Felix blieb am Ende des Flurs stehen.
Zwischen uns lagen vielleicht dreißig Meter.
Dreißig Meter, mehrere Türen und eine Wahrheit, die plötzlich gefährlich nah war.
Markus stellte sich vor Emilias Zimmer.
„Brandt! Hände sichtbar!“
Felix bewegte sich nicht.
Seine rechte Hand hielt noch immer den kleinen Plastikbeutel.
Dann hob er langsam die linke.
„Ich bin nicht hier, um Emilia etwas anzutun.“
„Dann legen Sie den Beutel auf den Boden.“
Felix sah zu mir.
„Lukas, wenn ich das tue, verschwindet der letzte Beweis.“
„Du hast ihn aus ihrer Tasche genommen.“
„Ja.“
Hinter mir hörte ich Emilia.
„Warum?“
Felix’ Blick wanderte zur Glasscheibe.
„Weil jemand wusste, dass sie ihn untersuchen lassen wollte.“
Markus blieb angespannt.
„Auf den Boden. Jetzt.“
Felix legte den Beutel vorsichtig ab und trat zurück.
Zwei Sicherheitskräfte kamen aus dem Seitenkorridor.
„Nicht anfassen!“, rief Markus. „Beweismittel.“
Der MAD-Mitarbeiter übernahm die Sicherung.
Felix wurde durchsucht.
Keine Waffe.
Nur ein gefälschter Mitarbeiterausweis und ein zweites Telefon.
„Warum die Verkleidung?“, fragte ich.
„Weil ich nicht wusste, wem ich noch vertrauen konnte.“
„Interessante Aussage von einem Mann, dessen Anschluss mit meinem Vater kommuniziert hat.“
Felix schloss kurz die Augen.
„Ich wusste, dass ihr das finden würdet.“
„Dann erklär es.“
„Nicht hier.“
Markus schüttelte den Kopf.
„Sie stellen keine Bedingungen.“
Felix sah mich an.
„Konrad Mertens beobachtet das Krankenhaus.“
„Mein Vater ist verschwunden.“
„Genau deshalb.“
Ich wollte zu ihm gehen.
Markus hielt mich zurück.
„Gesicherter Raum.“
Wenige Minuten später saß Felix dort, wo zuvor Nathan gesessen hatte.
Nathan war inzwischen in einen anderen Bereich gebracht worden.
Ich blieb stehen.
„Du hast fünf Minuten.“
Felix sah erschöpft aus.
„Dein Vater hat mich vor fast drei Jahren angesprochen.“
Das war lange vor meiner geheimen Ermittlung.
„Warum?“
„Er wusste, dass ich Zugriff auf Teile deiner Planung hatte.“
„Und du hast ihm Informationen gegeben.“
„Am Anfang harmlose.“
„Es gibt keine harmlosen internen Informationen.“
„Das weiß ich.“
„Heute.“
Er senkte den Blick.
„Ja.“
Felix erzählte, Konrad habe zunächst behauptet, er mache sich Sorgen um mich. Meine Einsätze würden mich verändern. Emilia würde unter meinen Abwesenheiten leiden. Er wolle nur wissen, wann ich sicher zurückkehrte.
Dann kamen Gefälligkeiten.
Eine Terminänderung.
Eine Kopie.
Ein Zugang.
„Und irgendwann konntest du nicht mehr aufhören.“
Felix sah mich an.
„Irgendwann hatte er genug Material, um mich zu vernichten.“
„Also hast du weitergemacht.“
„Ja.“
Wieder dieses Wort.
Genau wie bei Nathan.
Mein Vater hatte Menschen nicht nur gekauft.
Er hatte sie schrittweise gebunden.
„Was bedeutet Projekt Erbe?“
Felix wurde blass.
„Wo habt ihr das gefunden?“
„Antworte.“
Er schwieg.
Markus legte die Aufnahme des Zwischenlagers vor ihn.
Felix betrachtete das Foto.
„Dann ist es vorbei.“
„Was?“
„Konrads Plan.“
Ich beugte mich vor.
