Mara war schon in Bewegung, bevor Fabers Körper vollständig auf dem Asphalt aufschlug.
„Deckung!“
Seidel riss sie hinter einen Betonpfeiler.
Ein dritter Schuss kam nicht.
Auf dem Dach des Technikgebäudes war nichts mehr zu sehen.
„Sicherung aufs Dach!“, brüllte Seidel. „Nord- und Westseite abriegeln!“
Zwei Teams liefen los.
Mara blickte zu Faber.
Er lag auf der Seite, eine Hand auf seine Hüfte gepresst. Blut drang zwischen seinen Fingern hervor.
„Er lebt.“
Brandt wollte zu ihm.
Seidel hielt ihn zurück.
„Noch nicht.“
Erst nachdem zwei Soldaten den Hof abgesichert hatten, durften die Sanitäter vor.
Mara blieb einige Meter entfernt.
Faber hatte sie angesehen.
Nicht Kern.
Dasselbe hatte Vogel gesagt.
Zwei Männer.
Unabhängig voneinander.
Beide unmittelbar nachdem jemand versucht hatte, sie auszuschalten.
Zum ersten Mal fühlte sich der Name Matthias Kern nicht mehr wie eine weitere gelegte Spur an.
Sondern wie etwas, vor dem Menschen tatsächlich Angst hatten.
„Seidel.“
Der Major sah zu ihr.
„Kern darf das Technikgebäude nicht verlassen.“
Seidel antwortete sofort ins Funkgerät.
Keine Antwort.
Er versuchte es erneut.
„Team Technik, melden.“
Rauschen.
Dann eine Stimme.
„Major, wir haben ein Problem.“
„Was für eins?“
„Kapitänleutnant Kern ist nicht mehr hier.“
Mara schloss kurz die Augen.
„Sie sollten ihn festhalten.“
„Er war in Raum 2B. Als wir nach der Alarmmeldung zum Fenster gingen, war er noch da. Danach—“
„Danach?“
„Die rückwärtige Servicetür stand offen.“
Seidel fluchte.
„Alle Ausgänge sperren.“
Mara blickte zum Dach.
„Er musste nicht durch einen offiziellen Ausgang.“
Brandt verstand sofort.
„Der Tunnel.“
Seidel drehte sich zum Kommandeur.
„Wie viele Zugänge hat dieses alte Versorgungssystem?“
Der Kommandeur zögerte.
„Mehrere.“
„Wie viele?“
„Vier dokumentierte.“
Mara sah ihn an.
„Und undokumentierte?“
Keine Antwort.
Seidels Gesicht wurde hart.
„Herr Kapitän zur See, ab jetzt sagen Sie mir alles. Nicht das, was Ihrer Karriere am wenigsten schadet. Alles.“
Der Kommandeur blickte zu Faber, der gerade auf eine Trage gehoben wurde.
Dann nickte er langsam.
„Es gab früher einen fünften Zugang.“
„Wo?“
„Unter dem Technikgebäude.“
Brandt lachte einmal fassungslos.
„Natürlich.“
„Er wurde vor Jahren zugemauert.“
Mara fragte:
„Von wem abgenommen?“
Der Kommandeur sah sie an.
„Kern war damals stellvertretender technischer Verantwortlicher.“
Jetzt wurde es still.
Seidel griff erneut zum Funkgerät.
„Tunnelteam sofort zum alten Technikzugang. Keine Einzelbewegungen.“
Faber wurde an ihnen vorbeigetragen.
Seine Augen öffneten sich.
„Mara.“
Sie trat näher.
„Ich bin hier.“
„Kern …“
„Wir wissen es.“
Faber packte schwach ihren Ärmel.
„Nein.“
Sein Atem ging schwer.
„Sie wissen nicht … warum.“
Der Sanitäter wollte ihn zurückhalten.
Mara beugte sich näher.
„Dann sagen Sie es mir.“
Faber kämpfte um jedes Wort.
„Der Bericht … vier Jahre.“
„Welcher Bericht?“
„Auswahlverfahren.“
Mara spürte, wie sich alles zusammenzog.
„Warum stand mein Name darin?“
Faber schloss kurz die Augen.
„Weil Sie damals etwas gesehen haben.“
Mara starrte ihn an.
„Ich war nie hier.“
„Nicht hier.“
Er hustete.
Der Sanitäter sagte scharf:
„Wir müssen weiter.“
Faber ignorierte ihn.
„Kiel.“
Mara erstarrte.
Kiel.
Vier Jahre zuvor.
Sie erinnerte sich an einen Lehrgang.
Gemeinsame maritime Ausbildung.
Drei Tage.
Nichts Außergewöhnliches.
Zumindest hatte sie das bisher geglaubt.
Dann kam ein Bild zurück.
Ein nächtlicher Materialtransport.
Ein falscher Lieferschein.
Ein Offizier, der sie aufgefordert hatte, eine Seriennummer nicht weiter zu prüfen.
Damals hatte sie eine Abweichung gemeldet.
