Unterhaltung

Vor 1.040 Soldaten Schlug Ein Oberstleutnant Eine Stille Hauptfrau – Doch Sie Senkte Den Kopf Nicht

Generalleutnant Berger trat so dicht an den Laptop, dass sein Spiegelbild auf dem schwarzen Rand des Bildschirms erschien.

„Noch einmal“, sagte er.

Vollmer lächelte schwach.

„Was?“

„Die Person hinter Ihnen.“

„Sie sehen Gespenster, Herr General.“

„Nein.“

Berger sprach jetzt völlig ruhig.

„Ich habe mit diesem Mann zwölf Jahre lang zusammengearbeitet.“

Vollmers Gesicht veränderte sich kaum.


Doch kaum war der Satz gefallen, wurde die Verbindung getrennt.

Der Bildschirm wurde schwarz.

Reuter trat sofort zum Laptop.

„Ortung?“

Der IT-Spezialist schüttelte den Kopf.

„Die Verbindung wurde über mehrere Knoten umgeleitet. Ich brauche die Protokolle.“

„Sie bekommen alles.“

Ich sah Berger an.

„Name.“

Er antwortete nicht sofort.


Daniel Graf saß noch immer auf dem Metallstuhl.

Krüger wurde inzwischen von zwei Sanitätern untersucht.

Alle warteten.

Schließlich sagte Berger:

„Generalmajor Friedrich Keller.“

Reuter hob langsam den Kopf.

Der Name bedeutete auch ihm etwas.

Mir ebenfalls.

Keller war jahrelang für operative Bereitschaftsbewertungen verschiedener Spezialkräfteverbände verantwortlich gewesen.

Ein Mann, dessen Unterschrift auf Berichten stand, die darüber entschieden, welche Einheiten als einsatzfähig galten.


Und welche nicht.

„Keller ist seit acht Monaten nicht mehr in dieser Funktion“, sagte Reuter.

„Das bedeutet nicht, dass seine alten Strukturen verschwunden sind“, erwiderte ich.

Graf hob den Kopf.

„Er war hier.“

Berger drehte sich zu ihm.

„Wann?“

„Vor ungefähr fünf Monaten.“

„Sind Sie sicher?“

Graf nickte.


„Ich habe ihn im Stabsgebäude gesehen.“

„Warum haben Sie das nie gemeldet?“

Ein bitterer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

„Was hätte ich melden sollen? Dass ein Generalmajor einen Bundeswehrstandort besucht?“

Niemand antwortete.

Er hatte recht.

Ich löste die Fessel an seinem rechten Handgelenk.

„Erzählen Sie mir von den Einsatzbereitschaften.“

Graf rieb sich die Haut.

„Ich war für einen Teil der digitalen Ausbildungsnachweise zuständig.“


„Welchen Teil?“

„Qualifikationen. Schießen. medizinische Pflichtmodule. taktische Verfahren. Belastungstests.“

„Und Sie haben Veränderungen entdeckt?“

„Zuerst nur Kleinigkeiten.“

Er atmete langsam aus.

„Ein fehlender Nachweis wurde nachgetragen. Ein Ergebnis korrigiert. Eine Frist verschoben.“

„Dann?“

„Dann fand ich komplette Datensätze für Leute, die an den entsprechenden Tagen gar nicht auf dem Standort waren.“

Ich erinnerte mich an die Videos.

An Männer, die Prüfungen bestanden hatten, ohne überhaupt anwesend gewesen zu sein.


„Wie groß war das?“

Graf sah Berger an.

„Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.“

„Versuchen Sie es.“

„Mindestens sechsundvierzig Personen.“

Reuter fluchte leise.

Graf fuhr fort.

„Aber das war nur Calw.“

Der Raum wurde still.

„Was meinen Sie?“


„Die Vorlagen kamen teilweise von außen.“

Er sah mich an.

„Andere Standortkennungen. Andere Server. Immer dieselbe Struktur.“

Damit änderte sich die Dimension der Untersuchung vollständig.

Es ging nicht mehr um einen einzelnen Oberstleutnant.

Nicht einmal um einen einzelnen Verband.

Jemand hatte ein System geschaffen.

„Warum?“, fragte Berger.

Graf schüttelte den Kopf.

„Das weiß ich nicht.“


„Geld?“

„Vielleicht.“

„Karriere?“

„Teilweise.“

Ich sah die Liste auf dem Laptop an.

„Oder Kontrolle darüber, welche Einheiten als einsatzfähig gelten.“

Graf nickte.

„Genau das habe ich vermutet.“

In diesem Augenblick meldete sich der IT-Spezialist.

„Hauptfrau, ich habe etwas.“


Auf dem Laptop war Vollmers Anruf beendet, aber im temporären Speicher lag ein Fragment.

Nicht vom Video.

Von einer Dateiübertragung.

