adler Sieben?“
Richard erstarrte.
Denn es gab nur ein Problem.
Nach allem, woran er sich erinnerte, war in jener Nacht überhaupt nichts geschehen.
Und plötzlich wusste Richard, dass genau diese Erinnerung die größte Lüge von allen sein könnte.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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