„Welcher Plan?“
Felix atmete tief ein.
„Dein Vater war überzeugt, dass die Familie Mertens nur über Nathan weitergeführt werden sollte.“
Ich starrte ihn an.
„Warum?“
„Weil er dich nie als Teil seiner Zukunft gesehen hat.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Für ihn schon.“
Felix sah zur Tür.
„Du hast dich für die Bundeswehr entschieden. Du hast ihm widersprochen. Du hast Emilia geheiratet, obwohl er gegen die Beziehung war.“
Ich erinnerte mich.
Mein Vater hatte Emilia nie offen beleidigt.
Er war höflich gewesen.
Distanzierter als nötig.
Damals hatte ich es für seine Art gehalten.
„Also manipulierte er unsere Kinderwunschbehandlung?“
„Ich kenne nicht jedes Detail. Aber ja. Er hatte Kontakte zur Privatklinik.“
Mir wurde übel.
„Und die genetische Abstammungsanalyse?“
Felix schwieg erneut.
„Felix.“
„Die hatte nichts mit Emilia zu tun.“
„Ihre Probe steht darauf.“
„Ihre Probe wurde als Vergleich verwendet.“
„Vergleich womit?“
Seine Augen trafen meine.
„Mit dir.“
Ich verstand noch immer nicht.
Dann sagte er:
„Konrad wollte wissen, ob ein Kind von euch eine bestimmte genetische Übereinstimmung zeigen würde.“
Markus runzelte die Stirn.
„Welche?“
„Das weiß ich nicht.“
Ich glaubte ihm nicht.
„Du bist in dieses Krankenhaus eingebrochen, hast Emilias Beweismittel genommen und erwartest, dass ich dir glaube?“
Felix beugte sich vor.
„Ich habe die Kapsel genommen, weil ich sie austauschen sollte.“
Stille.
„Von wem kam der Auftrag?“
„Konrad.“
„Wann?“
„Heute Abend.“
„Dann hattest du Kontakt zu ihm.“
„Über ein Einweggerät.“
„Wo ist er?“
„Ich weiß es nicht.“
„Was solltest du mit der Kapsel machen?“
Felix blickte auf seine Hände.
„Vernichten.“
„Und warum hast du es nicht getan?“
„Weil ich inzwischen weiß, was darin ist.“
Markus und ich sahen uns an.
„Was?“
Felix hob den Kopf.
„Kein Gift.“
Ich wartete.
„Ein Medikament, das bei wiederholter Einnahme schwere Übelkeit auslösen und den Kreislauf belasten kann. In Emilias Zustand hätte es ihre Dehydrierung und Mangelernährung erheblich verschärfen können.“
Mein Körper wurde kalt.
„Mein Vater wollte, dass ihr Zustand wie eine Folge der Schwangerschaft aussieht.“
„Ja.“
Ich musste aufstehen.
Wenn ich sitzen geblieben wäre, hätte ich etwas getan, das ich später bereut hätte.
Markus übernahm.
„Warum sollte Brandt die Kapsel austauschen?“
Felix antwortete:
„Weil die ursprüngliche Zusammensetzung Konrads Lieferweg beweisen kann.“
„Über die Privatklinik?“
„Über einen Arzt dort.“
„Name.“
Felix nannte ihn.
Markus gab die Information sofort weiter.
Dann öffnete sich die Tür.
Der MAD-Mitarbeiter trat ein.
„Die erste Laboranalyse der Kapsel läuft.“
Ich sah Felix an.
„Wenn du die Wahrheit sagst, wird sie das bestätigen.“
„Wird sie.“
„Und Projekt Erbe?“
Felix schwieg.
„Du weißt mehr.“
„Ja.“
„Dann rede.“
Er sah mich lange an.
„Frag deine Mutter nach dem 14. Oktober vor vierunddreißig Jahren.“
Ich erstarrte.
„Was soll das bedeuten?“
„Frag sie, wo du geboren wurdest.“
Ich lachte ungläubig.
