Unterhaltung

Vor 1.040 Soldaten Schlug Ein Oberstleutnant Eine Stille Hauptfrau – Doch Sie Senkte Den Kopf Nicht

Für einen Moment hörte ich nur den Wind über den Exerzierplatz streichen.

Sechs Personen.

Eingeschlossen in einem unterirdischen Ausbildungsraum.

Und mindestens einer von ihnen behauptete, ich hätte den Befehl dazu gegeben.

Generalleutnant Berger sah mich an.

Nicht zweifelnd.

Prüfend.

„Haben Sie irgendeine Anweisung erteilt, Personen dort festzuhalten?“

„Nein, Herr General.“

Markus Stein lachte plötzlich auf.


Es war kein selbstsicheres Lachen mehr.

Es klang zu schnell.

Zu erleichtert.

„Da haben wir es doch“, sagte er. „Vielleicht sollte man zuerst prüfen, wer hier wirklich seine Befugnisse überschritten hat.“

Ich antwortete nicht.

Menschen verraten sich selten durch das, was sie sagen.

Meistens verraten sie sich durch den Augenblick, in dem sie glauben, wieder Hoffnung zu haben.

Und Markus hatte gerade Hoffnung geschöpft.

„Sanitätstrupp und Feldjäger zum unterirdischen Ausbildungsbereich“, befahl Berger. „Sofort.“

Dann sah er zu mir.


Ich nickte.

„Ich komme mit.“

Markus setzte sich in Bewegung.

„Ich ebenfalls.“

Zwei Feldjäger stellten sich ihm in den Weg.

„Sie bleiben hier.“

„Das ist mein Bereich!“

„Nicht mehr“, sagte Berger.

Zum ersten Mal an diesem Tag schwieg Markus.

Wir verließen den Exerzierplatz durch den Seiteneingang des Stabsgebäudes.


Oberstabsfeldwebel Reuter ging neben mir.

Hinter uns folgten vier Feldjäger, zwei Sanitätssoldaten und der junge Leutnant, der Daniel Grafs Namen genannt hatte.

„Name?“, fragte ich ihn.

„Leutnant Lukas Weber.“

Seine Hände zitterten.

„Woher wussten Sie von Graf?“

Er schluckte.

„Ich war gestern Abend im Gebäude.“

„Warum?“

„Nachtschicht bei der Ausbildungskoordination.“


Wir gingen eine Betontreppe hinunter.

Mit jedem Stockwerk wurde die Luft kühler.

„Was haben Sie gesehen?“

Weber sah kurz zu Reuter.

Dann zu mir.

„Obermaat Graf wurde gegen zweiundzwanzig Uhr von zwei Ausbildern nach unten gebracht.“

„Gefesselt?“

„Nein.“

Er machte eine Pause.

„Aber er wollte nicht mitgehen.“


Reuter fluchte leise.

„Warum haben Sie nichts gemeldet?“

Webers Gesicht wurde rot.

„Ich wollte.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Dann bekam ich einen Anruf aus Oberstleutnant Steins Büro.“

Ich blieb stehen.

Alle hinter mir stoppten ebenfalls.

„Was wurde gesagt?“

„Dass Graf Teil einer genehmigten Belastungsprüfung sei. Dass jeder Versuch, den Ablauf zu stören, als Befehlsverweigerung bewertet würde.“


„Wer hat angerufen?“

„Ich weiß es nicht. Eine Männerstimme.“

„Name auf dem Display?“

Weber schüttelte den Kopf.

„Interne Leitung.“

Ich ging weiter.

Der unterirdische Bereich lag hinter zwei schweren Sicherheitstüren.

Vor der zweiten stand ein Sanitätssoldat.

„Hier.“

Die Tür war bereits geöffnet.


Dahinter lag ein fensterloser Raum mit grauen Betonwänden.

Sechs Menschen saßen darin.

Daniel Graf erkannte ich sofort aus seiner Personalakte.

Er saß an der Wand, erschöpft, aber bei Bewusstsein.

Neben ihm befanden sich drei Soldaten, eine zivile technische Mitarbeiterin und ein Hauptfeldwebel, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Die Sanitäter begannen sofort mit der Untersuchung.

Ich trat zu Graf.

„Obermaat Graf?“

Er hob den Kopf.

„Hauptfrau Hartmann.“


Seine Reaktion überraschte mich.

„Sie kennen mich?“

Er lachte bitter.

„Ihr Name stand auf dem Befehl.“

Der Raum wurde still.

„Zeigen Sie ihn mir.“

Graf deutete auf einen Tisch in der Ecke.

Dort lag eine transparente Dokumentenhülle.

Ein Feldjäger nahm sie vorsichtig auf und reichte sie mir.

Ich las die erste Seite.


