Unterhaltung

Um 22:03 Uhr erfuhr ich, dass meine bewusstlose Ex-Frau schwanger war – dann fand ich ihren Brief: „Vertrau niemandem“

Ich starrte auf das Foto, bis die Konturen des fremden Gesichts vor meinen Augen verschwammen.

Mein biologischer Vater.

Lebendig.

Teil jener Organisation, die ich seit Monaten untersuchte.

„Name“, sagte ich.

Markus zeigte auf die Zeile unter dem Bild.

**Dr. Adrian Falkenberg.**

Viktoria sank tiefer in ihren Stuhl.

„Nein.“

„Du kennst ihn.“


Es war keine Frage.

Sie nickte langsam.

„Ich kannte ihn als Adrian Falk.“

„Wann hast du ihn zuletzt gesehen?“

„Bevor ich Konrad geheiratet habe.“

„Du dachtest, er sei tot.“

„Konrad sagte es mir.“

Wieder Konrad.

Viktoria erzählte, Adrian sei damals plötzlich verschwunden. Wochenlang hatte sie nichts von ihm gehört. Dann sei Konrad gekommen und habe behauptet, Adrian sei bei einem Unfall im Ausland ums Leben gekommen.

Sie war schwanger gewesen.


Allein.

Verängstigt.

Konrad hatte ihr angeboten, dem Kind seinen Namen zu geben.

Meinen Namen.

„Und du hast ihm geglaubt.“

„Ja.“

Ihre Stimme brach.

„Vierunddreißig Jahre lang.“

Markus’ Dienstgerät vibrierte.

Die entschlüsselten Dateien lieferten weitere Ergebnisse.


Projekt Erbe war kein medizinisches Forschungsprogramm.

Es war Konrads private Bezeichnung für einen Plan, der sich über Jahrzehnte gezogen hatte.

Er hatte Informationen über meine Herkunft gesammelt.

Adrian Falkenberg beobachtet.

Meine militärische Laufbahn dokumentiert.

Und als Emilia und ich geheiratet hatten, war ihre medizinische Geschichte hinzugefügt worden.

„Warum?“, fragte Viktoria.

Markus öffnete eine weitere Datei.

„Weil Falkenberg offenbar versucht hat, Kontakt zu Lukas aufzunehmen.“

Ich sah ihn an.


„Wann?“

„Mehrmals.“

Ich hatte nie etwas davon erfahren.

Die Kontaktversuche waren abgefangen worden.

Briefe.

Eine E-Mail.

Sogar eine Nachricht, die an meine Dienststelle geschickt worden war.

Alles war verschwunden, bevor es mich erreichte.

„Konrad“, sagte ich.

Markus nickte.


„Offenbar.“

Dann erschien ein Dokument, das meine Aufmerksamkeit sofort fesselte.

Ein interner Vermerk meines Vaters.

Nur wenige Zeilen.

**Sollte L. einen eigenen Erben bekommen, verliert N. langfristig jede Kontrolle über die familiären Vermögensstrukturen. Direkter Kontakt zwischen L. und A.F. muss verhindert werden.**

Nathan.

Deshalb hatte Konrad ihn bevorzugt.

Nicht nur aus Zuneigung.

Nathan war sein leiblicher Sohn.

Ich nicht.


Und solange ich kinderlos blieb, konnte Konrad glauben, dass alles, was er unter dem Namen Mertens aufgebaut hatte, irgendwann über Nathan weiterlief.

Emilias Schwangerschaft zerstörte diese Vorstellung.

Doch etwas passte noch immer nicht.

„Wenn Falkenberg Teil der Organisation ist, warum wollte Konrad verhindern, dass wir Kontakt haben?“

Markus sah auf die Daten.

„Vielleicht waren sie keine Verbündeten.“

Genau in diesem Moment kam der MAD-Mitarbeiter herein.

„Das können wir inzwischen bestätigen.“

Er legte mehrere Ausdrucke auf den Tisch.

Die Organisation war keine geschlossene Einheit.


Innerhalb ihrer Struktur existierten rivalisierende Gruppen.

Konrad hatte über Jahre finanzielle Dienstleistungen und Logistikkanäle für eine davon bereitgestellt.

Falkenberg gehörte zu einer anderen.

Meine Ermittlungen hatten beide Seiten unter Druck gesetzt.

