Unterhaltung

Um 22:03 Uhr erfuhr ich, dass meine bewusstlose Ex-Frau schwanger war – dann fand ich ihren Brief: „Vertrau niemandem“

Das Wort AUSSCHLIESSEN blieb auf dem Bildschirm stehen.

Ich hatte in meiner Laufbahn Berichte gelesen, in denen ein einziges Wort über Leben, Operationen und ganze Einsatzketten entschieden hatte.

Aber noch nie hatte mich eines so persönlich getroffen.

„Ausschließen wovon?“, fragte ich.

Markus vergrößerte die Aufnahme.

„Das wissen wir noch nicht.“

„Dann finden wir es heraus.“

Der MAD-Mitarbeiter kam auf uns zu.

„Die Spurensicherung hat den Datenträger freigegeben. Er ist verschlüsselt.“

„Wie lange?“


„Wenn wir Glück haben, Minuten. Wenn nicht, Stunden.“

Stunden.

Emilia hatte monatelang gelitten.

Mein Vater war verschwunden.

Und irgendwo innerhalb meiner Dienststelle saß jemand, der ihm Informationen geliefert hatte.

Ich sah durch die Glasscheibe ihres Zimmers.

Sie schlief.

Zum ersten Mal, seit ich angekommen war, wirkte ihr Gesicht beinahe ruhig.

„Ich gehe nirgendwohin“, sagte ich.

Markus nickte.


„Dann arbeiten wir von hier.“

Wir richteten uns in einem kleinen Besprechungsraum am Ende des Flurs ein.

Keine zwanzig Minuten später kam die erste Auswertung von Emilias Handy.

Nathan hatte nicht gelogen.

Zumindest nicht in diesem Punkt.

Seine Nummer war tatsächlich manipuliert worden. Mehrere Nachrichten, die scheinbar von seinem Gerät stammten, waren über ein anderes System versendet worden.

„Jemand wollte, dass Nathan wie der Hauptverantwortliche aussieht“, sagte Markus.

„Mein Vater.“

„Wahrscheinlich.“

Ich schüttelte den Kopf.


„Nicht wahrscheinlich. Beweisen.“

Markus sah mich kurz an.

„Ja, Herr Oberstleutnant.“

Gleichzeitig bestätigte die Auswertung von Emilias Nachrichten etwas anderes.

Nathan hatte sie beobachtet.

Er hatte nach Terminen gefragt.

Er hatte wissen wollen, mit wem sie sprach.

Er hatte Informationen über mich weitergegeben.

Er war kein Unschuldiger.

Aber zwischen seinen Nachrichten fanden sich auch Warnungen.


Unauffällige.

Fast versteckte.

**Iss heute nichts, was dir gebracht wird.**

Eine andere:

**Wenn Viktoria kommt, lass sie nicht allein zurückfahren.**

Und eine dritte, zwei Tage vor Emilias Zusammenbruch:

**Wenn du dich schlechter fühlst, geh direkt in die Charité. Nicht in die Privatklinik.**

Ich las sie zweimal.

„Warum die Charité?“

Markus suchte weiter.


Dann erschien die Antwort.

Die Privatklinik gehörte zu demselben Netzwerk medizinischer Einrichtungen, das auf der Liste aus dem Zwischenlager auftauchte.

Mir wurde kalt.

„Mein Vater wollte kontrollieren, wo Emilia behandelt wird.“

„Sieht so aus.“

„Und Nathan versuchte, sie davon fernzuhalten.“

„Offenbar.“

Ich dachte an meinen Bruder im Nebenraum.

Schuldig.

Aber vielleicht nicht an allem.


Genau darauf hatte mein Vater vermutlich gesetzt.

Dass wir nur einen Täter suchten.

Dass wir Nathan fanden.

Und aufhörten weiterzusuchen.

Mein Handy vibrierte.

Eine interne Meldung.

Ich wollte sie öffnen.

Markus griff nach meinem Handgelenk.

„Nicht.“

Ich sah ihn an.


„Warum?“

„Wenn jemand innerhalb Ihrer Dienststelle Zugriff auf Ihre Kommunikationswege hat, benutzen wir ab jetzt nichts, was über die üblichen Systeme läuft.“

Er hatte recht.