„Berlin.“
„Nein.“
„Meine Geburtsurkunde—“
„Wurde geändert.“
Die Luft im Raum schien zu verschwinden.
Markus sagte nichts.
„Was behauptest du?“
Felix schüttelte den Kopf.
„Ich behaupte nichts. Ich habe die Originalakte gesehen.“
Ich ging direkt zu Viktoria.
Sie saß noch immer in einem separaten Wartebereich.
Als sie mich sah, stand sie auf.
„Lukas?“
„Wo wurde ich geboren?“
Ihr Gesicht veränderte sich.
Nur minimal.
Aber ich sah es.
„Was für eine Frage ist das?“
„Am 14. Oktober vor vierunddreißig Jahren. Wo?“
Sie wich meinem Blick aus.
„Berlin.“
„Felix sagt etwas anderes.“
Viktoria wurde bleich.
„Was hat Felix dir erzählt?“
„Dass meine Geburtsurkunde geändert wurde.“
Sie setzte sich langsam wieder.
Und damit wusste ich, dass zumindest dieser Teil wahr war.
„Mutter.“
Tränen traten in ihre Augen.
„Ich wollte dir das nie so sagen.“
„Was?“
Sie brauchte mehrere Sekunden.
„Du bist nicht in Berlin geboren.“
Ich wartete.
„Du kamst in einer kleinen Klinik in Brandenburg zur Welt.“
„Warum wurde das geändert?“
Ihre Hände zitterten.
„Weil dein Vater darauf bestanden hat.“
„Warum?“
Sie sah mich an.
„Weil Konrad nicht dein leiblicher Vater ist.“
Die Worte trafen mich nicht sofort.
Mein Verstand nahm sie auf, aber mein Körper verweigerte ihre Bedeutung.
„Was?“
„Ich war bereits schwanger, als ich Konrad heiratete.“
„Von wem?“
Sie begann zu weinen.
„Von einem Mann, über den ich seit vierunddreißig Jahren nicht gesprochen habe.“
Ich trat zurück.
Plötzlich ergaben Fragmente meines Lebens ein anderes Bild.
Die Distanz meines Vaters.
Nathan.
Der Familienname.
Sein Satz darüber, dass manche Linien besser endeten.
Projekt Erbe.
„Deshalb wollte er verhindern, dass Emilia und ich Kinder bekommen.“
Viktoria nickte unter Tränen.
„Für Konrad warst du sein Sohn, solange du seinen Namen getragen und seine Erwartungen erfüllt hast.“
„Und als ich mich gegen ihn stellte?“
Sie antwortete nicht.
Das musste sie nicht.
Markus kam herein.
Sein Gesicht verriet mir, dass etwas Neues passiert war.
„Die Kapsel wurde vorläufig analysiert.“
„Felix hatte recht?“
„Ja.“
Viktoria schloss die Augen.
Doch Markus war noch nicht fertig.
„Außerdem wurde die genetische Datei auf dem Datenträger teilweise entschlüsselt.“
Ich sah ihn an.
„Und?“
„Wir kennen jetzt die zweite Vergleichsprobe.“
„Von wem stammt sie?“
Markus blickte zu meiner Mutter.
„Von dem Mann, der laut den Originalunterlagen als Ihr biologischer Vater infrage kommt.“
Viktoria hob erschrocken den Kopf.
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“
Ihre Lippen zitterten.
„Weil er seit mehr als dreißig Jahren tot ist.“
Markus schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
Er legte ein aktuelles Foto auf den Tisch.
Ein älterer Mann stieg aus einem schwarzen Wagen.
Das Bild war erst zwei Tage alt.
Ich kannte dieses Gesicht nicht.
Aber unter dem Foto stand ein Name.
Und daneben eine Funktion innerhalb genau jener Organisation, gegen die meine geheime Ermittlung begonnen hatte.
Mein biologischer Vater lebte.
Und er gehörte zu den Männern, die ich seit Monaten jagte.
**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.**







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