Mein Name.

Mein Dienstgrad.

Meine angebliche Unterschrift.

Darunter eine Anweisung zur Durchführung einer „gesonderten psychologischen Belastungsbewertung“.

Sechs Personen sollten bis zu meiner persönlichen Freigabe isoliert werden.

Ich las die Unterschrift ein zweites Mal.

Dann ein drittes.

Reuter beobachtete mich.

„Ist sie echt?“

„Nein.“


Ich zeigte auf die untere Linie.

„Sie sieht überzeugend aus.“

„Aber?“

„Ich unterschreibe operative Anweisungen niemals mit vollem Vornamen.“

Berger trat näher.

„Wer weiß das?“

„Jeder, der Zugriff auf gewöhnliche Verwaltungsdokumente von mir hat.“

Ich drehte das Blatt um.

Auf der Rückseite befand sich eine interne Vorgangsnummer.

Und die war interessanter als die Unterschrift.

„Das hier wurde nicht gestern erstellt.“

Reuter runzelte die Stirn.

„Woher wissen Sie das?“

„Diese Nummer gehört zu einem Prüfverfahren, das vor drei Monaten eröffnet wurde.“

Ich sah zu Graf.

„Wann hat man Ihnen dieses Dokument gezeigt?“

„Gestern Abend.“

„Wer?“

Graf zögerte.

Dann zeigte er auf den Hauptfeldwebel am anderen Ende des Raumes.

Der Mann hob sofort beide Hände.

„Ich habe nur getan, was mir befohlen wurde.“

„Von wem?“, fragte Berger.

Der Hauptfeldwebel blickte zur Tür.

Als hätte er Angst, jemand könnte dort stehen.

„Major Henrik Vollmer.“

Reuter wurde vollkommen still.

Ich kannte diesen Namen.

Major Vollmer war der stellvertretende Leiter der internen Ausbildungssteuerung.

Und einer der Männer, die vor zwei Wochen schriftlich bestätigt hatten, dass es keinerlei Hinweise auf unzulässige Strafmaßnahmen innerhalb des Verbandes gebe.

„Wo ist Vollmer?“, fragte ich.

Niemand antwortete.

Ein Feldjäger griff zu seinem Funkgerät.

Die Antwort kam wenige Sekunden später.

„Major Vollmer befindet sich nicht in seinem Büro.“

„Privatfahrzeug?“

Kurze Pause.

„Nicht auf dem Gelände.“

Berger sah mich an.

„Flucht?“

„Vielleicht.“

Ich betrachtete noch einmal den gefälschten Befehl.

Zu sauber.

Zu vorbereitet.

Und vor allem zu praktisch.

Wenn die sechs Personen heute gefunden worden wären, ohne dass Markus mich vor eintausendvierzig Zeugen geschlagen hätte, hätte dieses Dokument möglicherweise genügt, um die gesamte Untersuchung gegen mich zu wenden.

Jemand hatte mit meiner Ankunft gerechnet.

Jemand wusste von meinem Auftrag.

Und dieser Jemand hatte begonnen, Spuren zu legen, bevor ich überhaupt den Standort betreten hatte.

Graf griff plötzlich nach meinem Ärmel.

„Hauptfrau.“

Ich beugte mich zu ihm.

„Was ist?“

„Sie müssen noch etwas wissen.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Ich bin nicht verschwunden, weil ich mich über Stein beschwert habe.“

Ich sah ihn an.

„Warum dann?“

Graf blickte zu den Feldjägern.

„Weil ich gesehen habe, was sie mit den Ausbildungsergebnissen gemacht haben.“

„Wer ist ‚sie‘?“

Seine Lippen bewegten sich.

Doch bevor er antworten konnte, ertönte Reuters Funkgerät.

„Oberstabsfeldwebel, wir haben Oberstleutnant Steins Büro geöffnet.“

Statisches Rauschen.

Dann die Stimme eines Feldjägers.

„Sie sollten das sehen.“

Reuter nahm das Gerät.

„Was haben Sie gefunden?“

Eine Pause.

„Keine Unterlagen.“

„Was heißt keine Unterlagen?“

„Das Büro wurde komplett geräumt.“

Ich schloss für einen Moment die Augen.

Natürlich.

Dann kam der zweite Satz.

Und er änderte alles.

„Aber im Schredderraum liegt ein nicht vernichteter Datenträger.“

Ich hob den Blick.

„Sichern. Nicht öffnen.“

„Verstanden.“

Graf sah mich an.

Ich sah zurück auf die gefälschte Unterschrift unter meinem Namen.

Markus Stein war gefährlich.

Aber Markus Stein war nicht allein.

Und jemand in diesem Verband hatte bereits gewusst, dass ich kommen würde.

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 4, um weiterzulesen.

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