„Dann war meine geheime Untersuchung der Auslöser“, sagte ich.

„Für die Eskalation, ja“, antwortete der Mitarbeiter. „Aber die Überwachung Ihrer Familie begann wesentlich früher.“

„Und Falkenberg?“

„Wir haben Hinweise, dass er seit Jahren Informationen über Sie sammelt.“

Viktoria bedeckte ihr Gesicht.

„Er wusste also, dass Lukas sein Sohn ist.“


„Sehr wahrscheinlich.“

Ich wollte keine Wahrscheinlichkeit.

Ich wollte Fakten.

„Wo ist Falkenberg jetzt?“

„Unbekannt.“

Natürlich.

Zwei Väter.

Beide verschwunden.

Beide hatten mein Leben beeinflusst, ohne dass ich davon wusste.

Ich stand auf.


„Ich muss zu Emilia.“

Als ich ihr Zimmer betrat, war sie wach.

Sie sah mein Gesicht.

„Was ist passiert?“

Ich setzte mich neben sie.

Diesmal versuchte ich nicht, die Wahrheit zu filtern.

Ich erzählte ihr alles.

Konrad war nicht mein biologischer Vater.

Adrian Falkenberg lebte.

Projekt Erbe.


Die manipulierten medizinischen Unterlagen.

Die abgefangenen Kontaktversuche.

Als ich fertig war, schwieg Emilia lange.

Dann nahm sie meine Hand.

„Jetzt verstehst du es.“

„Was?“

„Warum ich wollte, dass du niemandem vertraust.“

Ich nickte.

„Ich hätte dir von Anfang an vertrauen sollen.“

„Ja.“

Keine Beschönigung.

Ich verdiente keine.

Dann legte sie meine Hand vorsichtig auf ihren Bauch.

Für einen Moment bewegte sich nichts.

Doch plötzlich spürte ich unter meiner Hand etwas ganz Leichtes.

Vielleicht eine Bewegung.

Vielleicht nur meine Hoffnung.

Trotzdem blieb meine Hand dort.

„Unser Kind“, flüsterte ich.

„Unser Kind“, bestätigte Emilia.

„Und niemand entscheidet noch einmal für dich.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Auch du nicht.“

„Auch ich nicht.“

Zum ersten Mal seit dreiundneunzig Tagen fühlte sich ein Versprechen nicht wie eine Lüge an.

Markus erschien an der Tür.

„Wir haben Konrad.“

Ich stand sofort auf.

„Wo?“

„Er wurde nicht festgenommen.“

„Was bedeutet das?“

„Er hat sich gemeldet.“

Konrad hatte über einen Anwalt Kontakt aufgenommen.

Er wollte aussagen.

Aber nur unter einer Bedingung.

Er würde ausschließlich mit mir sprechen.

„Nein“, sagte der MAD-Mitarbeiter hinter Markus sofort.

Ich sah ihn an.

„Sie wollten Fakten.“

„Wir wollen keinen Offizier in eine unkontrollierte Situation schicken.“

„Wo ist mein Vater?“

„Konrad Mertens hat einen Treffpunkt genannt.“

Eine stillgelegte Lagerhalle südlich von Potsdam.

„Natürlich.“

Markus schüttelte den Kopf.

„Zu offensichtlich.“

Dann kam eine zweite Nachricht.

Nicht von Konrad.

Von Falkenberg.

Sie wurde direkt an einen gesicherten Kanal des MAD geschickt.

Nur ein Satz:

**Wenn Lukas zu Konrad geht, wird er die Wahrheit über Emilia niemals erfahren.**

Ich las ihn zweimal.

„Welche Wahrheit?“

Niemand wusste es.

Dann klingelte Emilias Handy.

Alle erstarrten.

Das Gerät befand sich noch bei der Beweissicherung.

Markus nahm den Anruf über das gesicherte System entgegen.

Keine Nummer.

Keine Identifikation.

Eine Männerstimme.

„Lukas.“

Ich kannte sie nicht.

Viktoria, die inzwischen an der Tür stand, schon.

Ihr Gesicht verlor jede Farbe.

„Adrian.“

Stille.

Dann sagte Falkenberg:

„Konrad wird dir erzählen, dass ich hinter allem stecke.“

Ich antwortete nicht.

„Er wird dir sagen, dass ich Emilia benutzt habe, um an dich heranzukommen.“

„Haben Sie das?“

Eine Pause.

