Unterhaltung

Um 22:03 Uhr erfuhr ich, dass meine bewusstlose Ex-Frau schwanger war – dann fand ich ihren Brief: „Vertrau niemandem“

Markus hielt mir das Kamerabild hin.

Nathan trat aus dem Aufzug, als würde er einen gewöhnlichen Besuch machen. Dunkler Mantel, ruhiger Schritt, die Hände sichtbar. Neben ihm ging eine Frau, die ich sofort erkannte.

Meine Mutter.

Viktoria Mertens.

Für einen Augenblick verstand ich nicht, was ich sah.

„Emilia“, sagte ich leise. „Warum ist meine Mutter bei ihm?“

Ihre Finger schlossen sich fester um meinen Ärmel.

„Weil Nathan glaubt, dass sie noch immer auf seiner Seite steht.“

Markus und ich wechselten einen Blick.

„Was bedeutet das?“


Emilia atmete schwer.

„Deine Mutter hat erst sehr spät verstanden, was er getan hat.“

Draußen im Flur waren Schritte zu hören.

Markus ging sofort zur Tür.

„Ich lasse niemanden herein.“

„Nein“, flüsterte Emilia.

Er drehte sich um.

„Lassen Sie Viktoria rein.“

„Und Nathan?“

In Emilias Augen erschien jene Angst, die ich bereits gesehen hatte, als sie aufgewacht war.


„Auf keinen Fall.“

Markus sprach leise in sein Diensthandy. Zwei Sicherheitskräfte wurden informiert, gleichzeitig kontaktierte er den zuständigen Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes.

Ich blieb neben Emilia.

„Erzähl mir alles.“

Sie schloss kurz die Augen.

„Nach unserer Scheidung kam Nathan ungefähr zwei Wochen später zu mir.“

Ich spürte, wie sich mein Kiefer anspannte.

„Was wollte er?“

„Er sagte, du hättest ihn gebeten, nach mir zu sehen.“

„Das habe ich nie getan.“


„Das weiß ich jetzt.“

Sie schluckte.

Nathan hatte offenbar genau gewusst, wie verletzlich Emilia gewesen war. Er hatte nicht versucht, sie mit Gewalt zu kontrollieren. Stattdessen hatte er sich als besorgter Schwager präsentiert.

Er brachte Unterlagen vorbei.

Half angeblich mit Versicherungsfragen.

Er wusste sogar, wann ich auf geheim eingestuften Dienstreisen war.

„Das war der Moment, in dem ich misstrauisch wurde“, sagte Emilia. „Du hättest ihm solche Informationen niemals gegeben.“

Dann hatte Viktoria begonnen, Emilia zu besuchen.

Nicht um ihr zu schaden.

Um sie zu beobachten.


„Deine Mutter hatte bemerkt, dass Nathan ständig Fragen über mich stellte“, erklärte Emilia. „Wo ich wohnte. Ob ich jemanden traf. Ob ich noch Kontakt zu dir hatte.“

Ich blickte zum Flur.

„Warum hat sie mir nichts gesagt?“

Emilia sah mich lange an.

„Weil Nathan ihr erzählt hatte, dass gegen dich intern ermittelt würde.“

Mir wurde kalt.

„Was?“

„Er behauptete, du könntest deine Stellung verlieren, wenn sie sich einmischt.“

Nathan hatte unsere größte Schwäche benutzt: unsere Familie.

Meine Mutter hatte geschwiegen, weil sie glaubte, mich damit zu schützen.


Ich hatte Emilia verlassen, weil ich glaubte, sie damit zu schützen.

Und während wir beide schwiegen, hatte Nathan freien Raum bekommen.

Plötzlich klopfte es.

Dreimal.

„Lukas?“, hörte ich meine Mutter.

Ihre Stimme zitterte.

Markus öffnete die Tür nur einen Spalt.

Viktoria trat hinein.

Als sie Emilia sah, blieb sie stehen.

Ihr Gesicht zerbrach.


„Mein Gott.“

Emilia sagte nichts.

Meine Mutter ging einen Schritt auf das Bett zu.

„Es tut mir so leid.“

Ich stellte mich zwischen sie und Emilia.

„Nathan.“

Viktoria erstarrte.

„Was hat er getan?“

„Das möchte ich von dir hören.“

Tränen füllten ihre Augen.


„Vor ungefähr einem Monat habe ich entdeckt, dass er meinen Computer benutzt hatte.“

„Welchen Computer?“

„Den in meinem Arbeitszimmer.“

Nathan kannte ihr Passwort.

Viktoria hatte zunächst geglaubt, er habe lediglich private Dokumente gesucht. Dann entdeckte sie in ihrem Browserverlauf Zugriffe, die sie nicht erklären konnte.

Daraufhin begann sie, Nathan zu beobachten.

„Vor neun Tagen fand ich in seinem Wagen eine Mappe“, sagte sie.