Ich schaltete das Gerät aus.

In diesem Moment kam Dr. Berger aus Emilias Zimmer.

„Sie ist wach.“

Ich war sofort auf den Beinen.

„Wie geht es ihr?“

„Stabiler. Aber sie braucht weiterhin Ruhe.“

Sie hielt mich kurz zurück.


„Und Herr Mertens?“

„Ja?“

„Sie hat nach Ihnen gefragt.“

Emilia sah mich an, sobald ich eintrat.

„Du bist noch da.“

„Ich habe dir gesagt, dass ich bleibe.“

Sie bemerkte meinen Gesichtsausdruck.

„Ihr habt etwas gefunden.“

Ich setzte mich.

„Emilia, erinnerst du dich an die Privatklinik, bei der du damals wegen des Schreibens angerufen hast?“


Sie nickte.

„Warum?“

„Sie taucht in den Unterlagen meines Vaters auf.“

Ihre Hand wanderte zu ihrem Bauch.

„Dann hatte ich recht.“

„Womit?“

Sie schwieg kurz.

„Mit den Vitaminen.“

Mein Puls beschleunigte sich.

„Was ist damit?“


„Ich habe sie nicht regelmäßig genommen.“

„Warum nicht?“

„Weil mir jedes Mal schlecht wurde.“

Ich sah zur Tür.

„Dr. Berger.“

Die Ärztin kam herein.

Emilia erklärte es ihr.

Innerhalb weniger Minuten wurde angeordnet, sämtliche noch vorhandenen Präparate aus Emilias Wohnung sicherzustellen.

Doch Emilia schüttelte den Kopf.

„Es gibt noch welche.“

„Wo?“, fragte ich.

„In meiner Handtasche.“

Der versiegelte Beutel enthielt keine Vitaminpackung.

Emilia runzelte die Stirn.

„Ich hatte sie dabei.“

Markus wurde sofort gerufen.

Er prüfte die Dokumentation ihrer Aufnahme.

Die Tasche war vom Rettungsdienst mitgebracht worden.

Das Krankenhaus hatte sämtliche Gegenstände registriert.

Handy.

Geldbörse.

Umschlag.

Schlüssel.

Keine Vitamine.

„Vielleicht sind sie in der Wohnung geblieben“, sagte Dr. Berger.

Emilia schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich hatte gestern eine Kapsel in einen kleinen Plastikbeutel getan.“

„Warum?“

„Weil ich sie untersuchen lassen wollte.“

Stille.

„Wer wusste davon?“, fragte Markus.

„Niemand.“

Dann veränderte sich Emilias Gesicht.

„Doch.“

„Wer?“

„Ich habe Nathan eine Nachricht geschrieben.“

Markus öffnete die gesicherten Daten.

Die Nachricht war da.

**Ich habe eine Kapsel aufgehoben. Morgen lasse ich sie testen.**

Gesendet gestern Abend.

Nathan hatte nicht geantwortet.

Aber die Metadaten zeigten etwas anderes.

Die Nachricht war von einem zweiten Gerät abgerufen worden.

Fast sofort.

„Sein kompromittiertes Konto“, sagte Markus.

„Mein Vater wusste von der Kapsel.“

Noch bevor jemand antworten konnte, klingelte das Telefon des MAD-Mitarbeiters.

Er trat hinaus.

Eine Minute später kam er zurück.

„Wir haben Dr. Mertens’ Wagen.“

Ich stand auf.

„Wo?“

„Auf einem Parkplatz nahe Potsdam.“

„Und mein Vater?“

„Nicht dort.“

„Die Tasche?“

„Auch nicht.“

Doch im Wagen hatte man etwas anderes gefunden.

Ein Mobiltelefon.

Nicht das private Gerät meines Vaters.

Ein Wegwerfhandy.

Darauf befand sich nur ein gespeicherter Kontakt.

Keine Bezeichnung.

Nur eine Nummer.

Die Nummer gehörte zu meiner Dienststelle.

„Können wir sie zuordnen?“

„Wir tun es gerade.“

Wenige Minuten später kam das Ergebnis.

Der MAD-Mitarbeiter las es.

Dann sah er zuerst Markus an.

Nicht mich.

Das bemerkte ich sofort.

