„Wem gehört die Firma?“
Markus antwortete nicht sofort.
Sein Schweigen dauerte vielleicht zwei Sekunden, doch in meinem Kopf reichte es aus, um jeden Namen unserer Familie durchzugehen.
Dann drehte er das Diensthandy zu mir.
Auf dem Bildschirm stand:
**MERTENS LOGISTIKBERATUNG GMBH**
Darunter erschien der Name des wirtschaftlich Berechtigten.
**Dr. Konrad Mertens.**
Mein Vater.
Viktoria stieß einen erstickten Laut aus.
„Nein.“
Ich sah sie an.
„Du wusstest nichts davon?“
„Konrad hat diese Firma vor Jahren geschlossen.“
Markus schüttelte den Kopf.
„Offenbar nicht. Laut den Daten wurde sie nur aus dem operativen Geschäft genommen. Die Gesellschaft blieb bestehen und erhielt über mehrere Zwischenfirmen Zahlungen.“
Ich blickte durch die Glasscheibe.
Nathan stand noch immer im Flur.
Doch jetzt war jede Spur seines Lächelns verschwunden.
Zum ersten Mal wirkte mein Bruder nicht wie ein Mann, der die Situation kontrollierte.
Er wirkte wie jemand, dessen schlimmste Befürchtung gerade eingetreten war.
„Bringt ihn in einen separaten Raum“, sagte ich zu Markus.
„Der MAD ist unterwegs.“
„Dann soll er bis dahin keinen Kontakt zu irgendjemandem haben.“
Nathan protestierte, als die Sicherheitskräfte ihn fortführten.
„Lukas!“
Ich reagierte nicht.
„Du verstehst das falsch!“
Seine Stimme entfernte sich den Flur hinunter.
„Frag Vater, warum Emilia sterben sollte!“
Ich erstarrte.
Viktoria wurde weiß.
Emilia schloss die Augen.
„Er weiß es“, flüsterte sie.
Ich drehte mich zu ihr.
„Was weiß Nathan?“
Dr. Berger trat näher.
„Frau Roth braucht Ruhe.“
„Noch eine Minute“, bat Emilia.
Die Ärztin musterte sie, dann nickte sie widerwillig.
Emilia sah mich an.
„Das Baby beweist nicht, wer Nathan ist.“
Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Es beweist, dass dein Vater gelogen hat.“
Ich verstand nicht.
„Worüber?“
Sie griff nach dem Wasserglas, doch ihre Hand zitterte zu stark. Ich half ihr.
„Nach der Scheidung habe ich versucht herauszufinden, warum du mich wirklich verlassen hast. Ich hatte diese Belege deiner Dienstreisen gefunden. Also begann ich, alles zu überprüfen, was in den Wochen davor passiert war.“
Sie hatte alte Kontoauszüge durchsucht, Nachrichten gesichert und schließlich Unterlagen entdeckt, die während unserer Ehe an unsere gemeinsame Adresse geschickt worden waren.
Darunter befand sich ein Schreiben einer Privatklinik.
Nicht für mich.
Für meinen Vater.
„Warum sollte Konrads Post bei euch ankommen?“, fragte Viktoria.
„Das habe ich mich auch gefragt.“
Emilia atmete langsam.
„Also habe ich die Klinik angerufen.“
Wegen des Datenschutzes hatte man ihr zunächst nichts mitgeteilt.
Doch wenige Tage später war jemand in ihre Wohnung eingebrochen.
Nichts Wertvolles fehlte.
Nur der Brief.
„Danach wusste ich, dass er wichtig war.“
Mein militärischer Instinkt setzte ein.
„Hast du eine Kopie gemacht?“
Zum ersten Mal erschien etwas wie ein schwaches Lächeln auf Emilias Gesicht.
„Ich war mit einem Mann verheiratet, der mir jahrelang gesagt hat, wichtige Unterlagen müsse man zweimal sichern.“
Trotz allem musste ich beinahe lachen.
„Wo ist die Kopie?“
„Nicht bei mir.“
„Wo?“
Sie sah zu Viktoria.
Meine Mutter runzelte die Stirn.
„Bei mir?“
„In der Vitaminpackung, die du mir vor vier Tagen gebracht hast.“
Viktoria hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Deshalb wolltest du die Packung zurückgeben.“
Emilia nickte.
„Ich wusste nicht mehr, wem ich vertrauen konnte. Aber ich wusste, dass Nathan deine Sachen durchsucht. Wenn er glaubte, die Packung käme von dir, würde er sie vielleicht nicht beachten.“
Markus war bereits am Telefon.
„Wir brauchen sofort jemanden im Haus von Dr. und Frau Mertens.“
Viktoria gab ihm die Adresse und erklärte, wo die Packung vermutlich lag.
Ich blieb bei Emilia.
„Und was hat das mit unserem Baby zu tun?“
Sie schwieg.
Dann sagte sie:
„Auf dem Schreiben stand ein Datum.“
„Welches?“
„Der Tag nach unserer letzten Kinderwunschuntersuchung.“
Mein Atem stockte.
Emilia und ich hatten fast zwei Jahre versucht, ein Kind zu bekommen.
