Ich kannte diese interne Nummer.
Nicht den Anschluss eines einzelnen Schreibtisches, sondern den eines kleinen Bereichs, durch den Teile meiner Einsatzplanung liefen, bevor sie an die zuständigen Stellen weitergegeben wurden.
Informationen über Abwesenheiten.
Transportwege.
Zeitfenster.
Manchmal sogar Änderungen, die erst wenige Stunden vor einem Einsatz bestätigt wurden.
„Wer hatte heute Dienst?“, fragte ich.
Der MAD-Mitarbeiter schob das Blatt zurück in seine Mappe.
„Das wird gerade überprüft.“
„Ich will Namen.“
„Und genau deshalb bekommen Sie im Moment keine.“
Seine Antwort gefiel mir nicht.
Aber sie war richtig.
Wenn mein Vater tatsächlich einen Helfer innerhalb meines militärischen Umfelds hatte, durfte niemand gewarnt werden.
Markus verstand dasselbe.
„Wir behandeln ab jetzt jede Information außerhalb dieses Raumes als kompromittiert.“
Der Mitarbeiter nickte.
„Genau.“
Ich sah zu Emilia.
Sie lag erschöpft im Bett, doch ihr Blick war klar.
„Nathan wusste immer, wann du nicht in Berlin warst“, sagte sie.
„Wie genau?“
„Zu genau.“
Sie erzählte, dass Nathan sie mehrmals scheinbar zufällig kontaktiert hatte, kurz nachdem ich zu Dienstreisen aufgebrochen war.
Einmal hatte er ihr geschrieben, sie solle nicht darauf hoffen, dass ich plötzlich vor ihrer Tür auftauchen würde.
Damals hatte Emilia angenommen, er wolle sie verletzen.
Jetzt bekam dieser Satz eine andere Bedeutung.
Nathan hatte gewusst, dass ich nicht kommen konnte.
„Hast du die Nachrichten noch?“
„Auf meinem Handy.“
Markus nahm den versiegelten Beutel mit ihren persönlichen Sachen.
„Mit Ihrer Erlaubnis?“
Emilia nickte.
Während er die Nachrichten sicherte, trat Dr. Berger erneut ein.
Diesmal war ihre Haltung eindeutig.
„Genug.“
Ich wollte widersprechen.
Sie ließ mich nicht.
„Frau Roth braucht Ruhe. Ihr Kreislauf ist weiterhin instabil, und ich werde nicht zulassen, dass diese Befragung ihre Gesundheit oder die Schwangerschaft gefährdet.“
Das Wort Schwangerschaft traf mich noch immer jedes Mal.
Unser Kind lebte.
Trotz allem.
Ich setzte mich näher an Emilias Bett.
„Du ruhst dich aus.“
Sie sah mich an.
„Und du?“
„Ich bleibe.“
Für einen Moment war wieder nur Emilia da.
Nicht die Ermittlungen.
Nicht Nathan.
Nicht mein Vater.
Nicht die Organisation.
Nur die Frau, die ich dreiundneunzig Tage zuvor absichtlich verletzt hatte, weil ich geglaubt hatte, Schmerz sei sicherer als Wahrheit.
„Lukas“, sagte sie leise, „du kannst nicht alles kontrollieren.“
„Das habe ich inzwischen verstanden.“
Ihre Augen wurden feucht.
„Nein. Noch nicht.“
Ich schwieg.
„Du hast entschieden, dass ich ohne dich sicherer wäre. Du hast für uns beide entschieden.“
Ich senkte den Blick.
Es gab keine militärische Antwort darauf.
Keine Rechtfertigung.
„Ja.“
„Und ich habe dich gelassen.“
Ich sah wieder auf.
„Warum?“
„Weil ich irgendwann verstanden habe, dass du mich nicht verlassen hast, weil du mich nicht mehr liebst.“
Ihre Stimme brach.
„Aber da war die Scheidung schon durch.“
Ich nahm vorsichtig ihre Hand.