„Was?“

Markus’ Gesicht war vollkommen ausdruckslos geworden.

„Herr Oberstleutnant.“

„Sag es.“

Er zögerte.

„Die interne Nummer ist einem Arbeitsplatz zugeordnet, auf den ich regelmäßig Zugriff habe.“

Alles in mir erstarrte.

„Deinem?“

„Nicht ausschließlich.“

„Wer noch?“

Markus antwortete nicht sofort.

Dann nannte er drei Personen.

Zwei kannte ich nur dienstlich.

Der dritte Name traf mich.

**Hauptmann Felix Brandt.**

Felix.

Mein ehemaliger Adjutant.

Ein Mann, der jahrelang neben mir gearbeitet hatte.

Der bei unserer Hochzeit gewesen war.

Der Emilia kannte.

Der meinen Vater kannte.

Und der nach der Scheidung einer der wenigen Menschen gewesen war, denen ich den wahren Grund meines Schweigens zumindest teilweise anvertraut hatte.

Ich ging zurück zu Emilia.

„Kennst du Felix Brandt noch?“

Ihr Gesicht veränderte sich sofort.

Das genügte mir.

„Was ist passiert?“

„Er war bei mir.“

„Wann?“

„Vor ungefähr sechs Wochen.“

„Warum hast du mir das nicht geschrieben?“

Sie lachte bitter.

„Wohin, Lukas? Zu dem Mann, der mich offiziell nicht mehr sehen wollte?“

Der Satz traf.

„Was wollte Felix?“

„Er sagte, er wolle wissen, ob es mir gutgeht.“

„Und?“

„Dann fragte er nach dem Baby.“

Ich spürte, wie sich meine Finger verkrampften.

„Woher wusste er davon?“

„Genau das habe ich ihn gefragt.“

„Was hat er gesagt?“

„Deine Mutter hätte es erwähnt.“

Viktoria wusste damals noch nichts von der Schwangerschaft.

„Emilia.“

Sie sah mich an.

„Es gibt noch etwas.“

„Sag es.“

„Als Felix ging, sagte er einen Satz, den ich damals nicht verstanden habe.“

„Welchen?“

Sie holte langsam Luft.

„Er sagte: Dein Kind wird niemals Teil dieser Familie werden.“

Mein Blut gefror.

Hinter mir vibrierte Markus’ sicheres Dienstgerät.

Er las die eingehende Meldung.

Dann fluchte er.

„Brandt ist nicht mehr in der Dienststelle.“

„Seit wann?“

„Seit einundvierzig Minuten.“

„Wo ist er?“

Markus sah auf die zweite Meldung.

„Sein Fahrzeug wurde gerade von einer Kamera erfasst.“

„Wo?“

Er hob den Kopf.

„Hier.“

„Was heißt hier?“

„Auf dem Gelände der Charité.“

Ich drehte mich zur Tür.

Fast gleichzeitig ertönte draußen ein Alarm.

Nicht aus Emilias Zimmer.

Vom Flur.

Eine Pflegekraft rannte an der Tür vorbei.

Dann fiel das Licht für eine Sekunde aus.

Nur eine Sekunde.

Doch als die Notbeleuchtung ansprang, wusste ich, dass es kein Zufall gewesen war.

Markus zog mich vom Türrahmen zurück.

„Niemand verlässt das Zimmer.“

Emilia richtete sich erschrocken auf.

„Lukas.“

Ich ging zu ihr.

„Ich bin hier.“

Dann ertönte aus Markus’ Gerät die Stimme eines Sicherheitsmitarbeiters:

„Wir haben einen unbefugten Zutritt im Versorgungskorridor der dritten Etage.“

Dritte Etage.

Unser Stockwerk.

„Beschreibung?“, fragte Markus.

Rauschen.

Dann:

„Männlich. Dunkle Kleidung. Mitarbeiterausweis.“

Ich sah zur Glasscheibe.

Am Ende des Flurs öffnete sich langsam eine Tür.

Ein Mann in Krankenhauskleidung trat heraus.

Sein Gesicht war teilweise von einer medizinischen Maske bedeckt.

Doch ich erkannte seine Augen.

Felix Brandt.

Und in seiner rechten Hand hielt er Emilias verschwundenen kleinen Plastikbeutel.

**Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.**

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