Ärzte.
Untersuchungen.
Hoffnung.
Enttäuschung.
Wir hatten schließlich aufgehört, darüber zu sprechen, weil jedes Gespräch zu wehgetan hatte.
„Was hatte mein Vater damit zu tun?“
Emilia sah mich mit Tränen in den Augen an.
„Ich glaube, er wusste, dass unsere früheren medizinischen Ergebnisse manipuliert worden waren.“
Der Raum wurde vollkommen still.
„Manipuliert?“
„Ich kann es nicht beweisen. Noch nicht.“
Viktoria sank auf einen Stuhl.
„Warum sollte Konrad so etwas tun?“
Emilia antwortete nicht.
Aber ich kannte meinen Vater.
Dr. Konrad Mertens hatte sein ganzes Leben davon gesprochen, dass der Familienname Verpflichtung bedeute.
Er hatte Nathan bevorzugt, seit wir Kinder waren.
Nicht offen.
Nicht so, dass Außenstehende es bemerkt hätten.
Aber ich hatte es gespürt.
Nathan durfte Fehler machen.
Ich musste funktionieren.
Nathan bekam Verständnis.
Ich bekam Erwartungen.
Und plötzlich erinnerte ich mich an einen Satz meines Vaters, den ich damals für bedeutungslos gehalten hatte.
Nach einer unserer erfolglosen Untersuchungen hatte er mir die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt:
„Vielleicht ist es besser, wenn manche Linien enden.“
Damals hatte ich geglaubt, er wolle mich trösten.
Jetzt wurde mir schlecht.
Markus’ Handy klingelte.
Er nahm ab.
„Reiter.“
Wir hörten nur seine Hälfte des Gesprächs.
„Verstanden.“
Pause.
„Sind Sie sicher?“
Sein Blick traf meinen.
„Sichern Sie alles. Niemand fasst etwas ohne Dokumentation an.“
Er legte auf.
„Die Vitaminpackung wurde gefunden.“
„Und die Kopie?“
„Auch.“
Emilia schloss erleichtert die Augen.
„Was steht darauf?“
Markus öffnete eine verschlüsselt übermittelte Fotografie.
„Es handelt sich um eine Laboranforderung.“
Er vergrößerte den unteren Bereich.
„Auftraggeber: Dr. Konrad Mertens.“
Mein Herz begann zu hämmern.
„Welche Untersuchung?“
Markus las weiter.
Dann wurde sein Gesicht ausdruckslos.
„Genetische Abstammungsanalyse.“
Viktoria stand abrupt auf.
„Von wem?“
Markus hob den Blick.
„Die Proben sind nur mit Kennnummern bezeichnet.“
„Dann wissen wir gar nichts.“
„Doch“, sagte Emilia.
Alle sahen sie an.
Sie weinte jetzt offen.
„Eine der Nummern kenne ich.“
„Woher?“
„Weil sie auf meinen Unterlagen aus der Kinderwunschklinik steht.“
Mir wurde eiskalt.
Emilia griff nach meiner Hand.
„Lukas, dein Vater hatte Zugriff auf meine biologische Probe.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Ein Mann in Zivil zeigte Markus seinen Dienstausweis.
„MAD.“
Er trat ein und schloss die Tür wieder.
„Herr Oberstleutnant, wir haben Nathan Mertens vorläufig gesichert. Aber es gibt ein Problem.“
„Welches?“
„Wir haben versucht, Dr. Konrad Mertens zu erreichen.“
Viktoria sah auf.
„Er müsste zu Hause sein.“
Der Mitarbeiter schüttelte den Kopf.
„Ist er nicht.“
„Wo ist er?“
„Unbekannt.“
Dann legte er eine ausgedruckte Aufnahme auf den Tisch.
Sie stammte von einer Verkehrskamera.
Mein Vater saß hinter dem Steuer seines Wagens.
Der Zeitstempel lag weniger als vierzig Minuten zurück.
Auf dem Beifahrersitz befand sich eine schwarze Tasche.
„Sein Fahrzeug wurde zuletzt auf der A115 erfasst“, sagte der Mann.
„Richtung Süden.“
„Dann finden Sie ihn.“
Der Mitarbeiter sah mich ernst an.
„Das versuchen wir.“
Er deutete auf die Aufnahme.
„Aber kurz bevor sein Handy abgeschaltet wurde, hat Dr. Mertens einen Anruf getätigt.“
„An wen?“
Der Mann legte ein zweites Blatt auf den Tisch.
Es zeigte eine Nummer, die ich sofort erkannte.
Meine eigene Dienststelle.
Doch nicht irgendeinen Anschluss.
Es war die interne Nummer eines Bereichs, der Zugriff auf meine Einsatzplanung und Sicherheitsfreigaben hatte.
Und plötzlich verstand ich, warum Nathan an Informationen gekommen war, die niemals innerhalb meiner Familie hätten zirkulieren dürfen.
Mein Vater hatte nicht allein gearbeitet.
Jemand innerhalb meines militärischen Umfelds half ihm.
Jemand, dem ich wahrscheinlich jeden Tag vertraute.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.**







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