„Wenn ich das rückgängig machen könnte—“
„Kannst du nicht.“
Die Worte waren nicht grausam.
Nur wahr.
„Dann mache ich ab jetzt nichts mehr ohne dich.“
Emilia betrachtete mich lange.
„Das wäre ein Anfang.“
Dr. Berger bedeutete mir, das Gespräch zu beenden.
Ich stand auf.
Bevor ich Emilias Hand losließ, flüsterte sie:
„Lukas.“
„Ja?“
„Nathan ist gefährlich. Aber er ist nicht wie dein Vater.“
„Was meinst du?“
„Er hat Angst vor ihm.“
Dann schloss sie die Augen.
Ich ging mit Markus und dem MAD-Mitarbeiter auf den Flur.
Nathan befand sich inzwischen in einem gesicherten Besprechungsraum des Krankenhauses.
Zwei Mitarbeiter warteten vor der Tür.
„Ich will mit ihm reden.“
„Das ist keine gute Idee“, sagte der MAD-Mann.
„Deshalb gehe ich nicht allein.“
Markus folgte mir.
Nathan saß an einem Tisch.
Sein Mantel war verschwunden.
Seine Hände lagen offen vor ihm.
Als ich eintrat, sah er mich an.
„Wie geht es Emilia?“
Ich setzte mich ihm gegenüber.
„Du wirst ihren Namen nicht benutzen, um menschlicher zu wirken.“
Etwas zuckte in seinem Gesicht.
„Du glaubst, ich wollte sie töten.“
„Sollte ich etwas anderes glauben?“
„Ja.“
„Dann fang an.“
Nathan sah zu Markus.
„Er bleibt.“
Mein Bruder lehnte sich zurück.
„Vater hat Emilia überwachen lassen.“
„Das wissen wir.“
„Nein. Ihr wisst einen Bruchteil.“
„Dann erklär den Rest.“
Nathan schwieg einige Sekunden.
„Als du begonnen hast, gegen die Organisation zu ermitteln, bekam Vater Angst.“
„Warum?“
„Weil du nicht irgendeine Struktur untersucht hast. Du bist seiner Geldspur näher gekommen.“
„Also hat er Emilia ins Visier genommen.“
„Zuerst nicht.“
Nathan rieb sich über das Gesicht.
„Zuerst wollte er nur wissen, wie viel du ihr erzählt hattest.“
„Und du hast ihm geholfen.“
Er sah mich an.
„Ja.“
Keine Ausrede.
Kein Zögern.
Nur dieses eine Wort.
„Ich habe Mutters Zugangsdaten benutzt. Ich habe Informationen über deine Dienstzeiten weitergegeben. Ich habe Emilia beobachtet.“
Meine Hände ballten sich unter dem Tisch.
„Warum?“
„Weil Vater mir sagte, wenn ich es nicht tue, würde die Organisation euch beide beseitigen.“
„Und du hast ihm geglaubt?“
Nathan lachte bitter.
„Du warst immer sein perfekter Sohn, Lukas. Du hast nie gesehen, was er mit Menschen macht, die ihm nicht gehorchen.“
Das traf mich.
„Was ist mit den Lebensmitteln und Vitaminen passiert?“
Sein Blick veränderte sich.
„Die kamen nicht von mir.“
„Von unserer Mutter.“
„Ja. Aber Vater wusste davon.“
Ich beugte mich vor.
„Hat er etwas hineingetan?“
„Ich weiß es nicht.“
„Nathan.“
„Ich weiß es wirklich nicht.“
Zum ersten Mal klang er verzweifelt.
„Als Emilia immer schwächer wurde, habe ich Vater gefragt, was er getan hat. Er sagte nur, dass sie bald kein Problem mehr sein würde.“
Markus blieb vollkommen still.
„Warum bist du heute ins Krankenhaus gekommen?“
Nathan sah zur Tür.
„Weil Mutter mich angerufen hat.“
Ich erstarrte.
