Der Datenträger lag in einer versiegelten Beweismitteltüte auf dem Tisch des provisorisch eingerichteten Ermittlungsraums.
Niemand berührte ihn.
Nicht mehr.
Zwei IT-Spezialisten der Feldjäger hatten bereits begonnen, eine forensische Kopie anzufertigen.
Ich stand hinter ihnen und beobachtete den Fortschrittsbalken auf dem Monitor.
Dreiundzwanzig Prozent.
Achtundzwanzig.
Einunddreißig.
Generalleutnant Berger stand am Fenster.
Oberstabsfeldwebel Reuter hatte sich neben der Tür positioniert.
Leutnant Weber saß auf einem Stuhl gegenüber und wiederholte seine Aussage für das Protokoll.
Markus Stein befand sich inzwischen unter Bewachung in einem separaten Raum.
Major Henrik Vollmer war weiterhin verschwunden.
Und Daniel Graf lag auf der Krankenstation.
Bevor die Sanitäter ihn mitgenommen hatten, hatte er mir einen einzigen Satz gesagt.
„Suchen Sie nach den Männern, die offiziell bestanden haben, obwohl sie nie dort waren.“
Ich hatte ihn nicht weiter befragen können.
Sein Kreislauf war eingebrochen.
Jetzt dachte ich über diesen Satz nach.
Offiziell bestanden.
Obwohl sie nie dort waren.
„Hauptfrau.“
Einer der IT-Spezialisten drehte sich zu mir.
„Das Abbild ist fertig.“
„Öffnen Sie nur die Kopie.“
„Jawohl.“
Auf dem Datenträger befanden sich zunächst gewöhnliche Dateien.
Dienstpläne.
Ausbildungsübersichten.
Bewertungsbögen.
Nichts, was auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkte.
Dann fanden wir einen verschlüsselten Ordner.
Kein Name.
Nur drei Buchstaben.
A.R.K.
Reuter trat näher.
„Sagt Ihnen das etwas?“
„Nein.“
Der Spezialist versuchte mehrere dienstliche Zugangsschlüssel.
Keiner funktionierte.
Dann hielt ich ihn auf.
„Versuchen Sie die Vorgangsnummer auf dem gefälschten Befehl.“
Reuter sah mich überrascht an.
Der Spezialist tippte die Nummer ein.
Der Ordner öffnete sich.
Niemand sagte etwas.
Darin lagen Hunderte Dateien.
Videos.
Scans.
Bewertungslisten.
Audiomitschnitte.
Interne Nachrichten.
Und eine Tabelle mit achtundsechzig Namen.
Der Spezialist öffnete sie.
Ich las die erste Spalte.
Name.
Dienstgrad.
Einheit.
Prüfungsstatus.
Dann folgte eine Spalte, die nicht in ein offizielles Ausbildungssystem gehörte.
„Korrekturwert“.
Bei manchen Soldaten stand null.
Bei anderen fünf.
Zehn.
Zwanzig.
Einige Werte waren rot markiert.
„Was bedeutet das?“, fragte Berger.
Ich deutete auf die nächsten Spalten.
„Sehen Sie hier.“
Ein Soldat hatte laut Originalbewertung eine Abschlussleistung von achtundfünfzig Prozent erzielt.
Nicht bestanden.
In der nächsten Spalte stand ein Korrekturwert von plus siebenundzwanzig.
Offizielles Ergebnis: fünfundachtzig Prozent.
Bestanden.
Beim nächsten Namen war es umgekehrt.
Original: zweiundneunzig Prozent.
Korrekturwert: minus dreißig.
Offiziell: zweiundsechzig.
Nicht bestanden.
Reuter flüsterte:
„Sie haben Ergebnisse manipuliert.“
„Systematisch“, sagte ich.
Ich scrollte weiter.
Ein Muster wurde sichtbar.
Soldaten, die Stein oder Vollmer nahestanden, wurden nach oben korrigiert.
Soldaten, die Beschwerden eingereicht hatten, verloren plötzlich Punkte.
Beförderungsempfehlungen verschwanden.
Leistungsnachweise wurden negativ verändert.
Versetzungsanträge tauchten auf.
„Vergeltung“, sagte Berger.
„Und Belohnung.“
Ich öffnete eine weitere Datei.
Videoaufnahmen aus einem Hindernisparcours.
Zeitstempel.
Teilnehmerlisten.
Ich verglich die Namen.
Dann verstand ich, was Graf gemeint hatte.
Drei Männer waren offiziell als Teilnehmer eingetragen.
Auf dem Video erschienen sie nicht ein einziges Mal.
Trotzdem hatten alle drei bestanden.