Der Vorgang war zwei Wochen später als Verwaltungsfehler geschlossen worden.
„Die verschwundene Funkausrüstung“, sagte Mara.
Fabers Finger lösten sich langsam von ihrem Ärmel.
„Nicht verschwunden.“
Seine Stimme war kaum noch hörbar.
„Weitergegeben.“
Mara wollte noch etwas fragen.
Doch der Sanitäter schob die Trage weiter.
„Genug.“
Mara blieb stehen.
Brandt trat neben sie.
„Was meint er mit weitergegeben?“
Sie sah ihm nicht an.
„Damals fehlten mehrere verschlüsselte Funkmodule aus einem Materialbestand.“
„Und Sie haben das gemeldet?“
„Ja.“
„Was passierte?“
„Man erklärte mir, zwei Seriennummern seien falsch erfasst worden.“
„Und Sie haben das geglaubt?“
Mara schwieg.
Das war Antwort genug.
Seidel kam zurück.
„Faber wird operiert. Vogel ist stabil, aber noch nicht vernehmungsfähig.“
Mara sah ihn an.
„Ich glaube, ich weiß jetzt, warum mein Name schon vor Jahren in einer Akte stand.“
Sie erzählte ihm von Kiel.
Vom Materialtransport.
Von den fehlenden Modulen.
Von dem angeblichen Verwaltungsfehler.
Seidels Gesicht veränderte sich zunehmend.
„Haben Sie noch Unterlagen?“
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
„Ich habe damals meine eigene Meldung gespeichert.“
Brandt sah sie an.
„Wo?“
„Nicht hier.“
Seidel nickte.
„Gut.“
„Gut?“
„Wenn jemand seit vier Jahren versucht, diesen Vorgang zu kontrollieren, ist es gut, dass die einzige Kopie nicht auf diesem Stützpunkt liegt.“
Mara dachte nach.
„Es gibt noch etwas.“
„Was?“
„Die Meldung wurde damals gegengezeichnet.“
„Von wem?“
Sie versuchte, sich zu erinnern.
Nicht an einen Namen.
An eine Unterschrift.
An Initialen.
M.K.
Sie sah Seidel an.
„Matthias Kern.“
Brandt stieß leise Luft aus.
Jetzt passte plötzlich mehr zusammen.
Kern kannte ihren Namen.
Kern wusste, dass sie Abweichungen bemerkte.
Kern wusste, wie technische Zugänge funktionierten.
Und Kern war an einem alten Versorgungssystem beteiligt gewesen, das sich perfekt eignete, Bewegungen auf dem Stützpunkt zu verbergen.
Seidel blieb vorsichtig.
„Das ist ein Motiv. Noch kein Beweis.“
Mara nickte.
„Aber endlich ein Motiv, das nicht gestern entstanden ist.“
Das Funkgerät knackte.
„Tunnelteam an Seidel.“
„Sprechen.“
„Wir haben den alten Zugang unter dem Technikgebäude gefunden.“
„Offen?“
„Ja.“
„Spuren?“
Kurze Pause.
„Mehr als Spuren.“
Seidel sah Mara an.
„Was genau?“
„Sie sollten das selbst sehen.“
Zehn Minuten später standen sie unter dem Technikgebäude.
Der Zugang lag hinter einer demontierten Wandplatte.
Dahinter führte eine schmale Betontreppe hinab.
Die Luft war feucht und kühl.
Unten wartete ein Soldat.
„Hier entlang.“
Sie folgten ihm durch einen niedrigen Korridor.
Nach ungefähr dreißig Metern öffnete sich ein kleiner Wartungsraum.
Darin standen zwei Metallregale.
Ein Tisch.
Mehrere Kisten.
Und elektronische Geräte.
Seidel ging sofort langsamer.
„Nichts anfassen.“
Mara erkannte Teile davon.
Funktechnik.
Alte, aber hochwertige Komponenten.
Auf einem Tisch lag ein Laptop.
Daneben mehrere Zugangskarten.
Eine davon trug Riedels Namen.
Eine Brandts.
Eine Vogels.
Mara zeigte darauf.
„Daher kamen die gefälschten Zugriffe.“
Ein Techniker bestätigte es.
„Mit diesen Karten konnte jemand Bewegungen simulieren.“
Auf dem Regal lag außerdem eine kleine Box.
Darin Fotos.
Nicht nur von Mara.
Auch von Vogel.
Von Faber.
Von Brandt.
Einige waren mit Datum versehen.
Andere mit Kreuzen.
Seidel blätterte vorsichtig durch.
„Das ist keine spontane Aktion.“
Mara nahm nichts in die Hand.
Sie sah nur.
Dann entdeckte sie einen Ordner.
Auf dem Rücken stand:
KIEL / 4 JAHRE.
„Da.“
Seidel öffnete ihn.
Innen lagen Kopien alter Materiallisten.
Seriennummern.
Transportpapiere.
Und Maras damalige Meldung.
Oben rechts stand ihr Name.
Darunter ein handschriftlicher Vermerk.