„Was war darin?“

Sie sah zu Emilia.

„Fotos.“


Mein Körper spannte sich an.

„Von Emilia?“

Viktoria nickte.

„Von ihrer Wohnung. Vom Krankenhaus, in dem sie einen Termin hatte. Von einem Supermarkt. Und von deinem Quartier.“

Markus fluchte leise.

Das war keine spontane Tat.

Nathan hatte uns beobachtet.

„Warum bist du heute mit ihm gekommen?“, fragte ich.

Viktoria griff in ihre Handtasche.

Markus reagierte sofort.


„Hände sichtbar.“

Sie blieb stehen.

„Mein Handy“, sagte sie. „Nathan hat mich vor einer Stunde angerufen. Er sagte, Emilia sei im Krankenhaus und ich müsse mitkommen.“

„Woher wusste er das?“, fragte Markus.

Niemand antwortete.

Genau das war die Frage.

Emilia war erst kurz zuvor eingeliefert worden.

Nathan hätte es nicht wissen dürfen.

Markus nahm Viktorias Telefon und überprüfte die Nachricht.

Sein Gesicht veränderte sich.


„Herr Oberstleutnant.“

Er zeigte mir das Display.

Nathan hatte meiner Mutter eine einzige Nachricht geschickt:

**Wir müssen das Problem beenden, bevor Lukas versteht, was wirklich passiert ist.**

In mir wurde etwas vollkommen still.

Dann ertönte draußen eine Männerstimme.

„Mutter?“

Nathan.

Er stand unmittelbar vor dem Zimmer.

Ein Sicherheitsmitarbeiter versperrte ihm den Weg.

„Sie können hier nicht hinein.“

„Das ist meine Familie.“

„Treten Sie bitte zurück.“

Nathan hob die Hände.

Seine Stimme blieb ruhig.

Zu ruhig.

„Lukas, ich weiß, dass du da drin bist.“

Ich trat zur Tür, doch Markus stellte sich vor mich.

„Nicht.“

Nathan konnte mich durch die schmale Glasscheibe sehen.

Unsere Blicke trafen sich.

Mein kleiner Bruder lächelte.

Nicht freundlich.

Nicht nervös.

Fast erleichtert.

Dann sagte er etwas, das ich selbst durch die geschlossene Tür deutlich verstand.

„Frag Emilia, wer der Vater des Kindes ist.“

Hinter mir hörte ich Emilia scharf einatmen.

Ich drehte mich zu ihr um.

Sie war kreidebleich geworden.

„Lukas“, flüsterte sie.

Ich ging sofort zurück zu ihrem Bett.

„Du musst mir nichts erklären.“

Doch sie schüttelte den Kopf.

„Doch.“

Ihre Hand legte sich wieder auf ihren Bauch.

„Denn genau deshalb hat Nathan mich verfolgt.“

Viktoria starrte sie an.

„Was meinst du?“

Emilias Augen blieben auf mir.

„Ich habe erst nach der Scheidung erfahren, dass ich schwanger bin.“

„Das weiß ich.“

„Nein“, sagte sie. „Du weißt nicht alles.“

Der Monitor neben ihr beschleunigte sich erneut.

Dr. Berger erschien an der Tür und bedeutete uns, Emilia nicht weiter aufzuregen.

Aber Emilia ließ meine Hand nicht los.

„Nathan wollte wissen, wann das Kind gezeugt wurde. Immer wieder. Er wollte meine medizinischen Unterlagen.“

„Warum?“

Eine Träne lief über ihre Wange.

„Weil er Angst hatte, dass dieses Baby etwas beweist.“

Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen entglitt.

„Was soll unser Kind beweisen?“

Bevor Emilia antworten konnte, kam eine neue verschlüsselte Nachricht auf Markus’ Diensthandy.

Er las sie.

Dann noch einmal.

Sein Blick wanderte von Nathan hinter der Glasscheibe zu mir.

„Der MAD hat die Finanzspur gefunden.“

„Welche Finanzspur?“

Markus hob langsam den Kopf.

„Die Organisation, gegen die Ihre geheime Ermittlung lief, hat über Jahre Geld an eine Tarnfirma überwiesen.“

Mein Herz schlug schneller.

„Und?“

„Diese Firma gehört nicht Nathan.“

Stille.

„Wem dann?“

Markus sah zu Viktoria.

Dann wieder zu mir.

„Einem weiteren Mitglied Ihrer Familie.“

Draußen verschwand Nathans Lächeln.

Und in diesem Augenblick begriff ich, warum er nicht versucht hatte zu fliehen.

Nathan war nicht ins Krankenhaus gekommen, um Emilia zum Schweigen zu bringen.

Er war gekommen, weil er wusste, dass wir kurz davorstanden, jemanden zu entdecken, vor dem selbst er Angst hatte.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 4, um weiterzulesen.**

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