Unterhaltung

Vor 1.040 Soldaten Schlug Ein Oberstleutnant Eine Stille Hauptfrau – Doch Sie Senkte Den Kopf Nicht

Um 18:07 Uhr standen wir in einem abgedunkelten Besprechungsraum, knapp dreißig Kilometer von Calw entfernt.

Niemand trug mehr die Illusion, dass es sich noch um eine gewöhnliche interne Untersuchung handelte.

Der Treffpunkt, der auf der Rückseite des Fotos gestanden hatte, war ein gesicherter Bundeswehrkomplex, der normalerweise für operative Lagebesprechungen genutzt wurde.

Um 18:30 Uhr sollten dort zwölf hochrangige Offiziere zusammenkommen.

Einer von ihnen war Generalmajor Friedrich Keller.

Zumindest laut Teilnehmerliste.

Generalleutnant Berger legte das Dokument vor mich.

„Wir können die Sitzung absagen.“

„Nein.“

Er sah mich an.


„Wenn Keller weiß, dass wir auf Nachtfalke gestoßen sind, wird eine Absage ihn nur warnen.“

„Und wenn Vollmer uns genau deshalb hierhergelockt hat?“

„Dann will ich wissen, warum.“

Oberstabsfeldwebel Reuter stand am anderen Ende des Tisches.

Daniel Graf befand sich inzwischen an einem gesicherten Ort.

Nur Berger, Reuter, zwei Ermittler der Feldjäger und ich wussten, wohin er gebracht worden war.

Seine Kopie der Daten hatten wir noch nicht.

Aber wir wussten jetzt, wie man sie finden konnte.

Graf hatte vor seinem Abtransport einen Satz gesagt:

„Suchen Sie dort, wo Stein niemals freiwillig hingehen würde.“


Reuter hatte sofort verstanden.

Die Gedenkstätte für gefallene Soldaten auf dem Gelände.

Graf hatte den Datenträger hinter einer losen Metallplatte unterhalb einer Namenstafel versteckt.

Die Feldjäger hatten ihn vor vierzig Minuten sichergestellt.

Jetzt lag eine forensische Kopie vor uns.

Sie enthielt mehr als nur manipulierte Ausbildungsergebnisse.

Zahlungen.

Interne Nachrichten.

Versetzungslisten.

Und einen Ordner mit dem Namen „Auswahl“.


Darin befanden sich Personalakten von Soldaten, die für bestimmte Spezialverwendungen vorgesehen worden waren.

Einige waren qualifiziert.

Andere nicht.

Bei mehreren Namen stand derselbe Vermerk.

„Freigabe durch FK.“

Friedrich Keller.

Doch einer der beiden unbekannten Männer auf Vollmers Foto erschien nirgends.

Der andere schon.

Ministerialdirigent Dr. Martin Albrecht.

Leiter eines Referats, das regelmäßig mit Einsatzbereitschaft, Ressourcenplanung und internen Bewertungsverfahren zu tun hatte.


Reuter starrte auf den Bildschirm.

„Albrecht war einer der fünf Personen, die von Ihrer Prüfung wussten.“

Berger nickte.

„Ja.“

Damit waren aus fünf Personen plötzlich zwei geworden, denen ich besonders wenig vertraute.

Keller.

Albrecht.

Um 18:24 Uhr trafen die ersten Teilnehmer ein.

Wir beobachteten sie über die internen Kameras.

Ein Brigadegeneral.


Zwei Oberste.

Ein Vertreter des Ministeriums.

Weitere Stabsoffiziere.

Dann erschien Albrecht.

Dunkler Anzug.

Aktentasche.

Ruhiger Schritt.

18:28 Uhr.

Keller kam nicht.

„Vielleicht hat er verstanden, dass wir ihn erkannt haben“, sagte Reuter.


„Oder er muss gar nicht kommen.“

Ich zeigte auf Albrecht.

Der Ministerialbeamte betrat den Konferenzraum und begrüßte die anderen, als wäre es ein gewöhnlicher Abendtermin.

Um 18:30 Uhr schlossen sich die Türen.

Berger sah mich an.

„Jetzt?“

„Noch nicht.“

18:31 Uhr.

Mein Telefon vibrierte.

Eine Nachricht.


Unbekannte Nummer.

NICHT KELLER.

Ich zeigte sie niemandem sofort.

Drei Sekunden später kam eine zweite.

SCHAU AUF DEN MANN, DER NIE UNTERSCHRIEBEN HAT.

Ich hob den Blick.

„Berger.“

Er kam zu mir.

„Wer genehmigte Nachtfalke formal?“

„Keller leitete das Programm.“


„Das habe ich nicht gefragt.“

Er wurde still.

„Wer unterschrieb die endgültigen Freigaben?“

Berger dachte nach.

„Bei solchen Verfahren gibt es mehrere Ebenen.“

„Und die letzte?“

Er ging zum Laptop.