„Beobachten. Falls erneut Kontakt mit Vorgang: neutralisieren.“
Brandt wurde bleich.
„Neutralisieren.“
Mara las weiter.
Unter dem Satz standen Initialen.
M.K.
Seidel sagte leise:
„Damit haben wir wesentlich mehr.“
Doch Mara blätterte nicht weiter.
„Warum erst jetzt?“
„Was meinen Sie?“
„Vier Jahre.“
Sie deutete auf den Ordner.
„Wenn Kern mich seit damals beobachten ließ, warum sollte er ausgerechnet diese Woche versuchen, mich zu töten?“
Seidel sagte nichts.
Mara sah sich im Raum um.
Dann fiel ihr Blick auf einen Ausdruck neben dem Laptop.
Eine Teilnehmerliste.
Diese Übung.
Ihr Name.
Daneben eine zweite Spalte.
„Zugriff auf Altvorgang: bestätigt.“
Mara runzelte die Stirn.
„Ich habe auf gar nichts zugegriffen.“
Ein Techniker überprüfte die Datei.
„Laut System schon.“
„Wann?“
Er tippte.
„Vor sechs Tagen.“
Mara war vor sechs Tagen nicht einmal auf dem Stützpunkt gewesen.
Brandt sagte:
„Dann hat jemand Ihren Account benutzt.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Sie sah auf die Zeile.
„Jemand wollte Kern glauben machen, dass ich wieder nach dem alten Fall suche.“
Seidel verstand.
„Sie wurden nicht nur als Ziel markiert.“
„Jemand hat mich zum Köder gemacht.“
Die Erkenntnis traf härter als alles zuvor.
Es gab also mindestens zwei Ebenen.
Kern hatte Grund, Mara zu fürchten.
Aber jemand anderes hatte diesen alten Konflikt bewusst wieder aktiviert.
Jemand hatte Zugriff auf ihre Daten benutzt.
Jemand hatte Kern glauben lassen, Mara sei ihm erneut auf der Spur.
Brandt sagte leise:
„Dann ist Kern vielleicht der Täter.“
Mara nickte.
„Aber vielleicht nicht derjenige, der diese Woche begonnen hat.“
Das Funkgerät knackte erneut.
„Major Seidel.“
„Ja.“
„Wir haben Bewegung am Südtunnel.“
„Person erkannt?“
„Negativ.“
Dann ein Schrei.
Rauschen.
Seidel hob die Stimme.
„Team Süd!“
Keine Antwort.
Plötzlich gingen im Wartungsraum alle Lichter aus.
Schwärze.
Jemand fluchte.
Mara bewegte sich nicht.
Sie hörte.
Ein metallisches Klicken.
Nicht vor ihr.
Hinter dem Regal.
Eine Tür.
„Da!“
Taschenlampen gingen an.
Brandt riss ein Regal zur Seite.
Dahinter war ein schmaler Wartungsdurchgang.
Offen.
Seidel schickte zwei Soldaten hinein.
Mara blieb am Laptop.
Der Bildschirm war durch den Stromausfall dunkel geworden.
Dann sprang er auf Notstrom wieder an.
Eine Datei öffnete sich automatisch.
Nur eine Zeile stand darauf.
„König ist nicht das Ziel.“
Mara las sie zweimal.
Darunter erschien eine zweite Zeile.
„Sie ist der Beweis.“
Brandt trat näher.
„Was soll das bedeuten?“
Dann hörten sie Schritte aus dem Wartungsgang.
Die Soldaten kamen zurück.
Zwischen ihnen ein Mann.
Kein Kern.
Es war der verletzte Wachposten vom Nordpier.
Diesmal trug er keine Decke.
Und er war nicht mehr schwach.
In seiner Hand hielten die Soldaten einen mechanischen Schlüssel.
Den vierten alten Schlüssel.
Seidel starrte ihn an.
„Sie sollten im Sanitätsbereich sein.“
Der Mann sagte nichts.
Mara betrachtete sein Gesicht.
Und erinnerte sich plötzlich an seine Aussage.
Mindestens zwei Personen.
Eine Stimme.
Vielleicht erkannt.
Er hatte nie gesagt, wer ihn angeblich niedergeschlagen hatte.
Weil niemand mehr dazu gekommen war, ihn zu fragen.
Mara trat einen Schritt vor.
„Sie waren nie das Opfer.“
Der Wachposten lächelte.
Nur ganz leicht.
Dann sagte er:
„Nein, Frau Leutnant.“
Seidel zog seine Waffe.
Der Mann hob langsam die Hände.
„Aber Kern ist auch nicht Ihr größtes Problem.“
Mara sah ihn an.
„Wer dann?“
Sein Blick wanderte an ihr vorbei.
Direkt zum Kommandeur.
Und zum ersten Mal seit Beginn der Nacht verlor der Kommandeur vollständig die Farbe im Gesicht.
**Fortsetzung folgt — klicken Sie auf Teil 7, um weiterzulesen.**







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