Für eine halbe Sekunde bewegte sich niemand.
Dann rannten wir.
Die Krankenstation lag zwei Gebäude weiter, im Erdgeschoss eines flachen Betonbaus hinter dem Stabsbereich.
Als ich die Tür aufstieß, stand ein Sanitäter mitten im Flur und hielt sich die linke Schläfe.
Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch.
„Wo ist Graf?“
„Ich weiß es nicht, Hauptfrau.“
„Was ist passiert?“
„Er lag auf der Liege. Dann kam jemand rein und sagte, Sie hätten eine sofortige Verlegung angeordnet.“
Ich blieb stehen.
„Wer?“
Der Sanitäter deutete auf den hinteren Ausgang.
„Hauptfeldwebel Krüger.“
Der Mann aus dem unterirdischen Raum.
Einer der sechs.
Reuter fluchte.
„Also war er es.“
„Vielleicht“, sagte ich.
Vielleicht war gefährlicher als Gewissheit.
Ich betrat den Behandlungsraum.
Grafs leere Liege stand noch dort.
Ein Infusionsschlauch hing bis zum Boden.
Auf dem Tisch lag seine Uniformjacke.
Seine Stiefel standen darunter.
Er war nicht freiwillig gegangen.
„Kameras?“
„Der Flur wird aufgezeichnet.“
„Zeigen.“
Weniger als zwei Minuten später sahen wir die Aufnahme.
Um 13:17 Uhr öffnete sich die Tür.
Hauptfeldwebel Sebastian Krüger trat ein.
Er trug wieder seine Uniform.
Eine Minute später kam er mit Daniel Graf heraus.
Graf konnte kaum gehen.
Krüger stützte ihn.
Auf den ersten Blick sah es aus wie Hilfe.
Dann stoppte ich das Bild.
„Zurück.“
Der Spezialist spielte drei Sekunden zurück.
„Anhalten.“
Ich zeigte auf Krügers rechte Hand.
Unter Grafs Arm hielt er etwas Kleines Schwarzes gegen dessen Seite.
Reuter beugte sich näher.
„Waffe?“
„Möglich.“
Berger hatte uns inzwischen erreicht.
„Ausgänge sperren.“
„Schon veranlasst“, sagte Reuter.
Ein Feldjäger kam über Funk.
„Haupttor negativ. Niemand mit Grafs Beschreibung hat den Standort verlassen.“
Ich sah auf die Uhr.
Sechs Minuten.
Krüger war noch auf dem Gelände.
„Fahrzeuge überprüfen. Keller. Technikbereiche. Alte Ausbildungsanlagen.“
Reuter nickte.
Dann sah ich wieder auf den Monitor.
Krüger und Graf verschwanden durch den hinteren Ausgang.
Doch unmittelbar bevor sie das Bild verließen, hob Graf den Kopf.
Seine Hand berührte für weniger als eine Sekunde den Türrahmen.
„Vergrößern.“
Das Bild wurde unscharf.
Aber deutlich genug.
Graf hatte mit Blut drei Zeichen an die weiße Wand geschrieben.
2B7.
Reuter runzelte die Stirn.
„Raumnummer?“
Ich sah ihn an.
„Gibt es einen Bereich B?“
„Unter dem alten Schießhaus.“
Berger antwortete diesmal selbst.
„Sektor zwei.“
Reuter wurde bleich.
„Die Anlage ist seit Jahren offiziell stillgelegt.“
Offiziell.
Dieses Wort hatte seit meiner Ankunft seinen Wert verloren.
„Los.“
Das alte Schießhaus lag am äußersten Rand des Standortes.
Von außen sah es verlassen aus.
Fenster mit Metallläden.
Verblasste Warnschilder.
Eine schwere Eingangstür.
Verschlossen.
Einer der Feldjäger überprüfte das Schloss.
„Von innen verriegelt.“
„Seiteneingang?“
„Zugeschweißt.“
Ich ging um das Gebäude herum.
Hinter einem Stapel alter Schutzbarrieren fand ich frische Reifenspuren.
Sie endeten an einer Betonplatte.
Reuter sah sie ebenfalls.
„Da ist kein Weg.“
„Doch.“
Ich kniete mich hin.
Zwischen zwei Betonplatten verlief eine schmale schwarze Linie.
Eine hydraulische Zufahrt.
Unterirdisch.
Zwei Feldjäger suchten nach der Steuerung.
Ich betrachtete währenddessen die Umgebung.
Keine Bewegung.
Keine Geräusche.
Zu ruhig.
Dann vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht von einer unbekannten dienstlichen Nummer.
Nur ein Foto.
Daniel Graf saß auf einem Metallstuhl.
Lebend.
Hinter ihm war eine graue Wand.