Wir öffneten die alten Dokumente.

Keller hatte Berichte unterschrieben.

Bewertungen.


Empfehlungen.

Nachzertifizierungen.

Aber auf mehreren entscheidenden Einsatzfreigaben fehlte sein Name.

Stattdessen stand dort eine digitale Kennung.

M.A.-17.

Reuter flüsterte:

„Martin Albrecht.“

In diesem Moment öffnete sich auf einem zweiten Monitor eine interne Datei.

Niemand hatte sie angefordert.

Der IT-Spezialist fuhr herum.


„Da greift jemand auf das System zu.“

Eine Nachricht erschien.

WENN IHR DAS LESEN KÖNNT, BIN ICH NICHT MEHR SICHER.

Vollmer.

Dann folgte ein Dokument.

Eine einzige Seite.

Darauf standen Daten.

Einsatznummern.

Zertifizierungswerte.

Zahlungen an externe Beratungsfirmen.

Und darunter eine Aufteilung.

Stein hatte Soldaten eingeschüchtert.

Vollmer hatte Datensätze verändert.

Keller hatte manipulierte Ergebnisse gedeckt.

Doch die Anweisungen waren von jemand anderem gekommen.

M.A.-17.

Berger setzte sich langsam.

„Albrecht.“

Ich sah auf die Livekamera.

Im Konferenzraum sprach Martin Albrecht gerade mit den anderen Offizieren.

Vollkommen ruhig.

Als gehörte ihm der Raum.

Dann kam die letzte Datei.

Ein Audiofragment.

Albrechts Stimme.

Unverkennbar.

„Stein soll die Beschwerden kleinhalten. Keller hält die Einsatzfreigaben sauber. Wenn Hartmann auftaucht, bringen wir sie dazu, die Untersuchung selbst zu diskreditieren.“

Stille.

Dann Vollmers Stimme.

„Und wenn sie nicht darauf hereinfällt?“

Albrecht antwortete:

„Dann wird jemand anderes für sie fallen.“

Das Fragment endete.

Ich dachte an den gefälschten Befehl.

An die sechs Menschen im unterirdischen Raum.

An Vollmers Flucht.

Vielleicht hatte Vollmer nicht versucht, sich selbst zu retten.

Vielleicht hatte er versucht, uns hoch genug in der Kette zu führen, bevor Albrecht ihn beseitigen konnte.

„Wir gehen rein“, sagte ich.

Berger nickte.

Zwei Feldjäger positionierten sich vor den Türen.

Als wir den Konferenzraum betraten, verstummten die Gespräche.

Albrecht sah zuerst Berger an.

Dann mich.

Keine Überraschung.

Nur ein sehr kleines Lächeln.

„Hauptfrau Hartmann.“

„Dr. Albrecht.“

„Ich habe gehört, Sie hatten heute einen anstrengenden Tag.“

„Sie scheinen gut informiert zu sein.“

Er verschränkte die Hände auf dem Tisch.

„Das gehört zu meiner Arbeit.“

Ich legte das Foto vor ihn.

Sein Blick wanderte kurz darüber.

„Kennen Sie diese Männer?“

„Einige.“

„Auch Henrik Vollmer?“

„Natürlich.“

„Wann haben Sie zuletzt mit ihm gesprochen?“

Zum ersten Mal machte Albrecht eine Pause.

Nur eine Sekunde.

Aber eine Sekunde kann lang sein.

„Vor mehreren Wochen.“

Ich legte einen Ausdruck der Datei daneben.

M.A.-17.

Sein Gesicht blieb ruhig.

„Was soll das sein?“

„Ihre digitale Freigabekennung.“

Er lächelte.

„Sie bauen eine ziemlich ernste Anschuldigung auf eine Buchstabenfolge.“

„Nein.“

Ich legte das Transkript des Audiomitschnitts dazu.

Das Lächeln verschwand.

Im Raum bewegte sich niemand.

Dann sah Albrecht nicht mich an.

Nicht Berger.

Sondern den Brigadegeneral am anderen Ende des Tisches.

Und sagte nur:

„Jetzt.“

Der Brigadegeneral griff unter den Tisch.

Drei Feldjäger zogen gleichzeitig ihre Waffen.

„Hände sichtbar!“

Der Mann erstarrte.

Langsam hob er beide Hände.

Doch Albrecht lächelte wieder.

„Sie verstehen es immer noch nicht, Hauptfrau.“

Ein Alarm begann im gesamten Gebäude zu heulen.

Die Beleuchtung erlosch.

Notlicht sprang an.

Dann meldete sich Reuters Funkgerät.

„Hartmann, wir haben ein Problem.“

„Welches?“

Seine Antwort ließ den ganzen Raum gefrieren.

„Jemand hat gerade versucht, Daniel Graf aus dem gesicherten Bereich zu holen.“

Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 8, um weiterzulesen.

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