„Ich habe Emilia nie berührt.“

„Aber Sie haben mich überwacht.“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil du mein Sohn bist.“

Ich spürte nichts bei diesen Worten.

„Sie haben kein Recht, mich so zu nennen.“

Wieder Stille.

„Vielleicht nicht.“

Zum ersten Mal klang seine Stimme weniger kontrolliert.

„Aber du musst wissen, warum Konrad solche Angst vor Emilias Schwangerschaft hat.“

„Wir wissen von Projekt Erbe.“

„Nein. Ihr kennt nur seine Version davon.“

Ich sah zu Markus.

Der Anruf wurde zurückverfolgt.

„Dann erklären Sie Ihre.“

Falkenberg atmete hörbar aus.

„Konrad hat nicht versucht, eure Kinderwunschbehandlung zu manipulieren, weil er Nathan sein Vermögen hinterlassen wollte.“

„Warum dann?“

„Weil er wusste, dass ein Kind von dir eine genetische Wahrheit bestätigen könnte, die er jahrzehntelang verborgen hat.“

Mein Blick fiel auf Emilia.

„Welche Wahrheit?“

„Nicht über dich.“

Eine Pause.

„Über Emilia.“

Sie erstarrte.

„Was hat meine Frau damit zu tun?“

„Mehr, als sie weiß.“

Emilia richtete sich auf.

„Wer sind Sie?“

Falkenberg schwieg.

Dann sagte er:

„Frau Roth, fragen Sie sich nie, warum Ihre medizinischen Unterlagen bereits Jahre vor Ihrer Ehe mit Lukas in Konrads Dateien auftauchten?“

Emilias Gesicht wurde blass.

„Das stimmt nicht.“

Markus überprüfte sofort die entschlüsselten Daten.

Sein Blick veränderte sich.

„Doch.“

Ich drehte mich zu ihm.

„Was?“

„Die älteste Datei über Emilia wurde angelegt, als sie siebzehn war.“

Emilia starrte ihn an.

„Ich kannte die Familie Mertens damals nicht.“

„Konrad kannte Sie“, sagte Falkenberg.

„Warum?“

Bevor er antwortete, ertönte im Hintergrund ein Geräusch.

Eine Tür.

Dann wurde Falkenbergs Stimme plötzlich leiser.

„Weil Emilia Roth nicht zufällig in dein Leben gekommen ist.“

Die Verbindung brach ab.

„Ortung?“

Markus wartete.

Dann schüttelte der MAD-Mitarbeiter den Kopf.

„Nicht vollständig.“

Ich sah Emilia an.

Sie war ebenso erschüttert wie ich.

Doch diesmal tat ich nicht, was ich drei Monate zuvor getan hatte.

Ich traf keine Entscheidung für sie.

„Was willst du tun?“

Sie sah mich lange an.

Dann sagte sie:

„Die Wahrheit herausfinden.“

Ich nickte.

„Gemeinsam.“

Markus’ Gerät vibrierte erneut.

Die technische Analyse hatte eine weitere verschlüsselte Ebene von Projekt Erbe geöffnet.

Darin befand sich eine Geburtsakte.

Nicht meine.

Emilias.

Daneben ein eingescanntes Foto einer jungen Frau mit einem Neugeborenen.

Emilia nahm mir das Gerät aus der Hand.

Ihre Finger begannen zu zittern.

„Das ist meine Mutter.“

Unter dem Foto stand jedoch nicht nur der Name ihrer Mutter.

Dort befand sich eine zweite Unterschrift.

Die eines Arztes, der bei Emilias Geburt anwesend gewesen war.

**Dr. Konrad Mertens.**

Emilia hob langsam den Kopf.

„Lukas … warum war dein Vater bei meiner Geburt?“

Darauf hatte niemand eine Antwort.

Noch nicht.

Doch in diesem Moment wurde mir klar, dass Projekt Erbe niemals nur meine Geschichte gewesen war.

Es hatte lange vor unserer Ehe begonnen.

Lange bevor Emilia und ich uns begegnet waren.

Und wenn wir verstehen wollten, warum unser ungeborenes Kind für Konrad so gefährlich geworden war, mussten wir herausfinden, welches Geheimnis er seit Emilias Geburt verborgen hielt.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 9, um weiterzulesen.**

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