„Während des Gesprächs wurde versucht, Daten auf dieses Gerät zu schicken.“

„Absichtlich?“

„Sieht so aus.“

„Öffnen.“

Es erschien eine einzelne verschlüsselte Datei.

Dateiname:

NACHTFALKE.


Berger wurde sofort blass.

Ich bemerkte es.

„Was ist Nachtfalke?“

„Ein früheres Bereitschaftsprogramm.“

„Früher?“

„Vor vier Jahren eingestellt.“

„Wofür?“

Berger zögerte.

„Zur beschleunigten Zertifizierung bestimmter Einsatzverbände.“

„Wer leitete es?“

Die Antwort kannte ich bereits, bevor er sie aussprach.

„Generalmajor Keller.“

Der IT-Spezialist öffnete die Datei.

Eine Liste erschien.

Zwölf Teams.

Einsatzcodes.

Qualifikationsstatus.

Daneben Daten von Auslandseinsätzen.

Bei vier Teams stand derselbe Vermerk:

NACHZERTIFIZIERT.

„Diese Teams wurden eingesetzt“, sagte Reuter.

Berger nickte langsam.

„Ja.“

„Obwohl die Ausbildung nicht vollständig war?“

Niemand antwortete.

Dann scrollte ich weiter.

Am unteren Ende der Datei befand sich ein Bereich mit Verlustmeldungen.

Plötzlich verstand ich, weshalb Graf verschwinden musste.

Warum Beschwerden unterdrückt worden waren.

Warum Ergebnisse geändert wurden.

Wenn diese Daten echt waren, hatten Menschen Einsatzfreigaben erhalten, die niemals hätten erteilt werden dürfen.

Und anschließend hatte jemand dafür gesorgt, dass die Akten sauber aussahen.

„Wie viele Tote?“, fragte ich.

Berger sah nicht auf.

„In diesen vier Teams?“

„Ja.“

Seine Stimme war kaum hörbar.

„Neun.“

Stille.

Ich dachte an neun Familien.

Neun Türen, an denen irgendwann Uniformierte gestanden hatten.

Neun Menschen, denen man gesagt hatte, ihre Angehörigen seien im Dienst gefallen.

Vielleicht hatte niemand ihnen gesagt, dass Entscheidungen auf Grundlage gefälschter Qualifikationen getroffen worden waren.

Graf presste die Lippen zusammen.

„Deshalb haben sie mich eingesperrt.“

„Nicht nur deshalb“, sagte ich.

Ich zeigte auf die Datei.

„Sie wollten wissen, wie viel Sie kopiert hatten.“

Graf sah mich an.

Sein Schweigen genügte.

„Sie haben eine Kopie.“

Reuter drehte sich zu ihm.

„Wo?“

Graf antwortete nicht.

„Obermaat“, sagte Berger, „wenn Sie Beweise außerhalb des Systems gesichert haben, müssen wir sie sofort haben.“

Graf blickte zu mir.

„Ich wollte niemandem mehr vertrauen.“

„Das war wahrscheinlich vernünftig.“

Er atmete tief ein.

„Ich habe einen Datenträger versteckt.“

„Wo?“

„Nicht auf dem Standort.“

Bevor er mehr sagen konnte, öffnete sich die Tür.

Ein Feldjäger trat ein.

„Herr General, Hauptfrau.“

Sein Gesicht war angespannt.

„Wir haben Major Vollmers Fahrzeug gefunden.“

„Wo?“

„Knapp zwölf Kilometer vom Standort entfernt.“

„Vollmer?“

Der Feldjäger schüttelte den Kopf.

„Nicht da.“

„Was ist im Fahrzeug?“

„Sein Diensttelefon.“

Kurze Pause.

„Und ein Umschlag mit Hauptfrau Hartmanns Namen.“

Ich streckte die Hand aus.

Der Feldjäger reichte ihn mir.

Keine Adresse.

Keine Absenderangabe.

Nur mein Name.

Ich öffnete den Umschlag.

Darin befand sich ein Foto.

Darauf waren fünf Männer zu sehen.

Markus Stein.

Henrik Vollmer.

Friedrich Keller.

Zwei weitere Personen, die ich nicht kannte.

Auf der Rückseite stand nur ein Satz.

DU SUCHST NACH DEM FALSCHEN ANFÜHRER.

Darunter war eine Uhrzeit notiert.

18:30.

Und ein Ort.

Berger las über meine Schulter.

Sein Gesicht erstarrte.

„Das ist unmöglich.“

„Was?“

Er zeigte auf den Ortsnamen.

„Dort findet heute Abend eine geschlossene Besprechung der operativen Führung statt.“

Ich sah wieder auf das Foto.

Wenn Vollmer wollte, dass ich dort auftauchte, gab es nur zwei Möglichkeiten.

Entweder war es eine Falle.

Oder jemand in diesem Raum wusste noch nicht, dass er selbst bereits zum Ziel geworden war.

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 7, um weiterzulesen.

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