Auf seiner Brust lag ein Blatt Papier.
Darauf stand:
HARTMANN KOMMT ALLEIN.
Darunter:
14:00.
Ich sah auf die Uhr.
13:41.
Berger bemerkte meinen Gesichtsausdruck.
„Was?“
Ich zeigte ihm das Foto.
„Nein“, sagte er sofort. „Sie gehen da nicht allein hinein.“
„Das erwarten sie.“
„Eben.“
Ich betrachtete das Bild erneut.
Dann fiel mir etwas auf.
„Nicht Krüger.“
Reuter sah mich fragend an.
„Was?“
„Das Foto wurde nicht von Krüger aufgenommen.“
Ich vergrößerte die Spiegelung an einer metallischen Fläche hinter Graf.
Eine Gestalt war darin zu erkennen.
Groß.
Schmale Schultern.
Zivile Kleidung.
Krüger hatte auf der Krankenstation Uniform getragen.
Berger verstand.
„Also mindestens zwei Täter.“
„Oder Krüger ist ebenfalls nur ein Werkzeug.“
In diesem Moment knackte das Funkgerät eines Feldjägers.
„Zufahrt gefunden.“
Ein tiefes hydraulisches Geräusch setzte ein.
Langsam hob sich die Betonplatte.
Darunter führte eine Rampe in die Dunkelheit.
Wir gingen nicht sofort hinein.
Ich ließ zuerst eine Kamera hinunter.
Der Gang war leer.
Am Ende befanden sich drei Türen.
B5.
B6.
B7.
2B7.
Graf hatte uns direkt hierher geführt.
Ich sah Berger an.
„Wir brauchen ihn lebend.“
„Graf?“
„Alle.“
Wir näherten uns B7.
Die Tür stand einen Spalt offen.
Drinnen brannte Licht.
Ich hob die Hand.
Alle blieben stehen.
Dann hörten wir Stimmen.
Krüger.
„Ich habe getan, was Sie verlangt haben.“
Eine zweite Stimme antwortete.
Leise.
Kalt.
„Sie haben zu viel gesehen.“
Krüger klang plötzlich panisch.
„Sie haben gesagt, ich würde geschützt.“
„Das habe ich.“
Ein dumpfer Schlag.
Danach Stille.
Ich öffnete die Tür.
Graf saß tatsächlich auf dem Metallstuhl.
Unverletzt genug, um bei Bewusstsein zu sein.
Krüger lag neben der Wand.
Er atmete.
Aber außer ihnen war der Raum leer.
Auf dem Tisch stand ein Laptop.
Sein Bildschirm zeigte einen laufenden Videoanruf.
Major Henrik Vollmer sah uns direkt entgegen.
„Hauptfrau Hartmann“, sagte er.
„Pünktlicher, als ich erwartet hatte.“
„Wo sind Sie?“
Vollmer lächelte.
„Das ist jetzt nicht mehr wichtig.“
„Für Sie vielleicht.“
Sein Lächeln verschwand.
„Sie glauben noch immer, Stein sei der Mittelpunkt dieser Sache.“
Ich antwortete nicht.
„Er war nie mehr als ein nützlicher Schläger“, sagte Vollmer. „Ein Mann, der gern Macht demonstrierte, während andere dafür sorgten, dass niemand auf die Zahlen schaute.“
Graf hob schwach den Kopf.
„Anna …“
Vollmer sprach weiter.
„Fragen Sie Graf, was wirklich manipuliert wurde.“
Ich sah zu ihm.
Graf holte mühsam Luft.
„Nicht nur Prüfungen.“
„Was noch?“
Seine Augen trafen meine.
„Einsatzbereitschaften.“
Im Raum wurde es still.
Graf schluckte.
„Sie haben Soldaten als einsatzfähig gemeldet, die niemals qualifiziert waren.“
Berger wurde blass.
„Wie viele?“
Graf antwortete kaum hörbar.
„Nicht Soldaten.“
Eine Pause.
„Ganze Teams.“
Auf dem Laptop begann Vollmer wieder zu lächeln.
„Jetzt verstehen Sie langsam.“
Dann erschien hinter ihm für den Bruchteil einer Sekunde eine zweite Person.
Nur ein Teil des Gesichts.
Doch Generalleutnant Berger erstarrte.
Ich sah zu ihm.
„Sie kennen ihn.“
Berger antwortete nicht sofort.
Als er schließlich sprach, klang seine Stimme anders.
„Ja.“
Sein Blick blieb auf dem Bildschirm.
„Und wenn er wirklich dahintersteckt, reicht diese Sache weit über Calw hinaus.“
Fortsetzung folgt — klicke auf Teil 6, um weiterzulesen.







No comments yet