„Sie behauptet, du hättest sie angerufen.“
„Dann lügt einer von uns.“
Markus zog Viktorias Telefon aus dem Beweismaterial.
„Die Nachricht kam von Ihrer Nummer.“
Nathan schüttelte den Kopf.
„Mein Handy wurde vor zwei Tagen kompromittiert.“
„Bequem.“
„Prüft es.“
Ich sah ihn an.
„Und warum bist du trotzdem gekommen?“
Seine Stimme wurde leiser.
„Weil ich wusste, dass Vater verschwinden würde, sobald Emilia im Krankenhaus auftauchte.“
„Woher?“
„Weil er seit Wochen vorbereitet war.“
Nathan hob den Blick.
„Die schwarze Tasche in seinem Wagen?“
Ich sagte nichts.
Er nickte langsam.
„Dachte ich mir.“
„Was ist darin?“
„Dokumente. Bargeld. Mehrere Telefone. Vielleicht Datenträger.“
„Wo fährt er hin?“
„Ich kenne den endgültigen Ort nicht.“
„Aber?“
„Er hat ein Zwischenlager außerhalb Berlins.“
Markus beugte sich vor.
„Adresse.“
Nathan nannte einen Ort südwestlich der Stadt.
Der MAD-Mitarbeiter draußen wurde sofort informiert.
Dann sah Nathan wieder mich an.
„Wenn ihr Vater dort findet, nehmt ihn lebend.“
„Warum?“
„Weil nur er weiß, wer euer Mann innerhalb der Bundeswehr ist.“
Wenige Minuten später verließen Markus und ich den Raum.
Noch bevor wir Emilias Zimmer erreichten, klingelte Markus’ Diensthandy.
Er hörte schweigend zu.
„Wann?“
Sein Blick verhärtete sich.
„Verstanden.“
Er legte auf.
„Das Zwischenlager wurde gefunden.“
„Mein Vater?“
„Nicht dort.“
„Was dann?“
„Der Raum wurde fast vollständig geräumt.“
Fast.
Dieses Wort genügte.
„Was hat er zurückgelassen?“
Markus zeigte mir ein Foto, das gerade übertragen worden war.
Auf einem Metalltisch lag ein kleiner Datenträger.
Daneben befand sich ein Umschlag.
Darauf stand mein Name.
**LUKAS**
„Sie öffnen nichts, bevor die Spurensicherung fertig ist“, sagte Markus.
Dann kam ein zweites Bild.
Eine Wand.
Darauf Fotos von Emilia.
Von mir.
Von Viktoria.
Von Nathan.
Und zwischen all diesen Bildern hing eine Aufnahme, die mich sofort verstummen ließ.
Sie zeigte Emilia und mich vor einer Kinderwunschklinik.
Das Foto war fast zwei Jahre alt.
Auf der Rückseite hatte jemand ein Datum notiert.
Darunter stand:
**PROJEKT ERBE – PHASE 1**
Mein Herz schlug gegen meine Rippen.
Die Manipulation unserer medizinischen Unterlagen hatte also nicht erst mit meiner geheimen Ermittlung begonnen.
Sie hatte Jahre früher angefangen.
„Herr Oberstleutnant“, sagte Markus.
Eine weitere Datei war eingetroffen.
Diesmal war es eine Liste.
Namen.
Kennnummern.
Medizinische Einrichtungen.
Und neben meiner Kennnummer stand derselbe Code wie neben Emilias Probe.
Ich las die letzte Spalte.
Dort befand sich nur ein einziges Wort:
**AUSSCHLIESSEN.**
Ich hob langsam den Kopf.
Wenn mein Vater bereits vor Jahren versucht hatte zu verhindern, dass Emilia und ich ein Kind bekamen, dann war ihre Schwangerschaft nicht nur etwas, das seine Pläne störte.
Sie war der Beweis, dass sein Plan gescheitert war.
Und plötzlich verstand ich, warum Emilia hatte verschwinden sollen.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.**







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