Mit ausgezeichneten Ergebnissen.
„Diese Männer waren nie bei der Prüfung“, sagte ich.
Reuter fluchte.
„Wer sind sie?“
Der erste war ein Oberfeldwebel.
Der zweite ein Hauptmann.
Beim dritten Namen wurde Berger still.
Hauptmann Felix Vollmer.
Major Henrik Vollmers jüngerer Bruder.
„Da ist unser erster persönlicher Zusammenhang“, sagte ich.
In diesem Augenblick öffnete der Spezialist eine Audiodatei.
Eine Stimme erklang.
Markus Stein.
„Wenn einer von denen glaubt, er könne nach Berlin schreiben, bekommt er beim nächsten Durchlauf eben keine achtzig Punkte mehr.“
Dann eine zweite Stimme.
Vollmer.
„Und Hartmann?“
Mein Körper wurde vollkommen still.
Die Aufnahme lief weiter.
Stein antwortete:
„Wenn sie wirklich kommt, sorgen wir dafür, dass sie selbst Teil des Problems wird.“
Reuter sah mich an.
Berger ebenfalls.
Die Aufnahme war drei Wochen alt.
Drei Wochen bevor ich offiziell am Standort erscheinen sollte.
„Jemand hat meinen Einsatz verraten“, sagte ich.
Berger nickte langsam.
„Nur sehr wenige Personen kannten den Auftrag.“
„Wie viele?“
„Fünf.“
„Namen.“
Er zögerte nur einen Moment.
Dann nannte er sie.
Zwei Generale.
Ein Referatsleiter im Ministerium.
Berger selbst.
Und Major Henrik Vollmer.
Ich sah ihn an.
„Vollmer wusste offiziell davon?“
„Er wurde informiert, weil er die Ausbildungsunterlagen vorbereiten sollte.“
Damit war klar, wie mein Name auf den gefälschten Befehl gekommen war.
Aber etwas passte noch immer nicht.
„Warum sollte Vollmer einen Datenträger in Steins Schredderraum zurücklassen?“
Reuter verschränkte die Arme.
„Vielleicht hatte er keine Zeit.“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Er hatte Zeit, den gesamten Raum zu leeren.“
Ich deutete auf den Datenträger.
„Das hier sollte gefunden werden.“
Stille.
Der IT-Spezialist scrollte durch das Verzeichnis.
„Hauptfrau, da ist noch etwas.“
Ein Unterordner.
„Fallback“.
Darin befand sich nur eine Datei.
Ein Video.
Zeitstempel: heute Morgen, 05:42 Uhr.
Wir spielten es ab.
Major Henrik Vollmer erschien auf dem Bildschirm.
Er saß in einem dunklen Raum und blickte direkt in die Kamera.
„Falls diese Aufnahme gefunden wird“, sagte er, „ist Oberstleutnant Stein vermutlich bereits festgenommen worden.“
Reuter atmete scharf aus.
Vollmer fuhr fort.
„Stein glaubt, er kontrolliert dieses System.“
Ein bitteres Lächeln.
„Er irrt sich.“
Dann hob Vollmer ein Blatt Papier in die Kamera.
Darauf standen sechs Namen.
Die sechs Personen aus dem unterirdischen Raum.
„Wenn Hauptfrau Hartmann diese Leute findet, wird sie glauben, die Fälschung diene dazu, sie zu belasten.“
Er legte das Blatt weg.
„Das ist nur die halbe Wahrheit.“
Ich trat näher an den Bildschirm.
Vollmers Gesicht wurde ernst.
„Eine dieser sechs Personen arbeitet für uns.“
Das Video endete.
Niemand sprach.
Ich dachte an Daniel Graf.
An die zivile Mitarbeiterin.
An den Hauptfeldwebel.
An die drei anderen Soldaten.
Einer von ihnen war nicht Opfer.
Einer war dort unten gewesen, um die anderen zu beobachten.
Oder zum Schweigen zu bringen.
Ich griff nach meinem Funkgerät.
„Sperren Sie sofort die Krankenstation.“
Reuters Kopf fuhr herum.
„Warum?“
Ich war bereits an der Tür.
„Weil Graf weiß, was wirklich passiert ist.“
In diesem Augenblick krachte eine Stimme aus meinem Funkgerät.
„Hauptfrau Hartmann, kommen!“
Dann hektisches Atmen.
„Wir haben einen Zwischenfall auf der Krankenstation.“
Ich blieb stehen.
„Was für einen Zwischenfall?“
Die Antwort kam sofort.
„Obermaat Graf ist verschwunden.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 5, um weiterzulesen.







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