Zuerst bewegte ich mich nicht. Nicht, weil ich ruhig war. Sondern weil mein Körper sich weigerte zu begreifen, was meine Augen gerade sahen. Die hohen Eiben hinter mir kamen mir plötzlich viel zu dünn vor, um irgendetwas verbergen zu können. Zu zerbrechlich, um Leben und Tod voneinander zu trennen. Sophie war bereits zu ihrem Vater gelaufen und zwischen den Schatten der sauber geschnittenen Hecken und den schmalen Steinwegen verschwunden. Ich hätte ihre Warnung sofort ernst nehmen und tun sollen, was sie gesagt hatte. Ich hätte weglaufen sollen.
Stattdessen blieb ich liegen und beobachtete Isabella.
Sie stand noch immer neben der Limousine. Der Mann, den sie geküsst hatte, sagte etwas zu ihr, woraufhin sie leise lachte. Dieses Lachen kannte ich. Ich hatte es jahrelang beim Frühstück gehört, an Geburtstagen, auf Reisen, sogar in Nächten, in denen wir glaubten, die Welt gehöre uns. Jetzt klang es wie etwas Fremdes.
Ich nahm mein eigenes Handy heraus und schaltete den Bildschirm ein.
07:08 Uhr.
Sieben Minuten, bevor ich laut ihrer Stimme im Wagen sitzen sollte.
Sieben Minuten, bevor ich laut der Aufnahme offiziell auf dem Weg nach München sein würde.
Ich rief Markus an.
Er war mein ältester Vertrauter. Ein Mann, der seit zwölf Jahren an meiner Seite war und von dem ich glaubte, dass ich ihm sogar mit geschlossenen Augen den Rücken hätte zuwenden können.
„Wo bist du?“, fragte er.
„Im Garten.“
Eine Pause.
„Im Garten?“
„Wie viele Männer stehen heute am Nordtor?“
Wieder eine Pause. Diesmal länger.
„Vier.“
„Und am Südtor?“
„Drei.“
„Hol sie nicht herein.“
„Viktor, was ist passiert?“
Ich sah zur Limousine.
„Noch nichts.“
Ich legte auf.
Dann rief ich eine zweite Nummer an. Nicht meinen Sicherheitschef. Nicht meinen Anwalt. Nicht einmal meinen Bruder.
Enzo.
Das Telefon klingelte zweimal.
„Herr Morell?“
Ich schloss für einen Moment die Augen.
Diese Stimme.
Echt.
„Wo bist du?“
„Zu Hause. Ich habe heute frei. Sie sagten gestern, ich solle erst am Nachmittag—“
Ich legte auf.
Meine Hand war plötzlich eiskalt.
Der Mann draußen war also nicht nur ein Fremder. Jemand hatte meinen Fahrer aus dem Weg geschafft, seine Gewohnheiten studiert, das Kennzeichen gewechselt und sogar dafür gesorgt, dass niemand Fragen stellte.
Das bedeutete, dass dieser Plan nicht gestern begonnen hatte.
Vielleicht nicht einmal vor einer Woche.
Vielleicht hatte jemand seit Monaten darauf gewartet, dass ich genau diesen Morgen erlebte.
Ein leises Geräusch hinter mir ließ mich herumfahren.
Sophie stand wieder da.
Diesmal allein.
„Mein Papa hat das Tor abgeschlossen.“
„Gut.“
Sie sah mich an. „Sind Sie jetzt böse?“
Die Frage traf mich unerwartet.
Ich wollte ihr sagen, dass ich nicht böse war. Aber das wäre eine Lüge gewesen.
„Ja“, sagte ich. „Sehr.“
Sie senkte den Blick.
„Aber nicht auf dich.“
Sie nickte.
Dann zog sie wieder das alte Handy aus ihrer Tasche.
„Es gibt noch etwas.“
Ich sah sie an.
„Was?“
„Die Aufnahme war nicht von heute.“
Mein Herz schlug einmal hart gegen meine Brust.
„Was meinst du?“
„Papa hat sie vor drei Tagen gemacht.“
Ich nahm ihr das Handy vorsichtig aus der Hand.
„Warum hat dein Vater das aufgenommen?“
Sophie sah zu den Fenstern der Villa.
„Weil er Angst hatte.“
„Vor Isabella?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Vor einem Mann, der immer nachts kommt.“
Ich sagte nichts.
„Mein Papa hat ihn zweimal gesehen“, fuhr sie fort. „Er hat einen langen grauen Mantel getragen. Und er hat nie durch das Haupttor gegangen.“
„Wo dann?“
Sophie zeigte auf die Rückseite der Villa.
Auf einen alten, kaum noch benutzten Weg, der zu einem kleinen Nebengebäude führte.
„Dort.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
Markus.
Ich nahm sofort ab.
„Wir haben ein Problem.“
„Welches?“
„Die Männer am Südtor melden, dass zwei Fahrzeuge gerade auf das Grundstück zukommen.“
„Wem gehören sie?“
„Das wissen wir noch nicht.“
Ich stand auf.
„Sperr alle Ausgänge.“
„Schon dabei.“
„Und Markus—“
„Ja?“
„Niemand darf Isabella anfassen.“
Er schwieg kurz.
„Viktor, wenn sie dich verraten hat—“
„Ich sagte, niemand fasst sie an.“
Ich beendete das Gespräch.
Sophie sah mich an.
„Warum?“
Ich wusste sofort, was sie meinte.
Warum sollte ich die Frau schützen, die mich gerade hatte töten lassen?
Ich blickte durch die Eiben auf Isabella.
„Weil ich wissen will, warum.“
Zum ersten Mal seit Beginn dieses Morgens wirkte Sophie wirklich erleichtert.
Dann hörten wir ein Geräusch.
Ein Motor.
Nicht von der Straße.
Von hinten.
Ich drehte mich zum alten Weg.
Zwischen den Bäumen tauchte ein dunkler Wagen auf.
Er fuhr langsam.
Viel zu langsam.
Er hielt nicht am Nebengebäude.
Er hielt direkt vor der kleinen Hintertür der Villa.
Ein Mann stieg aus.
Grauer Mantel.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
Sophie griff nach meiner Hand.
„Das ist er.“
Der Mann ging zur Tür.
Er sah sich nicht um.
Er klopfte zweimal.
Dann einmal.
Die Tür öffnete sich von innen.
Und jemand trat heraus.
Nicht Isabella.
Nicht Markus.
Sondern mein Vater.
Der Mann, von dem ich seit elf Jahren glaubte, dass er tot war.







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